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"Böses Blut" von J. K. Rowling:Ein Mörder und sein Kostüm

No Gender Trouble: Tom Burke als Cormoran Strike und Holliday Granger in der BBC-Verfilmung der Krimireihe.

(Foto: BBC)

Im vergangenen Jahr wurde J. K. Rowling Transphobie vorgeworfen. Manche wollen die auch in ihrem neuesten Krimi "Böses Blut" sehen. Ist da was?

Von Alexander Menden

Natürlich sollte man "Böses Blut", den fünften Kriminalroman in J. K. Rowlings Cormoran-Strike-Reihe, einfach für sich betrachten, unabhängig von irgendwelchen Wutwellen, die über die Autorin hereinbrechen. Doch jene, bei denen Rowlings Beiträge zur Transgender-Debatte seit einiger Zeit heftige Reaktionen auslösen, haben das Buch derart unwiderstehlich in ihren Zornes-Vortex gezerrt, dass es schlechterdings unmöglich ist, diesen Umstand zu ignorieren, wenn man über das nun in deutscher Übersetzung erschienene Werk spricht.

Rowling - die, auch das wirft ihr mancher in diesem Kontext vor, ihre Krimis unter dem männlichen Pseudonym Robert Galbraith publiziert - wurde von ihren Kritikern im Dezember 2019 endgültig als TERF (trans-exclusionary radical feminist) abgestempelt. Damals hatte sie in einem Tweet ihre Unterstützung für eine Britin formuliert, die von einem Thinktank wegen vermeintlich transphober Äußerungen entlassen worden war. Jeder solle leben, wie er oder sie wolle, "aber Frauen aus ihrem Job zwingen, weil sie behaupten, Geschlechter seien eine Realität?" fragte Rowling, offenkundig entnervt. Auch ihre Weigerung, sich als "Mensch, der menstruiert" kategorisieren zu lassen, kam bei Teilen ihrer Leserschaft nicht gut an.

Es wurden Buchverbrennungsvideos im Internet veröffentlicht, manche Buchläden weigerten sich, "Troubled Blood" (so der Originaltitel) ins Sortiment zu nehmen. Viel von der Kritik entsprang auch enttäuschter Liebe glühender Harry-Potter-Fans. Die amerikanische Journalistin Aja Romano schrieb, Rowling habe "viele ihrer Millionen Fans - einschließlich mir - zutiefst verletzt". Noch wichtiger sei, dass die Autorin "die Art von Hass und Fehlinformationen" fortsetze, die dazu führten, "dass Transfrauen erschreckend häufig Opfer von sexuellen Übergriffen, Gewalt und Hassverbrechen" würden. Ähnlich robust fiel die Verteidigung der Schriftstellerin aus. Der Spectator-Autor Alex Massie etwa machte als Quelle der Kampagne eine Gruppe aus, von denen einige, so Massie "als 'Trans-Verbündete', andere als 'Teilzeit'- oder 'Lifestyle'-Trans-Menschen bezeichnet werden könnten", die meist viel lauter seien als, "wenn man so will, die tatsächlichen Trans-Menschen selbst". Die extreme Intoleranz dieser Gruppe erinnere ihn an die "Frühphasen autoritärer Regime".

Jetzt mal bloß nicht in die Entrüstungsfalle tappen

All das muss erwähnt werden, weil es als Hintergrundlärm die Veröffentlichung der Originalfassung von "Böses Blut" so dominant begleitete. Man ist allerdings weder dazu verpflichtet, noch gibt es eine inhaltliche Veranlassung dazu, persönliche Attacken auf die Autorin bei der literarischen Bewertung des Buches selbst zu berücksichtigen. Das hieße, in die Entrüstungsfalle zu tappen. Denn der dünne Aufhänger dafür, den Roman selbst als transphob zu inkriminieren, war allein der Umstand, dass es darin unter anderem um den historischen Fall eines männlichen Serienmörders geht, der sich als Frau verkleidete.

Um es vorwegzunehmen: Der "Essex Butcher" Dennis Creed ist kein Trans-Charakter und wird auch nie als solcher interpretiert. Er ist vielmehr ein "Genie der Täuschung, in einem rosa Mantel und manchmal mit einer Perücke, die einem betrunkenen Opfer gerade lang genug eine weibliche Erscheinung vorgaukelte, bis Creeds Pranken ihm den vor Entsetzen weit aufgerissenen Mund zuhielten". Es sagt viel über die Qualität der Debatte aus, dass so gut wie nichts anderes über die fünfte Strike-Folge in den Verlautbarungen gegen Rowling zur Sprache kam als dieses Detail, das angeblich ein unverhohlener Angriff auf Transfrauen sei, die Frauentoiletten benutzen wollen. Dass manche britischen Rezensionen sich zu dem Fazit verstiegen, die "Moral des Buches" sei "Trau nie einem Mann in Frauenkleidern", unterstrich nur, dass der eine oder andere sein Urteil bereits vor der Lektüre gefällt hatte.

Betrachtet man das Werk im Verhältnis zu den vorangegangenen Teilen der Reihe, ist festzustellen, dass sich die Autorin in "Böses Blut" wie schon früher - vor allem in "Der Seidenspinner" und "Die Ernte des Bösen" - erneut ihren Vorlieben für makabre Details hingibt. Hier ist es die quasi-zitierende Wiedergabe eines fiktiven reißerischen "True Crime"-Buches aus den Achtzigerjahren über die Creed-Mordserie, in der sie die Grausamkeiten des "Essex Butcher" schildert. Dieses Buch dient dem einbeinigen Veteranen und Privatdetektiv Cormoran Strike und seiner frisch von ihrem manipulativen Gatten Matthew geschiedenen Geschäftspartnerin Robin Ellacott zur Recherche für ihren jüngsten Fall.

Wieder einmal lassen die dickensischen Details den Roman ins Hypertrophe wachsen

Was man "Böses Blut" noch mehr anmerkt als den ersten vier Romanen, ist die Selbstbeschränkung, die Rowling sich durch ihr Bemühen um eine möglichst realistische Wiedergabe der Kompetenzen eines Privatdetektivs auferlegt. Bei der Aufklärung der Mordfälle, um die es bisher ging, fand sie stets einen Dreh, um zu rechtfertigen, warum Strike sich einer Aufgabe annahm, die einzig der Polizei obliegt. Diesmal ist es ein "Cold Case" - ein längst abgeschlossener Mord aus den Siebzigerjahren an einer Ärztin. Die Tatsache, dass das Opfer Margot Bamborough spurlos verschwand und der verantwortliche Polizist während der Ermittlungen einen Nervenzusammenbruch erlitt, lässt Margots Tochter nicht ruhen. Sie beauftragt daher Strike, die ganze Geschichte noch einmal aufzurollen.

Dass die Verfolgung dieser kalten Spur weitgehend spannend bleibt, ist vor allem Rowlings Fähigkeit geschuldet, komplexe Handlungsstränge nachvollziehbar miteinander zu verzwirbeln. Während der Fall selbst - je weniger man darüber verrät, desto besser - auf eine wie üblich überraschende Auflösung zusteuert, sind es wieder einmal die gleichsam dickensischen Details, die den Roman einerseits ins ansatzweise Hypertrophe anwachsen lassen, die ihm aber auch seine Miterlebbarkeit verleihen. Der Nebenfall eines Trigamisten etwa, den Robin ins West Country verfolgt, wo er - neben einer Frau in London und einer schwangeren Freundin in Schottland - noch eine dritte Familie hat. Eine logistische Meisterleistung dieses Mannes, der man als Leser seinen Respekt ebenso wenig versagen kann, wie Rowlings solidem Plotting insgesamt. Da verzeiht man ihr auch die seit Potter-Tagen wohlbekannte Tendenz zur Bildungshuberei - in diesem Fall die jedem Kapitel vorangestellten Zitate aus Edmund Spensers epischen Versgedicht "The Faerie Queene".

Wie immer halten auch die sich durch alle Strike-Romane ziehenden Themen und Charakterstudien den Leser bei der Stange: Da ist Cormorans kompliziertes Verhältnis zu seinem Rockstar-Vater Jonny Rokeby und seiner Schwester Lucy, welche die gemeinsame Kindheitserfahrung peripatetischer Wurzellosigkeit mit der Hippie-Mutter, anders als Strike selbst, durch ein Festhalten an spießiger Sicherheit bekämpft. Da sind die Folgen von Robins Scheidung und ihre Auseinandersetzung mit einem zudringlichen Kollegen. Und natürlich die immerwährende, lustvoll allen Soap-Opera-Klischees folgende Frage: Werden die beiden Detektive irgendwann endlich ein Paar?

Kurz, "Böses Blut" ist ein solider, vielleicht ein bisschen zu langer Unterhaltungsroman mit gewohnt gekonnter Figurenzeichnung. Er ist sicher weniger profund, als man je erahnen könnte, wenn man nur die hitzige Grundsatzdebatte mitbekommen hat, die ihm übergestülpt wurde. Als Fortsetzung einer gut gemachten Krimireihe ist er hochwillkommen.

Robert Galbraith: Böses Blut. Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz. Verlag Blanvalet, München 2020. 1194 Seiten, 26 Euro, E-Book 19,99 Euro.

© SZ/masc
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