"Roter Winter", ein Roman von 1969 Dies ist der Mai

Annemarie Webers Roman "Roter Winter" ist 1969 erstmals erschienen. Er erzählt vom revolutionären Chic der Sechziger, mit feiner Witterung für die Rebellion, die damals in der Luft lag.

Von Lothar Müller

In der Kneipe "Zum nassen Hund" im Wedding spielt der Musikautomat immer wieder "Bei mir bist du schön . . .", weil einer der trinkfesten Revolutionäre davon nicht genug bekommen kann. Auf dem Kurfürstendamm paradieren junge Modistinnen in weißen Lackledercapes. Die Damen und Herren aus dem feineren Westend, die das von der Glasveranda des "Danmark" aus beobachten, haben auch ihr Stammlokal, Ecke Eschenallee, in dem der Richter Krumme verkehrt, die Kleintierhändlerin Lydia Pawlowski und der Violinist, dessen Frau von Bayreuth schwärmt. Und Lili Abelssen, die mit ihrem Gatten Richard ein sehr mondänes Leben führt, Wanderin zwischen den Berliner Zwischenwelten und ihren Männern.

Als Immobilienmaklerin verwaltet sie Wohnungen im Wedding, als Spezialistin für Eleganz in allen Lebenslagen ist sie für Richard Abelssens Erfolg in der Modebranche unentbehrlich. Dass die beiden eine feine Witterung für die Rebellion haben, die in Westberlin in der Luft liegt, hat mit ihrem Sinn für Mode zu tun. Es wird in ihren Kreisen chic, sich revolutionär zu geben. ",Was wollen Sie jetzt am Olivaer Platz?', fragte der Taxi-Chauffeur. ,Demonstrieren', gab Herr Abelssen Auskunft."

Der Roman, in dem die Abelssens die Hauptrollen geben, erschien unter dem Titel "Roter Winter. Zwischenspiele einer Ehe" im Jahr 1969 im Kurt-Desch-Verlag in München. Interesse bei Publikum und Kritik fand er damals kaum. Aber nicht jeder Zeitroman wird von der Gegenwart geschätzt, die er porträtiert. Manche reifen still vor sich hin, bis an ihnen etwas hervortritt, was den Zeitgenossen entging. Dieses "Etwas" ist hier die Generationenschichtung. Es geht um "Berlin 1968", ehe Ort und Jahreszahl zur symbolischen Chiffre wurden, aber es geht nicht, wie bei den jüngeren Autoren von Peter Schneider bis Uwe Timm, um Innenansichten der Rebellion. Die Erzählstimme in diesem Roman ist nicht um 1945 geboren, sie hat 1945 in den Knochen und ist alt genug, um Adolf Hitler zum 1. Mai in HJ-Kleidung auf dem Tempelhofer Feld zuzujubeln: "Der Führer kam, wir sahen ihn, und es ging uns darum, Deutschlands Schande zu löschen."

Nah, sehr nah ist diese Erzählstimme ihrer Autorin, der Journalistin, Feuilletonistin und Romanschriftstellerin Annemarie Weber. 1918 in Berlin geboren, hatte sie von 1936 bis 1939 eine Ausbildung in der Amelang'schen Buchhandlung in der Kantstraße gemacht, dort den Buchhändler Heinrich Weber kennengelernt und nach Kriegsende geheiratet. Sie arbeitete damals für die britische Militärverwaltung als Dolmetscherin und Übersetzerin, von 1953 bis 1955 war sie Redakteurin der Berliner Morgenpost, schrieb Kopfkissenbücher für Damen und Herren, ein Feuilleton nach dem anderen für das Radio oder den Tagesspiegel , darunter auch eines im eigenen Leben. Einen ihrer Artikel, er handelte von Frauen auf Partnersuche, las im fernen Bayern Rudolf Lorenzen, damals Mitarbeiter einer Werbeagentur, aber auf dem Absprung in den Journalismus. Der Briefwechsel, der daraus entstand, führte Annemarie Weber in ihre zweite Ehe. Man heiratete in Rosenheim, ohne sich zuvor gesehen zu haben.

Annemarie Weber - hier im Jahr 1966 - teilt mit Lili Abelssen das gebleichte Haar, die Zigarette, den skeptischen Blick unter künstlichen Wimpern.

(Foto: AVIVA)

Rudolf Lorenzen, 1922 in Lübeck geboren und in Bremen aufgewachsen, kam mit nach Berlin und hatte 1957 Erfolg mit einer Kurzgeschichte, die er, Annemarie Weber als Lektorin an seiner Seite, zum Roman "Alles andere als ein Held" (1959) ausbaute. Im kühlen Ton des Angestelltenromans der späten Weimarer Republik erzählte er darin von Lehre und Soldatenleben eines jungen Mannes, der nichts mehr liebte als die Ordnung und als entkerntes Gespenst aus dem Krieg zurückkehrte.

Annemarie Weber schrieb über das Jahr 1945, das sie in den Knochen hatte, über das Kriegsende in Berlin und die Russenzeit, die Vergewaltigungen und das Sich-Durchwursteln in dem Roman "Westend", der 1966 erschien und 2012 im Aviva-Verlag neu aufgelegt wurde. Auch darin herrschte der kühle Ton, den in der Weimarer Republik die Neue Sachlichkeit zum Markenzeichen der Großstadtliteratur gemacht hatte, die ostentative Nicht-Larmoyanz, die spöttische, mit Schlagermelodien flirtende Bitterkeit, die in der Nachkriegszeit Gottfried Benn kultivierte.

Annemarie Weber und Rudolf Lorenzen gehörten als mondänes Paar im Berlin der Sechzigerjahre zu den Partys in Journalismus und Mode, ein wenig werden sie für die Abelssens in "Roter Winter" Modell gestanden haben. Aber die Mode hat es nicht mit der Natur und dem Naturalismus, also sind die Szenen einer Ehe in Kunstlicht getaucht. Im Reißverschlussverfahren durchsetzen nächtliche Spiele wie die "Streit-Patience", in der das Ehepaar kartenspielend einander fiktiv das Leben zur Hölle macht, die Romanhandlung, die von der Affäre Lili Abelssens mit dem Revolutionär Losch zum Flirt des Paars mit der revolutionären Zeitstimmung und schließlichen Teilnahme an der großen Demonstration vor dem Springer-Hochhaus voranschreitet.

Während sehr viel getrunken, noch viel mehr geraucht und später auch gekifft wird, spielt Bob Hayes "I'm feelin' like a million", Sidney Bechet "Some of these days", und Yvette Guilbert singt "C'est le mai". Allgegenwärtig sind die Beatles, weil die Abelssens heranwachsende Söhne haben, deren Vater freilich nicht Herr Abelssen ist.

Der Revolutionär Losch - er träumt von einem Aufklärungskino für Kinder im Wedding - ist wie die Abelssens älter als die demonstrierenden Studenten. Auf ihn, nicht auf Rudi Dutschke, wird in "Roter Winter" ein fast tödliches Attentat verübt, ausgeführt von Siebzigjährigen, die schon in der Freikorps-Zeit aktiv waren. Über die Benn-Schallplatte in der Wohnung der Abelssens sagt der Brecht-Verehrer Losch: "Leg sie mal auf. Ich habe über Benn alles zu Ende gedacht. Er ist gerade eben ein guter Feuilletonist, sonst nichts."

Annemarie Weber: Roter Winter. Roman. Mit einem Nachwort von Erhard Schütz. AvivA Verlag, Berlin 2015. 352 Seiten, 19,90 Euro.

(Foto: )

Wie der Geburtsort Benns liegt Wulkow, die Heimat Lili Abelssens, von der sie gelegentlich träumt, nun in Polen, wenn das Gespräch im Stammlokal im Westend auf 1945 und die sechs Millionen Juden kommt, erstirbt es oder jemand macht einen jovialen Scherz. Herr Huth, jetzt in der Samtbranche tätig, war Kommandeur einer Aufklärungsabteilung in Stalingrad. In solchen Flashlights gewinnen die Coolness, die Obsession der Abelssens für Mode und Eleganz, die demonstrative Rücksichtslosigkeit, mit der sie sich in ihre Affären stürzen, ihre historische Signatur. Als sie an der 1. Mai-Demonstration der Revolutionäre teilnimmt, kommt Lili Abelssen ihr Hitler-Enthusiasmus in den Sinn.

Manchmal basteln sich die Abelssens einen kleinen Schauerroman aus der Vorstellung, wie es ihnen erginge, wenn die DDR-Armee nach Westberlin einmarschierte. Bei den Diskussionen mit den Revolutionären bleibt der Graben zwischen Eleganz und Sozialismus unüberbrückbar: "der revolutionäre Modegeschmack entsteht in den kapitalistischen Staaten." Es ist vor allem der Hass auf die Westberliner Kleinbürger, der die Abelssens dazu bringt, nach der Solidaritätsdemonstration für das Attentatsopfer Losch die Leute zu einer Party in ihre Wohnung zu laden.

Aber auch hier hat der Kammerton dieses Romans, die Sprache der Desillusion, das letzte Wort: "Im Goldfischbassin standen die Goldfische in einem ratlosen Schwarm vor einer Gruppe Weinflaschen. Das Klavier wies seine gelblichen Zähne. An der angesägten Kiefer hing schlaff in halber Höhe die rote Fahne." Nein, dieser Roman ist keine Selbstfeier des "radical Chic". Der Mollton seines Abgesangs auf eine Ehe erfasst auch den Zeitroman.