Rosalía hätte sich das Leben leicht machen können. Ein paar Jahrzehnte lang sanft über Flamenco-Beats säuseln, abends ins Bett voller Geldscheine fallen, fertig. Stattdessen zog sich die Frau zurück, die früher für Getränkebons in den Flamenco-Bars von Barcelona sang und 2022 mit „MOTOMAMI“ ein Album mit 16 Songs, doppelt so vielen Genres und einem Versprechen auf die Zukunft des Pop veröffentlichte. Der Druck, nach einem so universell geliebten Album nachzulegen, kann schon mal zu einer Ladehemmung führen – siehe Frank Ocean.
Nach drei Jahren nun: ein Video, eine neue Single. Schnelle Streicher, ein bisschen Barock, ein bisschen Wagner, dazu ein druckvoller Chor: „Seine Angst ist meine Angst / Seine Wut ist meine Wut / Seine Liebe ist meine Liebe / Sein Blut ist mein Blut“. Wer noch prüft, ob er sich möglicherweise verklickt haben könnte, sei daran erinnert, dass Rosalía am Catalonia College of Music eine äußerst exklusive Gesangsausbildung absolvierte. Die kommt gerade recht, denn Rosalía singt in ihrer neuen Single „Berghain“ deutsche Oper.
Die SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichert
Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.
Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.
Oder so ähnlich: „Die Flamme dringt in mein Gehirn ein / Wie ein Blei-Teddybär / Ich bewahre viele Dinge in meinem Herzen auf / Deshalb ist mein Herz so schwer“, schraubt Rosalía ihre Stimme in sakrale Höhen. Ein wenig kryptisch, vor allem aber sehr großartig ist der „Blei-Teddybär“. Auch fremde Sprachen sind für die 33-jährige Experimentiermasse: Auf ihrem vierten Album „Lux“, das am 7. November erscheint, will Rosalía in dreizehn Sprachen singen, Latein, Ukrainisch und so weiter.
Die erste Single „Berghain“ ist eine kleine Sensation. Denn welch schönere Darstellung für Liebesschmerz könnte es geben, als ein Sinfonieorchester, das die Sängerin im Video Schritt für Schritt durch den Tag verfolgt, beim Bügeln, in den Linienbus, und dazu in maximal klagendem d-Moll (man denke an Mozarts Requiem oder Schuberts „Der Tod und das Mädchen“) die Stimmung verdüstert. Hinter Rosalías Sonnenbrille steckt also eine schwere Melancholie, die gut zum drohenden Berliner Winter passt. Bis auf den Titel „Berghain“ scheint jedoch kein Zusammenhang zur Hauptstadt erkennbar.
Vor lauter Unglück wird Rosalía herzkrank
Ganz ohne Referenzspektakel geht es bei Rosalía nicht. Wo andere Popstars Anspielungen auf die Genitalgröße ihres Verlobten verstecken, verweist Rosalía mit der Zeile „Ich bin nur ein Zuckerwürfel / Ich weiß, dass die Hitze mich schmelzen lässt“, die sie auf Spanisch singt, auf den Film „Drei Farben: Blau“ von Krzysztof Kieślowski, spielt dazu im Musikvideo mit katholischer Symbolik, später erscheinen ihr zutrauliche Tiere wie bei Schneewittchen.
Eines der Tiere, ein Rotkehlchen, singt plötzlich mit der Stimme von Björk, die isländische Sängerin haucht der Bridge etwas Spirituelles ein. Für das letzte Drittel kommt Pop-Avantgardist Yves Tumor dazu, die Bilder werden schwärzer, die Streicher kreischen in beunruhigenden Höhen. Die wiederholte, verzerrte Zeile „I’ll fuck you ’til you love me“ unterstreicht den düsteren Charakter der besungenen Beziehung. Vor lauter Unglück wird Rosalía im Video schließlich herzkrank, der Puls und der Takt werden langsamer.
Und dann, als letzter Dreh, eine Befreiung: Rosalía verwandelt sich in eine Taube und fliegt davon. Wieso sich auf ein Genre festlegen, wenn sie alle zu beherrschen scheint, wieso nur eine Idee, wenn sie doch so viele mehr hat?

