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"Kindeswohl" im Kino:Das Gesetz bin ich

Filmstills

Schwere Entscheidung in "Kindeswohl": Die Richterin (Emma Thompson) und der Leukämiepatient (Fionn Whitehead).

(Foto: Verleih)

Porträt einer Richterin: Für "Kindeswohl" hat Ian McEwan seinen eigenen Roman fürs Kino adaptiert. Das gelang ihm nur mit Abstrichen. Trotzdem ist der Film für den Zuschauer ein Genuss - vor allem wegen Hauptdarstellerin Emma Thompson.

Es sind nur ein paar wenige Schritte, die sie von der Unantastbarkeit trennen. Als Juristin sitzt Fiona Maye in ihrem Büro und studiert Akten, als Souverän im Gerichtssaal thront sie über allen anderen und fällt Urteile, nüchtern, unabhängig, nur dem Gesetz verpflichtet. Zwischen diesen beiden Welten liegt ein schmaler Flur, auf dem Weg verwandelt sich die blasse Mittfünfzigerin in eine Londoner Familienrichterin.

In ihren Fällen geht es oft um Leben und Tod: So muss sie etwa darüber entscheiden, ob man siamesische Zwillinge operativ trennen soll. Obwohl sie rational und einleuchtend argumentiert, werden später Menschen vor dem Gericht gegen ihr "Todesurteil" demonstrieren: Fiona Maye, jetzt wieder blass und erschöpft, verlässt das Gebäude über einen Seitenausgang. Zum Verschnaufen bleibt ihr keine Zeit, denn es geht gleich nicht minder dramatisch weiter: Ein Siebzehnjähriger hat Leukämie und verweigert die Behandlung mit Blutkonserven, seine Eltern und er gehören den Zeugen Jehovas an, die fremdes Blut strikt ablehnen. Auch hier ist Mayes Urteil gefragt: Soll sie der Klinik erlauben, den todkranken Jungen zu behandeln? Oder muss sie den Entschluss des Patienten akzeptieren, der lieber sterben will, als gegen seine Religionsregeln zu verstoßen?

Der Regisseur Richard Eyre macht aus diesem juristischen Lehrstück intelligente Kinounterhaltung, er verurteilt nicht, weder die Eltern noch die Ärzte. Eyre liebt Filme, die in geschlossenen Welten spielen - das Publikum sei neugierig, sagt er, und wolle wissen, was hinter den Kulissen passiere. Nach Theater ("Stage Beauty") und Schule ("Tagebuch eines Skandals") blickt er hier hinter die Mauern des Londoner High Courts. Als Vorlage diente ihm der 2014 erschienene Roman "Kindeswohl" von Ian McEwan, der das Thema - Entscheidungen und ihre Konsequenzen - schon setzt. Denn auch die Richterin (die von Emma Thompson wunderbar nuanciert gespielt wird) muss mit ihren Urteilen leben, mit all den Kinderschicksalen, die sie in ihrem Aktenberg verwaltet. Der junge Leukämiepatient (Fionn Whitehead) wird sie sogar verfolgen, sie mit ihrem Urteil konfrontieren, da reagiert sie ganz abgeklärt.

Aber während sie auf der einen Seite des Flurs mit überzeugender Rationalität punktet, verstummt sie auf der anderen Seite zusehends: Da sitzt sie im Büro und schreibt eine wütende SMS an ihren Mann (Stanley Tucci), die sie gleich wieder löscht. Er hat ihr mitgeteilt, dass er eine Affäre beginnen wolle und dies auch ganz rational mit der ehelichen Sexflaute begründet. Sonst solle sich nichts ändern, schließlich liebe er ja nur sie. Vielleicht wäre er vor Gericht damit durchgekommen, doch zu Hause lässt sie solche Argumente nicht gelten. Es sieht so aus, also ob McEwan diese aus den üblichen Zutaten zusammengerührte Ehekrise (Überarbeitung, unerfüllter Kinderwunsch, abnehmendes Begehren) als dramaturgischen Kontrapunkt in seinen Roman eingebaut hat. Besonders spannend ist das leider nicht. Und da der Schriftsteller selbst das Drehbuch geschrieben hat, bleibt die Verfilmung auch nah an den Schwächen der Vorlage. Letztendlich sind auch das eben Entscheidungen mit Konsequenzen: Die einen sind spannend, und die anderen banal.

The Children Act, GB 2017 - Regie: Richard Eyre. Buch: Ian McEwan. Mit: Emma Thompson, Stanley Tucci, Fionn Whitehead. Concorde, 105 Minuten.