Deutsches Romantik-Museum:Auf gute Nachbarschaft

Deutsches Romantik Museum Frankfurt

Um das Goethe-Haus (rechts) nicht zu erschlagen, hat das Büro Mäckler Architekten das Deutsche Romantik-Museum optisch in drei Häuser gegliedert.

(Foto: Alexander Paul Englert, Freies Deutsches Hochstift)

Das neue Deutsche Romantik-Museum, entworfen von dem Büro Mäckler Architekten, fügt sich wunderbar in Frankfurts Altstadt.

Von Laura Weißmüller

Wie ein Wasserfall wirkt die hohe Treppe. Ganz oben, in scheinbar weiter Ferne, wo das Licht hellblau glimmt, ist sie stark verjüngt, mit jeder Stufe wird sie breiter und die blaue Wandfarbe satter im Ton, unterbrochen nur von tiefen Fensternischen, durch die das Sonnenlicht hereinfällt und die Szene durch seine Reflektionen vollends mit Leben erweckt. Bis ein wirkliches Lebewesen, vulgo ein Mensch, den Treppenraum am obersten Podest betritt und die Illusion auf einen Schlag mit seiner Größe zerstört. Die vermeintlich ewig hohe Treppe entpuppt sich als Treppchen mit 66 Stufen. Willkommen im neuen Deutschen Romantik-Museum in Frankfurt, wo das Gewöhnliche verwandelt, aufregend und spannend gemacht wird, bis es zum Illusionsbruch kommt.

"Das Haus ist unser erstes und wichtigstes Exponat", sagt Anne Bohnenkamp-Renken, die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts im Foyer des neuen Museums. Wer mit ihr und dem Architekten des Hauses Christoph Mäckler durch das Gebäude läuft, versteht, was sie meint. Denn Mäckler hat sich auf anregende Weise in seinem Entwurf mit der Romantik auseinandergesetzt und ihre Motive immer wieder aufgegriffen. Eine Deutschstunde in Ziegel, Stahl, Glas und Beton, wenn man so will.

Deutsches Romantik Museum Frankfurt

"Himmelstreppe" nennt der Architekt Christoph Mäckler den Treppenraum, der das ansonsten nahezu fensterlose Haus mit Sonnenlicht versorgt.

(Foto: Freies Deutsches Hochstift, Foto: Alexander Paul Englert)

Die Ausgangssituation für den Dialog zwischen Literatur und Architektur war aber auch ein Glücksfall. Denn das Grundstück des neuen Museums grenzt direkt an das Frankfurter Goethe-Haus, besser gesagt an das, was man zwischen 1947 und 1951 aus den kläglichen Resten des im Krieg zerstörten Elternhauses von Goethe originalgetreu rekonstruiert hat. Hier am Großen Hirschgraben verbrachte der Dichter seine Kindheit, in direkter Nähe ging aber auch einige Jahre später Friedrich Hölderlin bei den Gontards als Hauslehrer ein und aus. Bis 2011 residierte auf dem Grundstück der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in einem Fünfzigerjahre-Riegel, der ähnlich schmucklos nüchtern die prominente Adresse einnahm wie die Gebäude auf der anderen Straßenseite. Der Auszug des Börsenvereins und die Tatsache, dass der Freie Deutsche Hochstift im Besitz eines kleinen Gartengrundstücks direkt dahinter war, bot die historische Chance, dem Goethe-Haus wieder ebenbürtigere Nachbarn zu gewähren.

Wobei sich Mäckler deutlich besser schlägt als der Frankfurter Architekt Michael A. Landes, der nicht nur für den Masterplan des frei gewordenen Areals, sondern auch für die direkt ans Museum angrenzenden sogenannten Goethe-Höfe zuständig war, die neben dem Volkstheater und dem Cantate-Saal auch Wohnungen beinhalten. Gerade Letzteres ist so lieblos heruntergerastert, dass man sich fragt, wie viele gesichtslose Wohnboxen Deutschland noch ertragen muss, bis dieses Land endlich zu einer freundlicheren Wohnbau-Architektur kommt.

Christoph Mäckler gibt sich mehr Mühe, der Nachbarschaft gerecht zu werden. Sowieso hat man den Eindruck, dass die kleine Größe des gerade mal 12 Millionen Euro teuren Baus - für Ausbau und Realisierung der Dauerausstellung wurden noch einmal etwa 6,5 Millionen Euro verwendet - dem Frankfurter Hochhaus-Architekten gut getan hat. Um das Goethe-Haus durch die Masse des Neubaus nicht zu erschlagen, gliederte Mäckler seinen Entwurf optisch in drei Häuser, die auch drei separate Eingänge haben - in die Eingangshalle, zu Wechselausstellungen und zur Kulturvermittlung vor allem für Schulklassen -, aber auch drei verschiedene Fassadenfarben samt Putzarten besitzen. Das so geschaffene Ensemble will das Goethe-Haus auf eine Weise einfassen, wie es das einmal vor dem Krieg war. Das tut es, doch ohne die eigene Entstehungszeit zu verschleiern oder sich der Vergangenheit anzubiedern. Tatsächlich mag man sich durch die lebendige Verteilung der Fenster - von links oben nach rechts unten, denn sie führen zum Treppenraum -, durch den prominent gesetzten blauen Erker und durch die drei Türen eher an die Postmoderne erinnert fühlen.

Auch im Foyer, von wo es ins Untergeschoss zu der Wechselausstellung, zum Goethe-Haus und zu den drei Geschossen des Romantik-Museums geht, führt die Architektur das Gespräch mit der Vergangenheit fort. "Wir stehen hier auf der Trümmergeschichte der Stadt Frankfurt", sagt Mäckler und spielt damit auf die Steine der "Trümmerverwertungsgesellschaft" an, die aus dem Schutt der Stadt nach Kriegsende geformt und zum Wiederaufbau der Häuser benutzt wurden, so auch im Vorgängerbau des Museums. Jetzt bedecken die handlichen TVG-Steine unter anderem das lang gezogene Foyer.

Deutsches Romantik Museum Frankfurt

"Wie eine Erzählung von Novalis": die historische Brandwand des Goethe-Hauses im Foyer des Deutschen Romantik-Museums.

(Foto: © Freies Deutsches Hochstift, Foto: Alexander Paul Englert)

Noch sichtbarer wird die Geschichte des Ortes durch die historische Brandwand des Goethe-Hauses, die eine Seite des Foyers komplett einnimmt. Der Raumeindruck der Wand ist gewaltig, schier endlos kann man sich in die taktile Struktur des Mauerwerks, die kleinen Steinchen und die sichtbaren Spuren der Handwerker versenken. Der Architekturkritiker der FAZ Dieter Bartetzko übertrieb nicht, als er im Jahr 2014 schrieb: "ein Raumeindruck, bewegend wie eine Erzählung von Novalis oder ein Gedicht Eichendorffs". Dabei wusste Bartetzko noch nicht, dass in der Brandwand das Sandsteingewände eines bisher unbekannten zugemauerten Fensters steckt, das bereits Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden sein muss. Ein Grund mehr zu verweilen und wie die Romantiker die Geschichte zu entdecken, nicht rational, sondern als Fläche für die eigenen Utopien und Sehnsüchte.

Deutsches Romantik Museum Frankfurt

Blick durchs Foyer im Deutsche Romantik-Museum auf den "Romantikgarten".

(Foto: Freies Deutsches Hochstift, Foto: Alexander Paul Englert)

Vom hellen Foyer aus fällt der Blick durch die große Fensterfront in den "Romantikgarten", ein kleines Fleckchen Erde, das wie aus der Zeit gefallen erscheint - auch wenn die Bankentürme dahinter aufragen -, und damit den Umgang der Romantiker mit der Natur spiegelt. Den Garten wird in Zukunft queren, wer das Goethe-Haus besichtigen will und wird damit zwangsläufig an der Skulpturengruppe "Faust und Gretchen" vorbeilaufen, die das Thema aufgreift, das sich als roter Faden durch das Romantik-Museum zieht. Man sieht: Alles ist mit allem verwoben, nimmt Bezug aufeinander und reflektiert sich gegenseitig.

Dass dabei die Frankfurter Gegenwart nicht zu kurz kommt, dafür sorgt ein wahrlich genialer Ausblick im obersten Stockwerk des Museums. Ein Fenster ist in das ansonsten komplett fensterlose Haus genau dort eingelassen, wo der Blick auf eine Art Trias fällt: von der Paulskirche auf die Spitze des Doms zum Turm der EZB. Mehr muss man von Frankfurt eigentlich nicht kennen, um die Geschichte der Stadt und ihre Kräfte zu verstehen.

© SZ/clu
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