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Roman "Zerbrochenes Glas":"Abseits vom Pariser Geschrei"

Der Mann landet im Gefängnis, wird zweieinhalb Jahre lang systematisch vergewaltigt und muss nach seiner Entlassung Pampers tragen. "Nachdem er mit seinem Bericht zu Ende war, hob der Pampers-Typ sein Glas, um mir ,Tschau' zu sagen, leerte es in einem Zug, schenkte sich sofort nach, leerte es wieder in einem Zug, murmelte ,na gut, na gut', und als er dann endlich aufstand, konnte ich sein von vier dicken, übereinander getragenen Windeln aufgedonnertes Hinterteil aus der Nähe betrachten, ein feuchter Hintern, mit Fliegen, die ihn umschwirrten, und er hielt es für geboten, mir zu sagen, ,kümmere dich nicht um die Fliegen, Zerbrochenes Glas, das ist immer so, die Fliegen sind meine treuesten Freunde, ich verjage sie nicht einmal mehr, sie finden mich ja doch, wo ich auch bin, ich habe das Gefühl, dass es immer dieselben sind, die mir hinterherjagen'."

"Ein Notar, ein Totengräber, ein Opernhausdirigent, zum Kotzen"

Da ist die Geschichte eines Druckers, der sein Glück in Paris versucht und sich in eine weiße Französin verliebt. Der Mann spricht wie ein Gangsta-Rapper: "Tatsache ist, sobald dich andere Neger mit einer Weißen sehen, glauben sie, auch sie könnten sie flachlegen, denn sie meinen, wenn es eine normale Weiße bei geistiger Gesundheit mit einem Gorilla aus dem Kongo treibt, könne sie es ebenso gut mit dem ganzen zoologischen Garten, wenn nicht mit dem ganzen Reservat treiben." Sie heiraten und wohnen "abseits vom Pariser Geschrei, abseits vom Negerneid in all seinen Spielarten", und kurz danach betrügt ihn die Französin mit seinem eigenen Sohn aus dem früheren Leben.

Mabanckou spielt mit postkolonialen Klischees, auf eine derbe Art, das tut er auch in seinen Romanen "African Psycho" (2003), "Stachelschweins Memoiren" (2006) und "Black Bazaar" (2009). Die beiden letzten sind bereits bei Liebeskind erschienen, erstaunlich, dass Mabanckous Erfolgsroman "Zerbrochenes Glas" erst jetzt in Deutsche übersetzt wurde. Das Schönste an diesem Buch ist nicht das Spiel mit Klischees oder Mabanckous unaufdringlicher Humor oder seine Vergleiche. (Über einen Mann namens Casimir, der Lackschuhe und schwarzes Sakko trägt, heißt es etwa, er sei "ausstaffiert wie ein Notar, ein Totengräber, ein Opernhausdirigent, zum Kotzen".) Das Schönste ist, dass Mabanckou all seine Figuren mit dem Respekt und der Sorgfalt eines Puppenschauspielers behandelt. Seine behutsame Hand packt sie aus, lässt sie ins Leben zappeln und packt sie wieder weg.

Zerbochenes Glas ist eine Puppe, die ihr eigenes Leben entwickelt. Er fällt tief, aber in seinem Notizheft schreibt er vom Paradies. "Zum ersten Mal wird der liebe Gott ein Glas, das zerbrochen ist, reparieret haben (. . .) und wenn mir dort oben irgendwelche böswilligen Engel irgendeinen Scheiß erzählen, um mich daran zu hindern, durch die große Pforte zu schreiten, dann, glaube mir, dann komme ich trotzdem rein, und zwar durchs Fenster."

Alain Mabanckou: Zerbrochenes Glas. Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind Verlag, München 2013. 222 Seiten, 18,90 Euro.

© SZ vom 10.04.2013/ihe
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