Roman von Thilo Krause:Die Höhle der Sehnsucht

Thilo Krauses poetischer Roman aus dem sächsischen Grenzgebirge: "Elbwärts".

Von Helmut Böttiger

Östlich von Dresden werden die Abgründe noch schroffer. Die Felsformationen des Elbsandsteingebirges sind in letzter Zeit öfter als Sinnbild aufgetaucht: abweisende, geheimnisvoll romantische Landschaften mit einer argwöhnischen Bevölkerung, durchsetzt von Neonazis, Bierschwaden und deutscher Küche. Thilo Krause ist 1977 in Dresden geboren, war im Wendejahr 1990 also 13 Jahre alt, und es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass eine wichtige Szene in seinem Roman "Elbwärts" unter 13-Jährigen spielt. Der Ich-Erzähler und sein Freund Vito haben die Idee, alles hinter sich zu lassen und nach der Schule nicht nach Hause zu gehen, sondern erstmal Zuflucht in einer verborgenen Höhle zwischen den Felswänden zu suchen. Sie halten es dort zwar nicht einmal zwei Tage aus, aber die Höhle der Sehnsucht bleibt.

Der schwierige Begriff "Heimat" taucht in diesem Roman kaum auf, dennoch liegt er die ganze Zeit unübersehbar zwischen den Zeilen. Der namenlose Ich-Erzähler ist in einem entlegenen Dorf oberhalb des Elbtals aufgewachsen und dann für etliche Jahre weg gegangen - wohin und mit welcher Tätigkeit, wird nicht gesagt. Jetzt hat er sich in seiner Kindheitsgegend wieder ein Haus gesucht, und er ist mit Christina, seiner Frau, ins frühere Nachbardorf gezogen. Erst langsam enthüllt sich, was ihn an die eigentlich längst überlebte Vergangenheit fesselt und warum er wieder hierher wollte. Eine große Rolle spielt dabei die enge Jugendfreundschaft mit Vito, die ein Bündnis zweiter Außenseiter war, und sie ist mit bleibenden Schuldgefühlen verknüpft: Vito ist bei einer riskanten Kletterpartie der beiden in den Elbfelsen abgestürzt und verlor ein Bein. Der Kontakt ist einige Zeit danach endgültig abgebrochen.

Die Dorfbewohner werden hinter den Vorhängen beklemmend erkannt

Der Roman greift aber weiter aus. Manche Schlüsselmomente der Jugend werden immer wieder neu umkreist, und jedes Mal fällt ein etwas anderes Licht auf das Geschehen. Unmerklich entfernt sich der Text von einem handlungsgetragenen Geschehen, lädt sich poetisch auf und entwickelt allegorische Szenen. Der Ich-Erzähler vergewissert sich gleich im ersten Satz: "Das ist mein Fels." Er sitzt auf einem Riff, blickt über die zwei Nachbardörfer ins unten gelegene Elbtal, und die ausgesetzten Felsen, die Steilwände und der undurchdringliche Wald bilden etwas ab, was in seinerem Inneren stattfindet, was ihn ausmacht und ihm jetzt entgleitet.

Thilo Krause kann bei alldem sehr pointiert erzählen. Die erste Wiederbegegnung des Ich-Erzählers mit Vito etwa, vor der er sich lange gescheut hat, ist mit ihren knappen Dialogen, der dichten Beschreibung der Räume und dem markanten Treffpunkt an einem Eisenbahnviadukt psychologisch äußerst präzise und realistisch geschildert. Und die Dorfbewohner, zu denen der Protagonist keinen Kontakt findet, werden auf beklemmende Weise hinter ihren Vorhängen erkannt.

Der frühere Konsum-Laden, der Feuerlöschteich mit der Entengrütze, die knappen Szenen mit Christina, von der er sich durch die fordernde Konfrontation mit der heimischen Sehnsuchtslandschaft immer mehr entfremdet, und der "Kleinen" - dieser Autor beherrscht die Techniken der Aussparung und Andeutung, der suggestiven Vergegenwärtigung. Aber das ist nur die Basis dieses Romans, der auf etwas ganz Anderes zielt. Seine Sprache scheint sich langsam davon abzuheben und zeichnet die innere Landschaft seines Ich-Erzählers nach. Ihre Konturen werden immer deutlicher und differenzierter, sie entziehen sich jedoch einer vordergründigen Lesbarkeit. Die einzelnen Momentaufnahmen und Handlungsfetzen sind wie Bilder, die vieldeutig sind, stehen bleiben und das nächste auslösen.

Dass dieser Autor als Lyriker begonnen hat, merkt man seiner Prosa an. Der chronologische Zeitablauf ist außer Kraft gesetzt, es gibt Vor- und Rückblenden, und die Erinnerungen an die Kindheit in der DDR laufen mit den Gegenwartsereignissen parallel. Dabei korrespondieren untergründig verschiedene Motive: die Angst um den verletzten Vito von früher verbindet sich mit der Angst um kleine Verletzungen der Tochter jetzt, und eine besondere Färbung entsteht daraus, dass die wichtigsten Vertrauenspersonen beider Zeitschichten zwei Tschechen von jenseits der nahen Grenze sind: in der Schule ist es der Hausmeister Jiři, auf den man sich immer verlassen kann und der sogar sein Moped ausleiht, und in der haltlosen Gegenwart findet der Ich-Erzähler im Busfahrer Jan einen Freund, mit dem er sich Geschichten erzählen und sich dadurch aufrichten kann. Jan bildet einen extremen Gegensatz zu den feindseligen Dorfbewohnern.

Grelle Szenen über die Kontinuität zwischen DDR und heutigen Neonazis

Der Autor wie sein Ich-Erzähler kennen den deutschen Osten von innen her, die letzten Jahre der DDR sind atmosphärisch immer gegenwärtig. Den geläufigen Ost-West-Diskursen aber verweigert sich dieser Roman auf stille, radikale Weise. Politische Dimensionen schwingen in allen poetischen Aufschwüngen mit, die deutschen Zustände vor und nach 1989 - und sie haben sehr viel miteinander zu tun.

In einzelnen grellen Szenen, wie einer FDJ-Versammlung in der sozialistischen Schule, wird deutlich, dass es eine Kontinuität zu den Nazi-Umtrieben der Gegenwart gibt. Die Nazi-Camps in der Kiefern- und Felslandschaft, die Männer mit Deutschen Schäferhunden, die Glatzen und das Toilettenpapier, das überall zwischen den Bäumen herumliegt: hier wird das Unwohlsein konkret, das den Protagonisten bei seinem Vorhaben befällt, sich seine Heimat wieder zu eigen zu machen: "Mir ist, als hätten die Nazis sich direkt in den Vorgarten meiner Kindheit erleichtert." Die Umstände seines Rückkehrversuchs bringen den Ich-Erzähler erst dazu, seine Träume und Sehnsüchte genauer zu befragen und als vermessen zu erleben. Er setzt seine Biografie auf einen Nullpunkt. Ungewöhnlich und riskant ist in diesem bemerkenswerten Roman, wie dabei politische und subjektiv-emotionale Stränge miteinander verknüpft werden. Es ist eine ästhetische Gratwanderung, ohne die üblichen Absicherungen. Thilo Krause, der in Dresden und London Wirtschaftsingenieurwesen studiert hat und heute beim Elektrizitätswerk der Stadt Zürich arbeitet, begreift Literatur als Kunst und nicht als eine Begleiterscheinung des Journalismus.

Die immer surrealer werdenden theaterähnlichen Passagen zum Ende hin, die stilistischen Verdichtungen und das Aufkündigen jeglichen linearen Erzählprinzips zeigen Tendenzen einer Verselbständigung. Gelegentlich scheint der Autor den Bogen zu überspannen, und die Traumsymbolik wirkt etwas zu forciert. Andererseits ist das aber seiner besonderen, frappierenden Poetik geschuldet.

Thilo Krause: Elbwärts. Roman. Hanser Verlag, München 2020. 206 Seiten, 22 Euro.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB