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Roman von Marius Hulpe:Soester Abendmahl mit persischem Thymian

Marius Hulpes Roman "Wilde grüne Stadt".

Grüner Sandstein stellt ein denkmalschützerisches Problem dar. "Oft porös und erwiesenermaßen lichtempfindlich, kann nichts und niemand ihn so ganz und gar beschützen. Gering bloß seine Quarzanteile, picken selbst die Spatzen hemmungslos die mineralhaltigen Krumen aus den abertausend Winkeln. Die Witterung mahlt unsichtbar durch die Dekaden. Über ganze Zeitalter hinweg zermarterten sich die Dombauer, Pfaffen und Zimmerleute die schorfigen Köpfe darüber, wie sich der Stein nur besser hüten ließe, wobei es fromme Dominikaner in dieser zunehmend ewigen Angelegenheit nicht weniger zu Beflissenheit und Erfindungsreichtum trieb als hemdsärmelige Lutheraner."

Das musste so ausführlich zitiert werden, damit man einen Eindruck davon erhält, mit welcher Höflichkeit gegen die Dinge und die deutsche Sprache dieser Autor schreibt. So höflich, fühlt man, würde sich niemand ausdrücken, der in dieser grünen Stadt (sie heißt so wegen des Steins, nicht aufgrund üppiger Vegetation) fraglos zu Hause wäre. Nur einer, der wenigstens zur Hälfte ein Fremder ist, kann so gründlich über Dinge erstaunen, die sich den anderen von selbst verstehen, und Ausdrücke dafür finden, die sich durch eine gewissermaßen ehrerbietige Neuheit gegenüber dem auszeichnen, was man gewohnt ist.

Bei der Stadt handelt es sich um Soest, Heimat des "Westfälischen Abendmahls", eines Glasbilds in der Kirche, auf dem Jesus und die Jünger zu sehen sind, wie sie statt Brot und Wein Schinken und Bier vertilgen. Dort geht es, bei Schützenfesten und Raufereien, meist handfest zur Sache. Mit solcher Behutsamkeit ist sie wahrscheinlich noch nie beschrieben worden. Ausgerechnet nach Soest verschlägt es den jungen Reza, der im Iran seinen Militärdienst ableistete, dabei einen Vorgesetzten attackierte und teils als Strafe, teils als Auszeichnung nach Deutschland verschickt wird, wo er für das aufstrebende nahöstliche Kaiserreich Industrie- und Agronomiespionage leisten soll. Da ist die landwirtschaftliche Hochschule in Soest gerade der rechte Ort für ihn.

So etwas wie einen Perser hat man dort im Jahr 1960 noch nie gesehen; die Zeiten, wo sich die deutsche Studentenrevolte in Protesten gegen seinen Namensvetter Schah Reza Pahlevi formiert, liegen noch in der Zukunft. Der Soester Reza ist halb reiner Tor, halb Schlitzohr und kommt mit dem etwas schwerfälligen Menschenschlag vor Ort eigentlich ganz gut klar.

Reza ist halb Schlitzohr, halb Tor und kommt mit den Leuten vor Ort ganz gut zurecht

Als ihn ein Einheimischer verprügeln will, taucht er unter dessen Schwinger durch, bringt ihn so zum Straucheln und lernt bei dieser Gelegenheit gleich seine erste deutsche Frau, Bettina, kennen, mit der er drei Kinder haben wird. Das hält ihn nicht von weiteren deutschen Frauen und halbdeutschen Kindern ab, unter denen das zentrale Interesse Niklas, dem Sohn Claras, gilt. Unschwer erkennt man in ihm das Alter Ego seines Autors, des 1982 geborenen Marius Hulpe. Er will unbedingt dazugehören und wird katholischer Ministrant in der Kirche mit dem "Westfälischen Abendmahl"; aber als dunkelhäutiges uneheliches Kind eines Vaters, der sich selten blicken lässt, hat er es schwer.

Autobiografisch gefärbte Bücher von Schriftstellern mit Migrationshintergrund gibt es gegenwärtig in recht großer Zahl. Dieses hier hebt sich nicht nur durch seine besondere, sozusagen immer verwunderte Sprache heraus, sondern auch durch den Eigensinn der Handlung, der nicht im exemplarisch Verwertbaren aufgeht. Reza und Niklas agieren in einem Umfeld, das Raum hat auch für den alten Willi und seine aufsässige Tochter Clara, Niklas' Mutter, die das väterliche Kürschnergeschäft erst partout nicht weiterführen will und es dann doch tut, oder für eine Schilderung des schikanösen Lateinunterrichts an einem provinziellen Gymnasium noch in den Neunzigern. Die Kapitel springen hin und her über siebzig Jahre (mit gelegentlichen Abstechern auch nach Iran), und obwohl das Personal weitgehend konstant bleibt, liegt das Hauptgewicht doch bei ihren wechselnden Konstellationen und der Episode, die Einzelnes wie Typisches deutlicher hervortreten lässt, als es der linearen Erzählung möglich wäre.

Langweilig wird es so jedenfalls nicht. Und die Protagonisten lassen sich nichts bieten, weder die persischen noch die halbpersischen noch die deutschen. Oder, wie es im charakteristischen Stil dieses Buchs heißt, das alteingesessene Redeformen mit neugefundenen Wendungen kreuzt: Dem werden wir schon zeigen, wo der Thymian wächst!

Marius Hulpe: Wilde grüne Stadt oder Im Labyrinth des entwurzelten Lebens. Roman. Dumont Verlag, Köln 2019. 398 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 09.10.2019

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