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Roman von Khaled Khalifa:Das Parallelleben

General view shows Aleppo city

Eine der ältesten Städte der Welt, von syrischen Regierungstruppen und russischen Bomben in Schutt und Asche gelegt: Aleppo im Jahr 2006.

(Foto: Reuters)

Verhaftungen, Folter, drakonische Strafen bei kleinsten Vergehen: Der syrische Autor Khaled Khalifa erzählt von den bleiernen Jahren vor dem Bürgerkrieg.

Von Martin Ebel

Aleppo, eine der ältesten Städte der Welt und Unesco-Welterbe, wurde 2016 von syrischen Regierungstruppen und russischen Bomben fast komplett zerstört. Für Khaled Khalifa, der dort geboren ist, hatte sie ihre Schönheit, ihren Reiz, ihren Charakter schon lange zuvor verloren. Eine korrupte Bürokratie und gewissenlose Bauunternehmer haben alte Stadtviertel abgerissen und ihre Bewohner umgesiedelt, "in Zimmer wie Rattenlöcher". In seinem Roman "Keine Messer in den Küchen dieser Stadt" beklagt die Mutter des Ich-Erzählers Tag für Tag die Verwandlung Aleppos "in einen Trümmerhaufen, der nach Militär und Parteigenossen stank". Khalifas Roman ist jetzt auf Deutsch, aber im Original bereits 2013 erschienen. Er spielt in den 1980er-, 1990er- und den frühen 2000er-Jahren. Es ist eine bleierne Zeit. Die Baath-Partei mit ihrem Führer Hafiz al-Assad (und ab 2000 seinem Sohn Baschar) terrorisiert die Bevölkerung. Verschiedene Geheimdienste spüren dem kleinsten Verdacht nach, Vorladungen und tagelange Verhöre erfassen harmlose Bürger, Korruption durchzieht die Gesellschaft, Misstrauen und Angst nisten selbst in den Familien.

Die seit Jahrhunderten friedlich zusammenlebenden Gruppen verschanzen sich hinter gegenseitigem Argwohn, Paranoia regiert, jeder fürchtet jeden: "die Christen die Muslime, die Minderheiten die Mehrheit. Andrerseits fürchtete auch die Mehrheit die Tyrannei der Minderheit. Ethnische Gruppen, religiöse Gemeinschaften oder Sekten fürchteten den Präsidenten und die Geheimdienstoffiziere, und der Präsident fürchtete seine Entourage und sein Wachpersonal."

Selbst für Freiheitsliebende ist der strenge Glaube der einzige Ausweg

So schildert es der Französischlehrer Jean, dem ein einziger Moment des Mutes - er hat beim Morgenappell die Parteihymne nicht mitgesungen - sieben Tage Vernehmung einbringt, nach denen er ein Papier unterschreibt, das die Weisheit des Präsidenten preist. Dass er nicht im Gefängnis verschwindet, dass er nicht einmal gefoltert wird, verdankt er seinem Onkel, der ein Möbelgeschäft besitzt und "dem Chef des Postens und seinen beiden Offizieren je eine Schlafzimmereinrichtung aus Nussbaumholz geschenkt hatte".

Fortan lebt Jean mit der Schande seines Einknickens, so wie so viele Syrer, gebrochen von der Scham über ein Leben in Lüge. "Das Parallelleben" hatte Khaled Khalifa den Roman ursprünglich nennen wollen, um das kollektive Verhalten seiner Landsleute zu kennzeichnen. Aber die "Parallelität" von drinnen und draußen ist eine Selbsttäuschung, weil der Druck, die Angst und die Lüge sich nach innen fressen, die Beziehungen zwischen den Menschen vergiften und ihnen jegliche Orientierung nehmen.

Khalifa, 1964 geboren, in Damaskus lebend, wo seine Bücher verboten sind und nur unter der Hand kursieren, kennt selbst kein anderes System als die Herrschaft der Baath-Partei, keinen Präsidenten, der nicht Assad heißt. Seinen Figuren geht es nicht anders. Im Mittelpunkt des Romans steht eine desorientierte, dysfunktionale Familie. Der Vater hat sie und das Land bereits verlassen und lebt in den USA. Die Mutter hängt in der Vergangenheit fest und wartet auf den Tod.

Der Ich-Erzähler, Übersetzer in einer Textilfabrik, hat die Überlebensdevise, nur nicht aufzufallen, zur Perfektion gebracht: ein Mann ohne Eigenschaften, der auch für uns Leser keine Kontur gewinnt. Sein Bruder Raschid träumt vergeblich von einer Karriere als Musiker, verlässt sein Zimmer in dem baufälligen, vermoderten Haus kaum, bis er seine Perspektivlosigkeit in einem religious turn voluntaristisch durchbricht: Er zieht in den Dschihad, in Bagdad, gegen die Amerikaner.

Nach der inneren Zerstörung von Stadt und Gesellschaft kommt die physische

Hauptfigur des Romans ist die Schwester Saussan. Ihre Lebensgier wird ständig ausgebremst: durch die patriarchale Gesellschaft wie durch das repressive System, aber auch durch die eigene Orientierungslosigkeit. Sie meldet sich zu den Fallschirmjägern, bespitzelt und denunziert ihre Kameradinnen, gibt sich erotischen Ausschweifungen hin, folgt einem Liebhaber nach Dubai, verfällt dann ebenfalls den Versuchungen der Strenggläubigkeit.

Khalifa erzählt nicht chronologisch, sondern in Sprüngen, vor und wieder weit zurück, in Wiederholungsschleifen, die eine ewige Gegenwart suggerieren. In jedem Kapitelanfang wartet die Mutter wieder auf den Tod, träumen die Kinder von einer Perspektive, einer Wendung, die nie kommt. Kein Mitglied dieser Familie will selbst eine gründen: eine klarere Absage an die Zukunft kann es nicht geben. Und kaum eine Figur, die nicht irgendwann von Selbstmord redet. Viele kleine Mosaiksteine setzt Khalifa um die zentralen Gestalten. Nebenfiguren, Nebenhandlungen, Episoden wie einen "Ehrenmord" oder eine Familientragödie, die dem Roman den Titel gibt: Ein Mann verbrennt seine Angehörigen und ersticht sich, die gaffenden Nachbarn zur Nachahmung auffordernd: "Gibt es keine Messer in den Küchen dieser Stadt?"

Einen großen Mosaikstein bildet Nisar, Onkel des Ich-Erzählers, ein begabter Komponist (ein Stück wird sogar, ohne dass seine Autorschaft bekannt ist, von den Berliner Philharmonikern gespielt) und bekennender Homosexueller. Er kommt ins Gefängnis (nachdem ein Arzt seinen After untersucht und den Verdacht bestätigt hat), in die "Abteilung für Pädophile und andere moralisch Verkommene" und übersteht die Zeit nur, weil er sich einem einflussreichen Mitgefangenen als Sexsklave unterwirft. Dieser Nisar, den der eigene Bruder wegen der "Schande" am liebsten umbringen will, agiert immer wieder als Wohltäter der Familie, steht nach jeder Katastrophe wieder auf, getragen von seiner Musik, seiner Veranlagung, die er nie verleugnet, und der Liebe, die der Autor ihm dafür gönnt. Und den Lesern gönnt er mit ihm ein paar Lichtblicke in einer finsteren Welt. Denn trotz dieser Note ist der Roman eine schmerzliche Lektüre. Eine doppelt schmerzliche: Denn wir wissen, was auf die bleierne Zeit folgen wird - Bürgerkrieg, Vertreibungen und Flucht, Verarmung, Hunger. Nach der inneren Zerstörung von Stadt und Gesellschaft die physische. Heute liegt Aleppo in Schutt und Asche.

Khaled Khalifa: Keine Messer in den Küchen dieser Stadt. Roman. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Rowohlt, Hamburg 2020. 284 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 13.07.2020

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