Roman von John Green:Wenn nicht klar ist, woher die Tränen kommen

"Krebsbücher sind doof": Humorvoll und tragisch zugleich erzählt John Greens Roman "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" von einer Jugendliebe in Zeiten der Chemotherapie. Wer hier nicht weint und nicht lacht, fühlt wohl schon lange nichts mehr.

Werner Bartens

Was für ein Buch! So rein und klar, so grundstürzend komisch und dann wieder unendlich zart. Und während man noch gluckst vor Übermut und Tränen lacht, ist man sich des Ursprungs seiner Tränen schon nicht mehr ganz sicher und fühlt sich nur noch traurig und zum Heulen.

Roman von John Green: Der Abstecher ist für Hazel und Gus zwar eine Enttäuschung, aber Amsterdam bereitet den beiden krebskranken Jugendlichen ein Blütentraumerlebnis, von dem sie noch lange zehren. Unser Bild zeigt ein Pärchen, das das große Segelschiff Wind Surf bewundert, das nach Amsterdam einfährt.

Der Abstecher ist für Hazel und Gus zwar eine Enttäuschung, aber Amsterdam bereitet den beiden krebskranken Jugendlichen ein Blütentraumerlebnis, von dem sie noch lange zehren. Unser Bild zeigt ein Pärchen, das das große Segelschiff Wind Surf bewundert, das nach Amsterdam einfährt.

(Foto: AFP)

Es ist schließlich auch ein Krebsbuch, das John Green hier geschrieben hat. Aber es ist viel mehr als das. "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" ist ein Buch der großen Gefühle, ohne jemals gefühlig zu werden. Ohne Sentimentalität stürzt Green seine Figuren in die großen Fragen, beschreibt die erste Liebe, den Lebensübermut wie auch die Krisen, das Wichtige im Leben und im Sterben. Wenn man es noch nicht fertig gelesen hat, möchte man sich gleich wieder mit diesem Schatz zurückziehen. Statt an irgendeinem Geschwätz teilzunehmen oder anderweitig abgelenkt zu werden, will man sich viel lieber in dieses Buch versenken.

Damit klar ist, dass Green nicht die Absicht hat, Genre- oder Bekenntnisliteratur zu schreiben, lässt der Autor seine 16-jährige Ich-Erzählerin Hazel, die an einem metastasierten Krebs leidet ("ursprünglich Schilddrüse"), ziemlich zu Anfang des Romans schon unmissverständlich klarstellen: "Krebsbücher sind doof."

Man ahnt schnell, was Hazel damit meint, denn die übertriebenen Bekenntnisse von Patrick aus der Selbsthilfegruppe sind für Hazel und ihre große Liebe Augustus ("Gus") ebenso falsch wie das automatisierte Mitleid oder der "Krebskinder-Bonus", den man ihnen immer wieder ungefragt zukommen lässt - und den sie nur ausnahmsweise gezielt nutzen, etwa um im Flugzeug Champagner zu bekommen, obwohl sie noch keine 18 sind.

Liebe, Innigkeit, aber auch Wut

Green zeigt nicht nur Liebe und Innigkeit der kranken Jugendlichen, sondern auch ihre Wut, etwa wenn Augustus seine Basketball-Pokale gemeinsam mit seinem Freund Isaac zertrümmert, der schon wenige Tage nach dem Trophäenmassaker blind sein wird, weil sein Augentumor operiert werden muss. Die Szene, in der Hazel kurz nach dem Eingriff Isaac im Krankenhaus besucht, ist traurig und lustig zugleich: Sie hat von Augustus eine SMS bekommen, dass "alles gut gegangen" ist. Wenig später schickt er die Nachricht hinterher: "Ich meine, er ist blind. Das ist nicht gut. Aber offiziell krebsfrei".

Im Krankenzimmer will Isaac dann Hazels Gesicht betasten und ihr "tiefer in die Seele blicken", schließlich haben ihm ja alle versprochen, dass seine anderen Sinne schärfer werden, wenn er seine Sehkraft verliert. Und so juxen der Blinde und die Atemlose herum und machen sich über falsche Versprechungen und unbedachte Durchhalteparolen lustig, für die eine Krankenschwester gleich das beste Beispiel liefert. Sie will Isaac aufmuntern, ermahnt ihn, er müsse sich "Zeit zum Heilen geben. Du stehst noch ganz am Anfang, junger Mann. Du wirst schon sehen."

Sie sagt dem Blinden tatsächlich, dass er schon sehen wird, aber Isaac und Hazel nehmen ihre Gedankenlosigkeit lediglich zum Anlass, die ewige Liste guter Eigenschaften einer Krankenschwester zu erweitern, die bitte gleich in allen Stationszimmern aufgehängt wird: 1.) Macht kein Wortspiel aus deinen Gebrechen, 2.) Trifft die Vene beim ersten Versuch, so ein Arm ist ja keine Dartscheibe, 3.) hat keine Mahnung in der Stimme, 4.) behandelt einen nicht wie ein Baby.

Der 35-jährige John Green gilt als Jugendbuchautor. Seine Bücher "Eine wie Alaska", "Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)" und "Margos Spuren" fanden vor allem beim jüngeren Publikum Anklang. Als Video-Blogger tritt Green mit seinem Bruder Hank als "Vlogbrothers" auf und hat dort eine ebenfalls überwiegend junge Anhängerschaft. Die "Nerdfighter", die den beiden und ihren Kolumnen auf Youtube folgen, zählen regelmäßig mehr als 200.000 Nutzer. Als bekannt wurde, dass "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" in den USA erscheint, bestellten sofort 150.000 Leser das Buch - und John Green hielt Wort, alle Exemplare zu signieren. Einen Monat lang schrieb er täglich in mehr als 5000 Bücher seinen Namen.

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