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Roman von Hirokazu Koreeda:In deinen Armen

Yui Natsukawa, Kirin Kiki, Shohei Tanaka & Hiroshi Abe Characters: Yukari Yokoyama, Toshiko Yokoyama, Atsushi Yokoyama,

Der Familienausflug in Koreedas Film „Still Walking“ von 2008.

(Foto: imago images/Mary Evans)

Der Tag, an dem der Vater an den Rand des Familienbildes gedrängt wird: Hirokazu Koreeda wiederholt mit "So weit wir auch gehen" die Geschichte eines seiner Filme noch einmal als Roman.

Von Fritz Göttler

Wie schön, sagt Yukari, als sie das Blumenarrangement an der Eingangstür sieht, welche Ikebana-Schule das denn sei, fragt sie ihre Schwiegermutter. Auch ihren Mann Ryota hatte sie danach gefragt. "Du meinst so etwas wie omote oder ura", hat der erwidert und wurde prompt ausgelacht - das sind doch Teezeremonien: "Ach nein, das ist typisch Mann. Obara oder ikenobi oder so sind Ikebana-Richtungen!"

Die Nuancen sind wesentlich in Japan, Akkuratesse ist das Merkmal seiner Kultur und der Kleinteiligkeit ihrer Erzählungen. Die dramatische Atemlosigkeit des Westens ist ihr fremd. Hier im Westen hat man vorschnell das Wort Minimalismus dafür, als ginge es um Größen, nicht um erzählerische Intensitäten.

Immer wieder wird das Familientreffen ausgebremst, weil einer sich an einen Sumoringer erinnert, aber wie war gleich der Name, oder an einen Typen aus der Hawaii-Reklame: Ein heißer Tag im Sommer, am Meer, die Yokoyamas kommen zusammen, wie jedes Jahr, im Haus der Eltern, der Sohn und die Tochter sind da, jeweils mit Lebenspartner und Kindern. Es ist ein Gedenktag, für den ältesten Sohn Junpei, der vor fünfzehn Jahren gestorben ist, ertrunken, als er einen anderen Jungen aus dem Meer rettete. Man besucht sein Grab auf dem kleinen Friedhof am Meer, mit einer Schöpfkelle gießt die Mutter kühlendes Wasser über den Grabstein, und die nassen Schriftzeichen Yokoyama leuchten für einen Moment schwarz auf. Die Mutter hat, für diese Begegnung mit dem Toten, dünn Lippenstift aufgetragen.

Immerzu wird gegessen oder gekocht: Tempura, Aallebersuppe, Windbeutel

Der Vater ist Arzt, von den Patienten geachtet, aber nun praktiziert er nicht mehr. An seiner Praxis aber hat er das Schild gelassen. Die meiste Zeit sitzt er im alten Behandlungszimmer, in Selbstisolation, allein mit seinen Träumen. Ohne einen Sohn, der ihm nachfolgen würde. Junpei hatte Medizin studiert, Ryota wollte von Medizin nichts wissen. Er hat die junge Witwe Yukari geheiratet, die bereits einen kleinen Sohn hat. Ryota arbeitet als Kunstrestaurator, der Vater reagiert verächtlich, als man ihm sagt, das wären die Ärzte der Gemälde.

"Aruite mo aruite mo/Still Walking" war 2008 einer der internationalen Erfolge des Filmemachers Hirokazu Koreeda. Im Jahr 2016 hat er die Geschichte auch als Roman herausgebracht. Die Gelassenheit des Films ist geschwunden, das Geschehen in den Kopf von Ryota gepresst. Er ist der Erzähler, zögerlich, unzufrieden mit seinem Leben. In allen Dingen ein wenig zu spät.

Die Kinder spielen vor dem Haus unter der roten Lagerströmie, immerzu wird gegessen oder neues Essen zubereitet, Tempura, Aallebersuppe und Sushi, dazu Windbeutel, eine Melone. Ryotas Zimmer ist, anders als das des toten Bruders, mit Gerümpel vollgestellt: "Weil zu Hause so viele unbenutzte Sachen von früher herumstanden, war das Leben im Haus in seine Winkel verdrängt worden".

In Koreedas Filmen ist der Tod auf spielerische Weise präsent

Wie jedes Jahr soll ein Foto gemacht werden. Der Vater, bedacht im Zentrum sich zu platzieren, wird an den Rand verdrängt, die unausgereifte Selbstinszenierung macht ihn zur komischen Figur. Anders als der Film wirft der Roman Blicke über den Tag hinaus, auf den Tod des Vaters, die Demenz der Mutter. In Koreedas Filmen ist der Tod auf eine spielerische Weise präsent, die Dialektik von Leben und Tod, das Nachleben. "After Life" heißt einer seiner frühen Filme von 1998, da müssen die eben verstorbenen Menschen in einem Zwischenreich selbst aus ihrem Leben wählen, worin sie ihre Erinnerung daran konzentriert sehen mögen.

"Die Lichter der Stadt sind sehr schön, nicht wahr", heißt es in einem Lied, das im Haus der Eltern immer wieder erklingt: "Yokohama Blue Light" ... Ein Lied, das von weit her kommt, ein Schlager der Siebziger, vor der Weltausstellung in Tokio. Tatsächlich findet der Sohn die alte Platte und legt sie auf. Eine Zeile daraus hat dem Buch von Hirokazu Koreeda den Titel gegeben: "So weit wir auch gehen, wie ein kleines Boot schwanke ich, schwanke in deinen Armen."

Die Mutter hat den Schlager gern gehört und auch gesungen. Einmal sang sie ihn, als sie mit dem jungen Ryota auf der Rückkehr aus der Stadt war: "Während ich den Rücken meiner singenden Mutter unverwandt anschaute, lief ich ihr mit einem ein ganz klein wenig größeren Abstand hinterher. Mich beschäftigt heute die Frage, was für ein Gesicht Mutter wohl gemacht hat, als sie dieses Lied sang."

Koreeda Hirokazu: So weit wir auch gehen. Übersetzt, eingeleitet und mit einem Glossar versehen von Reinold Ophüls-Kashima. Iudicium Verlag, München 2020. 150 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 06.08.2020

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