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Roman von Claire Adam:Brutaler Überlebenskampf

Traurige Tropen: Die in Trinidad geborene Autorin Claire Adam erzählt in ihrem Roman "Goldkind" von zwei ungleichen Brüdern in der Karibik.

Paul ist weg, und Vater Clyde macht sich im Dunklen fluchend auf den Weg durchs Dickicht, das bis zum Meer reicht. Wir sind in Trinidad, es ist heiß, es gibt Insekten, Schlangen und andere Tiere, die Clydes Suche nach Paul fast zur Qual machen. Es ist auch eine Tour durch Clydes Gedanken, der, wenn er Paul gefunden hat, endlich seinem Sohn den Kopf zurechtzusetzen. Dieser Paul! Unzuverlässig, unzugänglich, eigensinnig, unberechenbar, was denkt er sich, was treibt ihn an, warum ist er so, wie er ist? Doch er findet ihn nicht und kehrt zurück: "Clyde setzt sich auf die Stufe, plötzlich hat er Angst. Die Hunde setzen sich neben ihn und schieben ihre Schnauzen in seine Hände." In drei Teilen erzählt Claire Adam, in Trinidad geboren und aufgewachsen, bevor sie in den USA studierte vom seltsamen Paul und seinem Bruder Peter, von den Eltern Clyde und Joy, die indischen Ursprungs sind und auf Trinidad leben. Adam schildert eine Mischung aus Landschaftsschönheit, brutalem Sozialgefälle und mörderischem Überlebenskampf, eine Welt aus Missgunst und Eifersucht und Gewalt, aus ständiger Bedrohung auch kleinster Glücksmomente. Und doch auch ein vitales, ungebärdiges, auch komisches Sichbehaupten, von kleinen Fluchten und sogar Siegen.

Claire Adam hat diese komisch-traurige Familiengeschichte so schmucklos direkt aufgeschrieben, dass man die einzelnen Mitglieder sofort kennen zu lernen meint, ohne große Außenansichtsbetrachtungen. Ungeteilte Sympathie gewinnt Onkel Wishnu, der große gute Geist hinter der Familie, der den begabten Peter genauso beschützt wie den scheinbar schläfrigen unberechenbaren, dabei immer eigensinnigen Paul. Bei der Zwillingsgeburt war Paul der später Geborene, hatte die Nabelschnur um den Hals, also wird Sauerstoffmangel bei ihm vermutet. Während die anderen ihn von da an für zurückgeblieben halten, betont Onkel Wishnu, einst selber Arzt, beruhigend, dass er ein bisschen mehr Zeit brauchen wird.

Am Ende sind in dieser trostlosen Inselwelt alle beschädigt

So folgen die Eltern dem weisen Rat des alten Arztes, der Clyde mag, weil er nicht korrupt, eifersüchtig und habgierig ist, sondern ehrlich, fleißig und nicht aufschneiderisch. Onkel Wishnu hilft Clyde mit seinem Vermögen und setzt sich zusammen mit Mutter Joy immer wieder dafür ein, dass die beiden Brüder auf der Schule nicht getrennt werden, denn allein hätte Paul wohl keine Chance. Die Verwandtschaft mault über Wishnus Unterstützung, Schwager Romesh bohrt besonders hartnäckig nach, wieso Clyde bevorzugt werde, man sei doch Familie. Nach Wishnus Unfalltod wird Pater Kavanagh zu einer Art guten Hirten von Paul, aber dessen Eigensinn bleibt unberechenbar. Die Geschichte von Familie Deyalsingh geht nicht wirklich gut aus, irgendwann wird aus Missgunst verbrecherisches Tun und alle sind beschädigt bis auf den am Ende in den USA studierenden Peter: "'Kommen Sie', sagt Peter ... Pater Kavanagh streckt ihm zögerlich die Hand entgegen.

Und da erkennt er, was Clyde von Anfang an erkannt hat - dass Peter in der Tat anders ist als alle anderen, dass er aus Gold gemacht ist, aus reinem Gold. Pater Kavanagh nimmt Peters Hand und folgt ihm ins Meer." So bleibt der bittere Geschmack von traurigen Tropen, die Einsicht in eine karibische Welt trostloser Ausweglosigkeiten, deren ungeheure Vielfalt an Gestalten gleichwohl unmittelbar beeindruckt.

Claire Adam: Goldkind. Aus dem Englischen von Marieke Heimburger und Patricia Klobusiczky. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2020. 270 Seiten, 23 Euro.

© SZ vom 01.07.2020

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