Roman Vom Luxus, eine Seele zu haben

Die großartige brasilianische Autorin Clarice Lispector ist mit dem Roman "Der große Augenblick" endlich wiederzuentdecken.

Von Michaela Metz

"Diesen Roman zu lesen fühlt sich an, als werde man während der Aufführung eines Stücks hinter die Bühne gebracht", schreibt der irische Autor und Literaturkritiker Colm Tóibin im Nachwort. Dorthin also, wo man flüchtige Blicke auf die Schauspieler und das Publikum erhascht. Später werde geflüstert, "dies sei die gesamte Aufführung gewesen, zusammengestellt von einem Schriftsteller, der einen von irgendwo ganz nah oder fern nervös beobachtet."

Clarice Lispectors Roman "Der große Augenblick" erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus dem Nordosten Brasiliens, die in der Metropole Rio de Janeiro verloren geht. Sie findet eine Bleibe am Hafen, mehr schlecht als recht, aber immerhin. Sie findet einen Job, einen Geliebten und eine beste Freundin, die ihr dann aber beide (gemeinsam) abhandenkommen. Sie wird im doppelten Wortsinn nicht satt in ihrem kargen Leben. Sie isst ein Sandwich am Tag und verdrängt ihren Hunger nach Liebe. Doch dann wagt sie einen Blick in die Zukunft und spürt plötzlich die Hoffnung auf ein anderes Leben.

"Worte", heißt es an einer Stelle, "sind die vergossenen Klänge von Schatten."

Es gibt zwei Protagonisten: Macabéa und den Erzähler, der sich Rodrigo nennt. Der spricht sein Publikum direkt an, überlegt, vielleicht geht die Geschichte doch anders weiter, was meinst du, lieber Leser?

Lispector schrieb das Manuskript für dieses Buch mit der Hand und fügte die Fragmente dann zusammen, kurz bevor sie wegen ihres Krebsleidens in eine Klinik kam. Am 26. Oktober 1977 erschien dieser letzte Roman der brasilianischen Kultautorin, am 9. Dezember starb sie, einen Tag vor ihrem 57. Geburtstag. "Der große Augenblick", ein Zitat aus dem Text, ist ein neu gewählter Titel. Schon 1985 hatte Curt Meyer-Clason "A Hora da Estrela" textnäher übersetzt als "Sternstunde". Lispector gab dem Roman sogar dreizehn verschiedene Titel, die sich am Verlauf der Handlung entlanghangeln. Diese neue Übersetzung von Luis Ruby ist insgesamt freier.

Es ist ein schmales Buch, das man langsam liest. Die Figuren und der Schauplatz erscheinen skizzenhaft, mit groben Pinselstrichen hingeworfen. Lispectors Sprache ist einfach und doch rätselhaft, fast mystisch. Wie Aphorismen stehen einzelne Sätze für sich. Man liest sie - und hält inne. Die Antworten verstecken sich in der Leere zwischen den Zeilen. Mind the gap!

"Gegenstand der Wahrnehmung ist das unmittelbare Bevorstehen von . . . Von was?", fragt der Erzähler, "wer weiß, ob ich das noch erfahre. Denn ich schreibe quasi zur selben Zeit, zu der ich gelesen werde." Immerhin weiß er schon, die Geschichte wird etwa sieben Figuren haben "und ich bin eine der wichtigsten davon, was sonst."

Am Ende wird eine Wahrsagerin Macabéa das unmittelbare Bevorstehen des großen Glücks prophezeien, den großen Augenblick. Dann erfasst sie das Schicksal.

Die Inspiration für diese "Sternstunde" gab ein flüchtiger Blick auf der Straße: "In Rio sah ich aus dem Augenwinkel das Gefühl des Verlorenseins im Gesicht einer jungen Frau aus dem Nordosten", erklärt der Erzähler alias Lispector. Auch die Autorin, deren Familie in den Zwanzigerjahren vor Pogromen in der Ukraine nach Brasilien geflohen war, fühlte immer ihre Andersartigkeit. Viele ihrer Texte wurden anfangs abgelehnt, weil "keiner von ihnen die nötigen Fakten einer Geschichte erzählt."

Ihre Heldin stolpert entwurzelt durchs Leben. Macabéa ist "ein harmloses Ding, niemand braucht sie. Im Übrigen braucht auch mich keine Menschenseele, und was ich schreibe, könnte ebenso gut ein anderer schreiben". Eine Einschränkung macht Lispectors Alter Ego allerdings: "Also ein Mann müsste es schon sein, denn eine Schriftstellerin drückt womöglich zu sehr auf die Tränendrüse."

Es ist ein Roman mit Ansage, den Rodrigo alias Clarice da entwickelt: "Gegen meine Gewohnheit werde ich es also mit einer Geschichte versuchen, die einen Anfang hat, eine Mitte und ein 'Grande Finale', gefolgt von Stille und Regenfall." Ohne "Hirngespinste eurerseits, gar noch morbides und mitleidloses Zeug", wirft er dem Leser entgegen. Noch immer hat die Geschichte nicht begonnen. Macabéa hat noch kein Sandwich gegessen, ist noch nicht im Hafen von Rio de Janeiro spazieren gegangen, hat ihren Geliebten, Olímpico, noch nicht getroffen, ihn noch nicht an die dralle Glória verloren und von der Wahrsagerin Carlota noch nicht erfahren, was gleich als Nächstes in ihr Leben treten wird.

Der Leser hat die Wahl, wie er diesen Roman lesen möchte. Will er ein brasilianisches Sozialdrama verfolgen, einen Selbsterfahrungstrip unternehmen - "Wer bin ich? - Wer sich hinterfragt, ist unvollständig!" - oder über Sprache philosophieren? "Worte", heißt es an einer Stelle, "sind die vergossenen Klänge von Schatten, die ungleichmäßig übereinanderliegen, Stalaktiten, Stickerei, verklärte Orgelmusik."

Und dann traut sich Rodrigo doch, und lässt Macabéas Geschichte beginnen. Aber nicht am Anfang, sondern in der Mitte, "indem ich sage, dass sie unfähig war. Unfähig zu leben." Als Macabéa zwei Jahre alt war, raffte ein böses Fieber in einem gottverlassenen Winkel des Sertão ihre Eltern dahin, seitdem lebte sie bei ihrer frömmlerischen Tante und zog mit ihr nach Rio de Janeiro. Die verschafft ihr noch einen Job, dann stirbt sie endlich.

Macabéa wirkt wie eine biblische Figur. Ihre einzige Leidenschaft: Guavengelee mit Käse. Einmal hat sie Katzenbraten gegessen, der Schreck sitzt ihr für alle Zeiten in den Knochen. "Der Appetit war weg, nur der große Hunger blieb." Ihre verschlissene Seele passt nicht so recht in ihren Körper, "falls sie das Leben einmal richtig genießen sollte, würde sie umgehend merken, dass sie doch keine Prinzessin war, und als Kriechtier weiterleben." Sie liebt Radio Relógio, das ist ein absurder Radiosender, der nur die Zeit ansagt, Coca-Cola und Marilyn Monroe. Doch als sie sich die Lippen rot schminkt, sieht sie nicht wie ein Filmstar aus, sondern wie eine Nutte. Es gibt Tausende wie sie, sie ist nur ein Zufall, wie "ein Fötus, den jemand in den Müll wirft, eingewickelt in Zeitungspapier." Macabéa ist einem anderen Helden der brasilianischen Literatur verwandt, anonym wie Mário de Andrades "Macunaíma", der Mann ohne jeglichen Charakter.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung

Einmal singt Caruso im Radio die Arie "Una furtiva lacrima". Seine Stimme ist so weich, das tut beim Hören fast weh. Da weint Macabéa. Für einen Moment ahnt sie den Luxus der Seele. Erst viel später nimmt die Geschichte Fahrt auf.

Ihr Geliebter, Olímpico, kommt auch aus dem Nordosten Brasiliens. Er ist grob, ein Kampfhahn, einer der weiterkommen will im Leben. Und doch besucht er regelmäßig x-beliebige Beerdigungen. Und dort füllen sich seine Augen mit Tränen. Rodrigo, der selbstzweiflerische Erzähler der Geschichte, fühlt sich selbst, indem er auf Macabéa schaut, sich von ihr abgrenzt. Immer neu nähert er sich seiner Figur an, dreht und wendet sie, kaut ihren altertümlichen Namen Ma-ca-bé-a.

Clarice, die man in Brasilien beim Vornamen nennt, spricht in einem Interview, das sie kurz vor ihrem Tod gibt, mit dem für sie typischen Akzent - sie kann das brasilianische "R" nicht aussprechen - von ihrem letzten Roman. Den Namen der Heldin will sie noch nicht verraten. "Geheimnis!", sagt sie nur. Sie ist eine Diva, antwortet sehr kurz, manchmal wirft sie nur ein einzelnes Wort hin, und holt dann doch aus. Der Besuch bei einer Kartenlegerin habe sie zu diesem Roman inspiriert. "Sie sagte mir allerlei Gutes voraus, später kam mir der Gedanke, dass es sehr komisch wäre, wenn mich ein Taxi über den Haufen fahren würde, nachdem ich all das Gute gehört hätte."

Clarice Lispector schrieb gegen Ende ihres Lebens so, als stehe sie ganz am Anfang

Auf den Rat ihrer Freundin Glória hin wagt Macabéa einen Besuch bei der Wahrsagerin Carlota. Es ist die pure Verzweiflung, "auch wenn sie nicht wusste, dass sie verzweifelt war, aber tatsächlich pfiff sie auf dem letzten Loch." Carlota sieht Macabéas Schicksal - "Ach, dein Leben ist ja grauenvoll!" - und sagt ihr eine glänzende Zukunft voraus. Sie werde einen Europäer treffen: "Du wirst glücklich sein." Wenig später trifft Carlotas Weissagung ein, doch unter den falschen Vorzeichen.

"Clarice Lispector schrieb gegen Ende ihres Lebens so, als stehe sie ganz am Anfang und müsse das Erzählen abklopfen und daran rütteln," sagt Tóibin am Schluss, "um zu sehen, wohin es sie tragen würde - oder uns, ihre staunenden und begeisterten Leser."

Clarice Lispector: Der große Augenblick. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby. Schöffling & Co, Frankfurt/Main, 128 Seiten, 18,95 Euro, E-Book 14,99 Euro.