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Roman:Verführung zur Freundlichkeit

Da wird sogar der strenge Hauswart weich: Detlev Meyers zwingend nettes Buch "Das Sonnenkind".

Von Jörg Magenau

Das Buch entstand in seinen letzten Lebensmonaten, und schon der Titel ist Programm. "Das Sonnenkind" diente dazu, Heiterkeit und Leichtigkeit zu verteidigen. Erzählend kehrte Detlev Meyer angesichts des bevorstehenden Todes in eine unbeschwerte Kindheit zurück. Er starb 1999 in Berlin an Aids; die Veröffentlichung seines letzten Romans hat er nicht mehr erlebt. 2001 erschien das Buch bei Aufbau, ohne aber jenseits der Schwulenszene sehr viel Aufmerksamkeit zu erfahren.

Jetzt bekommt es anlässlich des 70. Geburtstags des Autors eine zweite Chance. Durchs Zeitalter der Aids-Toten hindurch - der Lyriker Mario Wirz, mit dem er befreundet war, und der frühgeniale Ronald M. Schernikau gehörten neben Meyer dazu - geht der Blick zurück ins West-Berlin im Jahr 1960, das so verkiezt und vergoldet, wie es hier erscheint, nie gewesen ist. Dabei hat die Geschichte in all ihrer Beschwingtheit durchaus ihre Widerhaken und Abgründe - und gestorben wird darin auch: Ein Rowdy aus der Nachbarschaft kommt mit seinem Moped ums Leben, und am Ende erliegt der geliebte Großvater einem Darmkrebs, bleibt aber bis zum Schluss ein Vorbild an Stil und Würde.

Wer Detlev Meyer nicht kannte, dem schien dieser Band jedoch allzu harmlos und lieb. Nichts in dieser autobiografisch grundierten Nachbarschaftsidylle deutet auf die Weltläufigkeit des Autors hin, der in Cleveland Informationswissenschaften studierte, in Toronto als Bibliothekar und in Jamaika als Entwicklungshelfer arbeitete, ohne aber die Bindung an Berlin je zu verlieren. Da besetzte er überzeugend die Rolle des Dandy, und allein dies kündigt sich im "Sonnenkind" schon an. Um schwule Erweckungsliteratur handelt es sich zum Glück nicht, wohl aber um eine Feier von Lust und Liebe und Leben, so wie ein Glückskind es wahrnimmt, das gerne notiert, wenn der Großvater oder der ältere Bruder von der "Kraft ihrer Lenden" schwärmen.

"Meinen Eltern" hat Meyer sein Buch gewidmet - es liest sich wie ein Abschiedsgeschenk

Im Mittelpunkt steht der neunjährige Carsten Scholze, das "Sonnenkind", wie Tante Berta in einem der sorgfältig ausgearbeiteten Glücksmomente sich zu sagen nicht verkneifen kann, als einmal die Sonne für ein paar Sekunden sein blondes Haar aufleuchten lässt. Für den knorrigen Hauswart Funke wird er damit zum Gespött, aber es ist Carstens Ehrgeiz, auch von ihm geliebt zu werden, so wie ihn ja alle Menschen auf der Welt lieben - mit Ausnahme der etwas älteren und etwas resoluteren Jungens aus der Werrastraße.

Carsten ist ja auch etwas eigen, wenn er darauf achtet, dass die gelben Kniestrümpfe farblich zur kurzen Hose passen, wenn er mit dem Großvater im Café Kranzler sitzt und seine Sinalco aus einem Cognac-Schwenker trinkt, weil das schöner ist, oder wenn er neue Worte sammelt, die er noch nicht kennt, Worte wie "Kokotte" zum Beispiel.

Der Truseweg in Neukölln ist so etwas wie die nach Berlin verlegte Lindenstraße. Davon, dass Berlin im Jahr 1960 noch eine kriegsversehrte Stadt voller Trümmergrundstücke und Ruinen gewesen ist, erfährt man nichts. Dass nur ein paar Hundert Meter weiter, jenseits des Neuköllner Schifffahrtskanals die Grenze zum Osten verlief, wo ein Jahr später die Mauer gebaut werden würde, lässt sich nicht ahnen, wenn man die Gegend nicht kennt. Nur Tante Berta wohnt im Osten, und am Ku'damm fallen die armseligen Menschen aus Treptow oder Köpenick auf, die "ästhetisch betrachtet eine Zumutung sind".

Der Dandy nimmt die Welt halt auch schon als Kind ästhetisch wahr. Es ist eine Welt der Herrentorten und des Eierlikörs, ein Neukölln ohne Türken und Araber, wo die Deutschen noch ganz unter sich sind. Dass sie aber auch eine Geschichte haben, kommt nur vorsichtig und zögerlich in den Blick. Vielleicht entspricht das der damaligen Wirklichkeit. Für ein Buch aus dem Jahr 1999 ist diese Zurückhaltung dennoch seltsam.

Der Vater, erfährt man, war als Soldat an der Front und leidet noch immer unter nächtlichen Panikattacken und Schweißausbrüchen. Der Großvater wollte den Krieg noch 1944 nicht verloren geben; er war 1935 in die Partei eingetreten und konnte auf diese Weise Karriere als Prokurist machen. So begründete er den bescheidenen Wohlstand der Familie und ihre Wirtschaftswunderexistenz und raffte sich im Lauf der 50er-Jahre immerhin zu der Einsicht auf: "Die haben Furchtbares angestellt, die SS-Männer." Mehr zeigt Meyer davon nicht. Immerhin lässt er ahnen, was unter der Oberfläche verborgen bleibt.

Viel mehr interessiert er sich für das Doppelleben des Großvaters, der neben seiner durchaus geliebten Ehefrau seit Jahrzehnten ein Verhältnis mit seiner Sekretärin unterhält und es schafft, dass am Ende beide und dazu noch die Tochter an seinem Sterbebett sitzen. Meyer ist ein Freundlichkeitstalent. Er zeigt die Menschen in ihrer Schwäche und Widersprüchlichkeit, um sie genau dadurch stark zu machen. Der Großvater mag ein Nazi gewesen sein, als "Filou" - noch so ein Wort, das Carsten lernt - macht er das wieder gut, und man kommt als Leser nicht umhin, diesen "Gecken" genauso zu lieben wie sein Enkel das tut. So ist das "Sonnenkind" vielleicht und vor allem eine Verführung zur Freundlichkeit.

"Meinen Eltern" hat Meyer das Buch gewidmet. Von da aus liest sich der Roman wie ein Abschiedsgeschenk und eine Bitte um Vergebung - falls es deren bedarf. Schon der kleine Carsten feiert die Eltern, wenn er zusammen mit seinem Bruder mit Kreide auf den Gehweg vor dem Haus eine bunte Widmung schreibt, eine Art Gedenkstein zu Lebzeiten: "Hier wohnt der Schüler Carsten Scholze mit seinen lieben Eltern und dem starken Gymnasiasten Stephan. Über ihnen wohnen die lieben Großeltern. Guten Morgen!"

Da wird sogar der strenge Hauswart weich und traut sich nicht, die Worte einfach wegzufegen. Genauso ist es mit dem ganzen Roman. So klein und nett er auch ist: wegwischen lässt sich so viel Freundlichkeit nicht.

Detlev Meyer: Das Sonnenkind. Roman. Mit einem Nachwort von Matthias Frings. Aufbau Verlag, Berlin 2018. 232 Seiten, 20 Euro. E-Book 14,99 Euro.

© SZ vom 20.02.2018
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