"Überbitten" Feldman betrachtet die Vergangenheit mit den staunenden Augen eines Kindes

Deborah Feldmans Text ist ein autobiografischer Erlebnisbericht aus dem Maschinenraum der Seele, ein Bericht über die befreiende Wirkung von Literatur und des eigenen Schreibens, über die Loslösung von der eigenen Herkunft und die Selbstverortung einer jungen jüdischen Frau.

Nicht selten wirken Feldmans von ihrem Verleger und Übersetzer Christian Ruzicska ins Deutsche übertragenen Sätze so, als seien sie im Schockzustand geschrieben, wie eine literarische Gegenreaktion auf die anerzogene Inhibition voller seelischer und körperlicher Berührungsängste. Nachdem Feldmann sich mit ihrem Bestseller "Unorthodox" aus der finanziellen Not und später auch aus der Ehe mit dem Vater ihres Sohnes befreit hat, wähnt sie sich am Ziel, und bemerkt kurz darauf, dass sie in Wahrheit vor dem Nichts steht.

Suche nach der eigenständigen Identität im Konflikt mit der Herkunft

Den medialen und monetären Erfolgen als junge Starautorin des Erstlings "Unorthodox" kann sie nichts abgewinnen und macht sich aufgrund der "alles konsumierenden Hässlichkeit dieses kapitalistischen Paradieses" von New York aus auf einen Roadtrip durch die Vereinigten Staaten. An dessen Ende steht die Erkenntnis, dass ihr eigene Identität begrenzt ist auf die einer orthodoxen Jüdin, die die Welt, in der sie lebt, weder kennt, noch als Ort der Geborgenheit erleben kann.

Nach einer ersten Reise nach Paris wird der Autorin Europa zum Hort von Stil, kreativer Sinnlichkeit und intellektueller Tiefe. Gerade in Ungarn, Österreich und in Deutschland aber stößt sie immer wieder auf den tiefen inneren Konflikt zwischen ihrer chassidischen Prägung und der Suche nach einer eigenständigen Identität als Jüdin und der unauslöschlichen Gegenwart der Geschichte.

Nicht immer sind die Reflexionen stringent ausformuliert

Die zehn Geschwister ihrer ungarischen Urgroßmutter wurden von kollaborierenden Truppen deportiert und schließlich in Auschwitz ermordet. Kein Zeichen des Andenkens daran findet sie im Heimatdorf ihrer Vorfahren. In Berlin irritieren sie die Stolpersteine zum Gedenken an die Opfer des Holocaust ebenso sehr wie ein Kinderspielplatz, der einst ein jüdischer Friedhof war: "Was für eine Wirklichkeit ist dies, dass Kinder auf genau den Wegen großgezogen werden, auf denen so viel Blut vergossen worden war?"

Feldman betrachtet die Vergangenheit und die Spuren, die sie im Bewusstsein der Menschen und in den Gedenkkulturen Europas hinterlassen hat, mit den staunenden Augen eines Kindes. Nicht immer sind diese Reflexionen stringent ausformuliert. Sie ähneln häufig eher kursorischen Tagebucheintragungen einer Reisenden, die einen Kontinent und damit auch ihre eigenen Wurzeln jeden Tag neu entdeckt.

Deborah Feldman: Überbitten. Roman. Aus dem Englischen von Christian Ruzicska, Secession Verlag für Literatur, Zürich 2017, 704 Seiten, 28 Euro.

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In Berlin, der Stadt, die am "endlosen Kampf um Geld und Statussymbole nicht teilzunehmen scheint", findet Feldmann zwischen unzähligen Buchläden, einer bunten Menge an "Grenzläufern", die sich hier nicht als Außenseiter fühlen müssen, und den kreativen Freiberuflern im Café auf der Neuköllner Sonnenallee schließlich ihr "geheimes Paradies".

Ihr Weg dahin ist eine seelische Abenteuerreise, an deren Ende der Begriff "Überbitten" eine neue Bedeutung gewinnt. Nach ihrer Einbürgerung in Deutschland erkennt Feldman die therapeutische Gelegenheit, Verletzlichkeit miteinander zu teilen.

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