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Roman:Städte, Frauen, Probleme

In Michel Decars Buchdebüt "Tausend deutsche Diskotheken" ermittelt ein Detektiv in den Nachtclubs der Achtzigerjahre. Eine Hommage an die gemütliche westdeutsche Langeweile.

Von Julian Dörr

Am Ende sind es nur 198. 198 deutsche Diskotheken, die Privatdetektiv Frankie in "Tausend deutsche Diskotheken" abklappert, auf der Suche nach einem mysteriösen Erpresser. Das Jet Dancing und das Jackie O. in München, das Black Mustang in Reutlingen und der Tanzpalast Okay in Mülheim an der Ruhr. Sie alle finden sich auf den Seiten dieses Debütromans und auch wenn es keine tausend sind, ein Lob für den Recherchefleiß von Autor Michel Decar, Jahrgang 1987. Denn eine Stichprobensuche im Internet erbringt: All diese 198 Diskotheken gibt es wirklich. Oder gab es zumindest, im Jahr 1988, dem Jahr, in dem "Tausend deutsche Diskotheken" spielt.

Ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bahn wird erpresst und ein Privatdetektiv jagt ein Phantom. Das ist klassischer Pulp-Stoff, ein Detektivroman mit einem hardboiled, einem hartgesottenen Helden. Nur konsequent deshalb, dass Ich-Erzähler Frankie seine Erlebnisse auch in einem Voice-Over kommentiert - wie in einem düsteren, schicksalsschweren Film noir. Die Fallhöhe der Geschichte, so viel kann man verraten ohne zu viel zu verraten, ist groß. Frankie muss das Erpresser-Phantom finden, so gut wie alles steht auf dem Spiel, genauer: der totale Zusammenbruch der Bundesrepublik Deutschland.

Bleibt dem Helden erspart: Discofieber im „Far Out“ in Berlin (West).

(Foto: imago/Günter Schneider)

Warum sucht er denn nun in den Diskotheken? Weil der Erpresser in der Nacht des 9. Juli aus einer anrief, in der gerade "White Heat" von Madonna gespielt wurde. Weshalb Frankie nun Nachtclub um Nachtclub aufsucht - erst in München, dann im Umland, dann in ganz Deutschland - um jedem DJ immer und immer wieder die Frage zu stellen: Hast du am 9. Juli "White Heat" von Madonna aufgelegt?

Es ist dieser Song, der zum McGuffin des Romans wird, er treibt die Handlung voran, aber er schwebt auch unerklärt über ihr. "White Heat" ist der Grund für diese irre Schnitzeljagd quer durch die Bundesrepublik, wirklich thematisiert wird der Song jedoch nie. Was wiederum ein herrlicher Kniff des Autors ist, der vor diesem Roman hauptsächlich Hörspiele und Theaterstücke geschrieben hat. Der Song "White Heat" handelt nämlich von einer Festnahme: "Get up stand tall/ Put your back against the wall/ This is a bust". In dem Song geht es um die Auflösung der Geschichte, hinter der Frankie im Laufe des Romans immer verzweifelter und paranoider herjagt.

Die 198 Diskotheken bilden die Schatzkarte eines verlorenen Landes: die westdeutsche Provinz der Spätachtziger. Das Mambo Jambo in Eimsbüttel, das Peppermint in Rosenheim und das Old Daddy in Oberhausen. In diesen Namen steckt die Amerikaliebe eines Landes, das sich in der kapitalistischen Konsumkultur wohlig warm eingerichtet hat.

Das ist die Welt von Frankie, der unentwegt Marlboro Menthol raucht und Bacardi Cola trinkt. Ein Humphrey Bogart der Vorstädte. In seinem Opel Admiral zischt er durch das Land und wischt ganze Städte mit einem Satz beiseite. Stuttgart sei nun mal "keine Stadt für große Gefühle", das "abartige" Frankfurt sowieso eine "Höllenstadt". Baden-Baden "wahnsinnig dumm, aber auch irgendwie geil". Und Köln die Klippe der Zivilisation, wo das Universum einen schwarzen Riss hat.

Michel Decar: Tausend deutsche Diskotheken. Ullstein Verlag, Berlin 2018. 240 Seiten, 20 Euro.

Einmal bricht Frankie auf Richtung Berlin, aber er scheitert an der innerdeutschen Grenze. Die DDR ist die große Leerstelle in Frankies Welt und in Decars Roman. "Tausend deutsche Diskotheken" ist eine Hommage an die Monotonie der Provinz. Besessen und wahnhaft folgt Frankie einem Phantom durch das ganze Land. Immer dieselben Autobahnen, dieselben Drinks, dieselben Fragen. Und immer auch die gleichen Frauen in den gleichen Städten mit den gleichen Problemen. Irgendwann fragt sich Frankie in einer der Diskotheken: War ich in diesem Laden nicht schon? Egal, alles gleich.

Ein Gedanke, der einen auch als Leser von "Tausend deutsche Diskotheken" ereilt. In der Gleichförmigkeit, die der Roman ausstellt, verliert er sich selbst. Anstelle von Spannung stellt sich Langweile ein, je länger man Frankies Odyssee folgt.

Was auch daran liegt, dass der Leser ratlos bleibt, wie ernst er diese Geschichte nehmen soll. Ist Decars Detektivroman eine Parodie? Und wenn ja, was will er damit aufzeigen? Das Personal des Romans rekrutiert sich aus Stereotypen: oberschlaue Philosophiestudenten, anstrengende Bürokauffrauen, koksende Musikjournalisten und reiche Töchter, die sich für zypriotische Kommunisten einsetzen. Vieles an Frankie ist bis ins Groteske überzeichnet. Er ist ein durch und durch lächerlicher Typ, ein Ermittler, der immer dann abhaut, wenn es tatsächlich etwas zu ermitteln gibt. Seine Sprache ist voller Floskeln. Mal bekommt jemand eine "hübsche Summe", mal gibt es zwanzig Mark "bar auf die Kralle". Menschen stehen bei ihm "pünktlich auf der Matte", sie verdienen sich "goldene Nasen" oder werden "ausgenommen wie eine Weihnachtsgans".

Am Ende bleibt alles vage, die Handlung des Romans, die Motive der Charaktere, die Intention des Autors. Vielleicht ist das die große Leistung von "Tausend deutsche Diskotheken" als Zeitbild der letzten gemütlichen Jahre Westdeutschlands. Oder wie ein alter Wegbegleiter Frankies sagt: "Das war in den 70ern gewesen und meinetwegen auch in den frühen 80ern, aber so langsam neigte sich das goldene Zeitalter der Mauschelei dem Ende zu."

© SZ vom 08.08.2018
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