Roman "Sex ist verboten":Lächerlicher Selbstbetrug

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Tim Parks erzählt in seinem neuen Roman von der schönen neuen Welt von Wellness und Yoga - und durchlöchert die Zwischenwand, die Männlein und Weiblein trennt. Auf höchst unterhaltsame Weise geht es um das Dilemma des modernen Menschen, der keinen Ausstieg aus der Überforderung findet.

Meike Fessmann

So um die vierzig erwischt es jeden: Wer bis dahin noch nonchalant seine Sportabstinenz bekunden konnte, wird allmählich kleinlaut. Er fragt im Freundeskreis herum, was die anderen denn so treiben, damit sich die Zipperlein nicht zu ernsthaften Beschwerden auswachsen. Die meisten tragen die Sportart ihres (Selbst-)Vertrauens ohnehin wie eine Flagge vor sich her. Doch was als Ausgleich gedacht war, mündet oft in neuen Leistungszwang. Also doch lieber gleich in den Yoga-Kurs?

Antischwerkraft-Yoga in New York - auch eine Form der Entspannung. (Foto: REUTERS)

Der 1954 geborene, in Italien lebende britische Schriftsteller Tim Parks hat im Lauf seines Lebens die Fronten gewechselt. Einst begeisterter Kajakfahrer - man lese nur den Roman "Weißes Wasser" - berichtete er in seinem Buch "Die Kunst stillzusitzen" von seiner Bekehrung zur Meditation. Nach jahrelanger Schreibtischarbeit und dem täglichen Kampf an der Wörterfront litt er unter unerträglichen Schmerzen im Unterleib, verbunden mit dauerndem Harndrang und damit einhergehender Schlaflosigkeit.

Die Ärzte empfahlen eine Prostata-Operation, die er der drohenden Nebenwirkungen wegen nicht auf sich nehmen wollte. Trotz aller Skepsis ließ er sich irgendwann auf das Heilsversprechen eines buddhistischen Gurus ein. In einem Schweige-Retreat lernte er das richtige Atmen und die Meditation. Die Beschwerden besserten sich und verschwanden mit der Zeit ganz.

Die Sportart seiner Wahl hatte die Anspannung nur verschlimmert. "Es ist ein großer Fehler zu glauben, man könne die Beziehung zum eigenen Körper verbessern, indem man ihm extreme Aktivitäten aufzwingt." Ein Hobby kann man aufgeben. Was aber tun, wenn der Feind auf ganz spezielle Weise im eigenen Körper haust: als jener Zwang, alles ständig in Sprache zu übersetzen und täglich um die richtigen Wörter und Sätze zu ringen, der die Existenz eines Schriftstellers bestimmt? Sollte er aus gesundheitlichen Gründen das Schreiben aufgeben und sich auf seine Lehrtätigkeit als Professor beschränken? Wer will das schon.

Nun erscheint "Sex ist verboten", Parks erster Roman nach dem unterhaltsamen Krankenbericht, der auch als kulturkritische Studie anregend war. Man ist gespannt, wie er das Problem gelöst hat. "The Server", so der Originaltitel, spielt in einem ebensolchen Retreat, wie es der Autor besuchte. Im Zentrum aber steht eine junge Frau, deren Eigenschaften von den seinen himmelweit entfernt sind, Beth Marriot, die Ich-Erzählerin.

Der Unterschied zwischen Ehe und Krieg

Sie hat einen ausgesprochen intakten und lustfreundlichen Körper: große Augen, wuschlige Mähne und prächtige "Titten", die Männerblicke auf sich ziehen wie "zwei rote Ferraris". Sie ist Sängerin in einer Band, hat einen jüngeren und einen älteren Liebhaber (deren Alter sie als Gedächtnisstütze für ihre Handy-PIN nimmt), schläft aber auch mit Zoe, die wie Carl, der jüngere, zur Band gehört.

Ihre Eltern führen eine Ehe, über die sie scherzen, der einzige Unterschied zum Dreißigjährigen Krieg sei, dass der nach dreißig Jahren zu Ende war. Sie wünschen sich, sie möge endlich den freundlichen Carl heiraten und ins Familienunternehmen einsteigen. Sie aber will Jonathan, den freiheitsliebenden Künstler, der sie malt und leidenschaftlich mit ihr vögelt, aber sein Herz weder an Dinge noch an Frauen hängt.

Bevor sich die "Drama Queen" ins Dasgupta Institut begab, geschah in ihrem Leben eine Tragödie. Angedeutet wird das schon früh, was genau es war, erfahren wir erst mit der Zeit, es soll hier nicht verraten werden. Als Beth zu erzählen beginnt, arbeitet sie bereits seit gut acht Monaten im Institut, als "Helferin", die für die Meditierenden kocht und die Zimmer aufräumt. Das geschieht ohne Bezahlung, wie auch die Zivilisationsgeschädigten ihr zehntägiges Schweige-Retreat kostenlos antreten können, (doch ist dies verbunden mit der Bitte um eine Spende, die am Ende meist großzügig ausfällt).

Weil es Beth langweilig wird, beginnt sie zu schreiben, was ebenso verboten ist wie reden, und liest heimlich im Tagebuch eines Mannes, das sie zufällig entdeckte, als sie unerlaubterweise im Männertrakt war. Mit zwei einfachen dramaturgischen Tricks hat Parks die Ingredienzien zusammen, die er für seine Geschichte braucht: eine ziemlich lässige Erzählerin, in deren Körper er sich offenbar gerne einfühlt - bis hin zur Furcht, im falschen Moment zu menstruieren und peinliche Flecken zu hinterlassen -, und einen reichlich verkopften Mann, dessen gleichermaßen eitle wie selbstquälerische Aufzeichnungen sie mitliest und spöttisch kommentiert an den Leser weiterreicht.

Viel los im Schließfach

So erfahren wir, wie es in einem solchen Retreat zugeht: Wie die zum Schweigen Entschlossenen bei der Ankunft ihre persönlichen Gegenstände in Schließfächern verstauen, dann in einen Raum gelangen, in den flugs eine Zwischenwand geschoben wird, um Männer und Frauen zu trennen. Nur Paare rebellieren manchmal. Immerhin meditiert man gemeinsam, wenn auch auf die beiden Hälften der Halle verteilt. Handys, Laptops und dergleichen sind selbstverständlich verboten, wie jeder Kontakt zur Außenwelt.

Die einzigen Botschaften, die das Ohr erreichen, stammen von den Lehrern und natürlich vom längst verstorbenen Guru, dessen Stimme auf einer CD verewigt wurde. Wer je einen Yoga-Kurs besucht hat, weiß, dass die Anweisungen die Intelligenz beleidigen und trotzdem wirken, sobald man den kritischen Geist wenigstens kurzfristig ins Nirvana schickt. Die seltsamen Gleichnisse, mit denen die Lehrer in speziellen Fragestunden auf ihre Schüler eingehen, sind ebenso komisch wie der ganze Roman.

Er lebt davon, dass wir alles durch den Filter seiner lebensfrohen Hauptfigur sehen, und dass "Mr. Tagebuchschreiber", wie sie ihn nennt, ein echter Skeptiker ist, der die Lehren des Gurus auf ihre philosophische Tauglichkeit prüft. Er ist Verleger eines auf die Insolvenz zusteuernden Kleinverlags und kommt während des Retreats auf eine neue Geschäftsidee, mit der sich die Überproduktion auf dem Buchmarkt eindämmen ließe: Man sollte Autoren Verträge anbieten, in denen sich der Verlag dazu verpflichtet, ihr Werk lebenslang vor Veröffentlichung zu schützen. Eine aparte Idee - auch wenn es zumindest um dieses Buch schade wäre.

"Sex ist verboten" erzählt auf höchst unterhaltsame Weise vom Dilemma des modernen Menschen, der keinen Ausstieg aus der Spirale der Überforderung findet. Alles, was man tun kann, ist kompensatorisch und letzten Endes auch lächerlich, weil es auf Selbstbetrug beruht. Wenn die Schweigenden nach zehn Tagen endlich wieder reden dürfen, platzt es aus ihnen heraus: "So viel Nonsens habe ich mein Lebtag noch nicht gehört", sagt eine Frau, "Karma-Nonsens, Reinkarnations-Nonsens, Nirvana-Nonsens". Da ist es also wieder, das "dicke fette Ego", das man zehn Tage lang weggedrückt hat. Und doch werden die meisten wiederkommen, um wenigstens für ein paar Tage von Ansprüchen und Meinungen frei zu sein.

© SZ vom 30.08.2012 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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