bedeckt München 31°

Roman "Schlump" über Ersten Weltkrieg:Kuss des Kriegers

Britische Soldaten

Britische Soldaten marschieren 1915 zur Front am Frenzenberg bei Ypern, Belgien.

(Foto: Ernest Brooks/National Library of Scotland/dpa)

Hans Herbert Grimms Schelmenroman "Schlump", aus der Perspektive eines jungen deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg erzählt, ist eine beglückende Wiederentdeckung. Er liefert ein umfassendes deutsch-französisches Stimmungsbild, wie man es sonst noch nirgendwo gelesen hat.

Die Einzigen, die ihn nicht vergessen hatten, waren die Nazis. "Schlump" gehörte nach der Machtergreifung zu den verbotenen Büchern. So wurde ein Roman aus der Literaturgeschichte gelöscht, an den sich schon damals kaum jemand erinnerte. Sein Autor, der Altenburger Lehrer Hans Herbert Grimm, der das Buch 1928 aus Angst um seine bürgerliche Stellung unter Pseudonym veröffentlicht hatte, mauerte das Original zu Hause ein, um sich und seine Familie zu schützen.

Trotz des Werbeaufwands, den Grimms Verleger Kurt Wolff bei Erscheinen betrieben hatte, war das Werk weitgehend unbeachtet geblieben. Ein anderer Roman, Remarques "Im Westen nichts Neues", absorbierte die öffentliche Aufmerksamkeit. Zehn Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs war das Publikum noch nicht reif für Grimms Schelmenstück über "Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt Schlump. Von ihm selbst erzählt", wie das Buch in Anspielung auf Grimmelshausen im Untertitel heißt.

Zivile Aspekte des Ersten Weltkriegs

Erst der FAS-Literaturkritiker Volker Weidermann hat "Schlump" wiederentdeckt, einen Roman, der zu den interessantesten Büchern über den Ersten Weltkrieg gehört - gerade weil er den Blick nicht auf die Feldstecher-Perspektive des einfachen Schützen im Stellungskrieg an der Westfront verengt, sondern die zivilen Aspekte jener Jahre ausleuchtet. Damit liefert Grimms Picaro ein umfassendes deutsch-französisches Stimmungsbild, wie man es sonst noch nirgendwo gelesen hat.

Als Freiwilliger zieht der 17-jährige Emil Schulz im August 1915 in einen Krieg, der zu diesem Zeitpunkt längst hätte vorbei sein sollen. Doch Schlump hat Glück. Weil er etwas Französisch kann, landet er zunächst als Kommandant eines besetzten Dorfes in der Etappe. Dort hat er es eher mit Problemen wie aus Louis Pergauds "Krieg der Knöpfe" (1912) zu tun. Ein Junge steckt mit dem Kopf in einem Nachttopf fest, den er sich beim Ritterspiel als Helm aufgesetzt hat.

Das gesamte Dorf zieht wie eine Prozession, angeführt von Schlump, zum Klempner, der das Kind mit einer Blechschere von dem befreit, was Grimm als "eiserne Maske" bezeichnet - eine Verneigung vor Alexandre Dumas. Ein ganzes Bataillon deutscher Soldaten ist mittlerweile ausgerückt, angeführt von einem Leutnant mit gezücktem Degen. Das Ganze endet friedlich, und Schlump, "zog im Triumph mit seinen Untertanen wieder nach Loffrande zurück".

"Parole Massengrab"

Als der freundliche Besatzer Schlump schließlich doch an die Front abkommandiert wird, trennen sich die Dörfler unter Tränen von ihrem geliebten Boche. Er selbst empfindet seine Versetzung als Schmach, schließlich heißt es unter den Soldaten, dass nur die Dummen zur Infanterie kommen. Man sehnt sich nach einem "Heimatschuss", "Parole Massengrab" sagt man im Jargon der Truppe, und Kriegsfreiwillige werden "Kriegsmutwillige" genannt. Als Schlump zum ersten Mal Posten steht, vollbringt er gleich eine antikriegerische Heldentat.

Da er seinen Posten nicht verlassen darf, erleichtert er sich im Schützengraben. Am Morgen tritt ein Leutnant mitten hinein in das "Denkmal", das Schlump hinterlassen hat. Es ist Grimms ganz persönliches Kriegerdenkmal, sein Statement zu falschem Heldenpathos und Militarismus. Und auch wenn er das Inferno zuweilen mit allzu treuherzigen Vokabeln beschreibt - die splitternden Granaten wie tausend Katzen "fauchen" oder die frierenden Troupiers traulich Brennholz "mausen" lässt, so unterschlägt er die Gräuel keineswegs.