Roman "Öl auf Wasser" Taschenspielertricks des Lichts

Ein junger Journalist und ein ehemaliger Starreporter geraten ins apokalyptisch anmutende Niger-Delta. In "Öl auf Wasser" verzichtet Helon Habila auf moralische Thesen und bedient sich einer fantastischen sprachlichen Form. Manche Szenen verlangen geradezu nach einer Verfilmung.

Von Helmut Böttiger

Die Sonnenuntergänge im Niger-Delta sind besonders bizarr. Sie haben alle nur erdenklichen Schattierungen von Orange, und man weiß nicht, ob es an den auffälligen Himmelsformationen liegt oder an den Abgasfackeln über den Ölquellen, die die verzweigte Fluss- und Dschungellandschaft mit ihrem schummrigen Dunst durchsetzen. Die Farben sind glühend, wenn Rufus, der Icherzähler, und sein Journalisten-Kollege Zaq mit dem Kahn eines alten Fischers durch dieses apokalyptisch anmutende, labyrinthische Gelände rudern; die fauligen und schleimigen Gerüche sind äußerst intensiv, und allgegenwärtig sind die Moskitos, denen man schutzlos ausgeliefert ist.

Ölquellen im Niger-Delta - Schauplatz für Helon Habilas großen poetischen Roman.

(Foto: REUTERS)

Es ist eine phantastische, exotisch anmutende Landschaft, in die uns Helon Habila in seinem Roman entführt, doch sie ist gezeichnet von den weltumspannenden Aktivitäten der multinationalen Konzerne. Politik und Poesie gehen in der Schreibweise dieses Autors eine ungeahnte Verbindung ein, mit einer skrupulösen Genauigkeit, jenseits aller Klischees. Was dieses Buch so spektakulär macht, ist sein Verzicht auf allgemeine Thesen, auf vordergründige Moral, auf selbstverständlich scheinende Unterscheidungen zwischen Gut und Böse. Doch dass der seine eigenen Ressourcen zerstörende Kapitalismus die Verhältnisse auch in Nigeria zerrüttet, ist mit jeder Zeile klar.

Die Beziehung zwischen Rufus, dem jungen Journalisten, und Zaq, dem ehemaligen Starreporter, ist der rote Faden, um den sich die Handlung entspinnt. Sie suchen die entführte Gattin des englischen Repräsentanten einer Ölgesellschaft und versprechen sich davon eine aufsehenerregende Reportage. Eigentlich sind Entführungen in dieser Region Routine, der Ablauf bis zur Lösegeldzahlung und Freilassung ist immer derselbe, aber in jüngster Zeit ist es zu Irritationen gekommen, und mindestens zwei Journalisten wurden bei einer der üblichen Kontaktaufnahmen getötet. Rufus und Zaq geraten in eine unübersichtliche Konstellation: verschiedene Rebellengruppen, brutale Regierungssoldaten, dazwischen die ängstlichen Flussanrainer, denen die Fischgründe langsam abhandenkommen und zu deren Überlebensstrategien es zählt, sich nicht auf eine Seite festlegen zu lassen.

Dass die Dorfbewohner keine Chance mehr haben, wird schnell klar. Auf der Suche nach Rebellen durchkämmen Soldaten die einzelnen Ansiedlungen, nehmen widerspenstige Dorfoberhäupter gefangen und bringen sie um, auch Rufus' Heimatstädtchen ist durch ein Ölfeuer zerstört worden, mitsamt den Lebensgrundlagen seiner Familie. Die allgemeine politische Situation schwingt in Habilas einzelnen Erzählsträngen immer mit, entscheidend sind aber die differenzierten, widersprüchlichen Wahrnehmungen des Protagonisten.

Der Roman entfaltet gleichzeitig die Elemente eines Thrillers sowie einer Liebesgeschichte, und alles ist dabei so untrennbar miteinander verwoben, dass keiner der einzelnen Momente aufgesetzt oder konstruiert wirkt. Harte, realistische Passagen, besonders über den Journalistenalltag in der Regionshauptstadt Port Harcourt, gehen über in metaphysisch durchdrungene Schilderungen der Naturzerstörung und des Alltags in den Fischerdörfern, und dabei wird genau der Übergang von einer noch ursprünglichen, autochthonen Lebensform zu dem neuen Schicksal als "heimatlose Wanderer", wie es die Bewohner selbst formulieren, festgehalten - dass es in den Slums der Metropolen enden wird, ist sehr wahrscheinlich.

Eine große Figur ist Zaq, der alte Reporter. In spät einsetzenden Rückblenden wird seine Vergangenheit deutlich: in den Zeiten der schlimmsten Militärdiktatur in Nigeria in den Neunzigerjahren machte er sich einen Namen als unerschrockener Journalist, herausragend war eine Reportage über die Prostituierten in Lagos. Zaq verkörpert einen aufklärerischen Impuls, und er wirkt wie ein Symbol für die Versuche, in einem Land wie Nigeria, das um seine Identität und seine politischen Strukturen ringt, demokratische Utopien umzusetzen. Woran er gescheitert ist und wie er gescheitert ist, wird nicht im Einzelnen referiert - aber dass er kein Zyniker ist wie sein alter Freund, der Chefredakteur, dass er Alkohol braucht und körperlich stark abgebaut hat, teilt sich unmittelbar mit.

Zaq ist ein Wiedergänger aus Joseph Conrads "Herz der Finsternis", und er ist auch ein Wiedergänger von Balzacs "Verlorenen Illusionen" - Helon Habila schöpft aus dem Fundus der literarischen Vergangenheit, er kennt die verschiedenen Schreibweisen der Tradition und der Gegenwart, und durch die hautnahe Erfahrung Afrikas entsteht eine neue, aufregende Prosa, die den Istzustand scharf umreißt.

"In der Flussmitte war das Wasser klar, näher an den Ufern aber stand es brackig, eingeschlossen von den Mangroven, in deren Zweigen der Dunst in Klumpen hing wie Baumwollbällchen." Die Sprache dieses Romans setzt all das um, was an geschichtlicher Erfahrung transportiert wird, die kurzfristigen ökonomischen Interessen geschuldete Naturzerstörung, das brackig werdende Wasser, die Schlieren, die schweren Gerüche. Es gibt Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen, und die "Taschenspielertricks des Lichts", die einmal benannt werden, "dampfend und die Gestalt ändernd", können zu großen Visionen des Inneren werden: Rufus, durch dessen Augen wir die Geschehnisse sehen, registriert alles genau.

Es gibt Szenen, die geradezu suggestiv nach einer filmischen Umsetzung zu verlangen scheinen. Aber der Reiz des Romans besteht vor allem darin, dass er seine Wirkung aus der sprachlichen Form gewinnt, durch Brüche in der Erzählung, durch verwirrende Perspektiven, und die sich jeglicher Kartografie verweigernden unübersichtlichen Seitenarme des Flusses spiegeln die Welt wider, wie sie die einzelnen Figuren erfahren. Charakteristisch sind die Verschiebungen und Verdoppelungen der Chronologie: Durch Vor- und Rückblenden entsteht eine simultane Zeiterfahrung und eine Vision von Zeitlosigkeit, die sich nicht verfilmen lässt.

Am besten zeigt sich das in der kaum ausgeführten Liebesgeschichte mit der Krankenschwester Gloria, die als eine unausgesprochene Utopie über das Buch hinauszuragen scheint - es sind nur knappe Andeutungen, kleine atmosphärisch verdichtete Szenen, und zu der Opulenz und Sinnlichkeit der Sprache tritt die Wirkung des Ausgesparten hinzu, jenseits aller Klischees und alles Erwartbaren. Helon Habila ist 1967 geboren, hat Literatur studiert, schreibt auf Englisch, lebt in den USA und in Nigeria und lehrt kreatives Schreiben - aber eines fällt vor allem ins Gewicht: Er hat tatsächlich etwas zu erzählen.

Helon Habila: Öl auf Wasser. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Brückner. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2012. 231 Seiten, 24,80 Euro.