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Roman: Kriegsbraut:Partei für den Zweifel

Die Stärken des Romans liegen in der Ausmalung der Situation. Zunächst des nun eben auch weiblichen Soldatenalltags mit dem ewigen Thema der Kriegsliteratur, Anspannung und Langeweile. Auch Frauen haben ein Stubenleben, und natürlich entwickeln sich auch im Soldatenberuf zwischen Frauen und Männern erotische Spannungen. Das hat Kurbjuweit glanzvoll gemacht, sehr ernst, nämlich respektvoll, und ziemlich komisch zugleich, literarisch wirkliches Neuland. Die Seitenblicke auf die pazifistische Heimat, die im unentwegten Mail- und Mobilfunk-Kontakt anwesend bleibt, steuern dazu stille Satire bei.

Stilistisch ganz ohne Getue

Das andere ist die Verlorenheit der westlichen Soldaten, die zwar bis zum Umfallen mit Technik gepanzert sind, sich aber vor jedem Plastikkanister am Wegrand fürchten müssen, in dem riesigen, zerklüfteten, undurchdringlichen Land Afghanistan. Kurbjuweit hat hier alles zusammengetragen, was auch gegen diesen Einsatz spricht, das im Einzelnen eigentlich Vergebliche, buchstäblich ins Geröll Geschriebene dieses Krieges.

Und natürlich muss es zu einem Unfall kommen, einer Schießerei, die nur durch einen amerikanischen Helikoptereinsatz beendet werden kann und auch zivile Opfer fordert. Mit moralischer Feinwaage justiert Kurbjuweit das Dilemma einer lebensrettenden Selbstverteidigung, die gar nicht umhin kann, Unschuldige mitzutreffen. Die vollkommene Abhängigkeit der Deutschen von den Amerikanern in jedem Ernstfall ist schwer erträglich.

Schockierend wirkt die seelische Nacharbeit: Weil von zivilen Opfern weder in Afghanistan noch in Deutschland auch nur das Leiseste verlauten darf, kann nicht einmal in der nachsorgenden psychologischen Betreuung darüber gesprochen werden. In diesem Zug einer aufs Höchste sensibilisierten und doch im selben Moment tief unaufrichtigen Kriegsführung entwirft der Roman geradezu das Modell dafür, warum demokratische Gesellschaften am Ende kriegsuntauglich sein könnten.

Esthers Entscheidung für den Soldatenberuf, die Sozialpsychologie des neuen gemeinsamen Soldatenalltags von Frauen und Männern, die Dilemmata des asymmetrischen Krieges stellen die ersten drei Ebenen des Erzählwerks Kriegsbraut dar; die letzte Ebene, die große Auseinandersetzung zwischen den Kulturen, für die natürlich das Motiv der Geschlechterrollen zentral ist, erreicht das Buch in der Liebe zwischen Esther und Mehsud. Da könnte man (und die Literaturkritik muss es wohl tun) sehr viel einwenden; der Fall wirkt weder recht wahrscheinlich, noch seelisch plausibel.

Aber für Kurbjuweits Zweck, die umfassende Entfaltung der moralischen Probleme, ist sie zwingend, und daher sollte man sie besser als empathisches Argument denn als reale Geschichte verstehen: So könnten, so müssten sich Liebende unterhalten, die sich unter so prekären Umständen treffen, nämlich nicht nur als Individuen, sondern als Vertreter ihrer Lebenskreise; so groß und hohl wären viele ihrer Worte, und so müssten sie sich wohl missverstehen. Esthers Desillusionierung - mehr soll zu der ja auch spannenden Geschichte nicht verraten werden - steht symbolisch fürs Ganze.

Kurbjuweits Roman, stilistisch ganz ohne Getue, dabei mit erfahrener Könnerschaft geschrieben, ist voller Informationen und voller Einsichten in reale Umstände und Probleme. Und er leistet etwas, was nicht einmal der klügste Essay könnte, sondern wirklich nur die Literatur schafft: Er weckt die Vorstellungskraft für das schwierigste Problem der gegenwärtigen deutschen Politik; er nimmt Partei für den Zweifel.

DIRK KURBJUWEIT: Kriegsbraut. Roman. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2011. 333 Seiten, 19,95 Euro