Süddeutsche Zeitung

Roman:Götzendienst am Zyklopenauge

Adolf Muschg erzählt von zwei elternlosen und missbrauchten Kindern, die als Erwachsene zueinander finden. Doch der Schweizer Altmeister packt mehr in "Die japanische Tasche", als dem Buch guttut.

Von Volker Breidecker

Psychologisch betrachtet, ist das Kind der Vater des Erwachsenen - und auch dessen Mutter, um das Paradox zu ergänzen, mit dem Sigmund Freud den Erkenntnisgrund der Psychoanalyse in der frühkindlichen Erfahrung und dessen Nachleben verankerte. Von zwei von Missbrauch und Elternlosigkeit gebrannten Kindern, die als Erwachsene zueinander finden und sich wieder verlieren, erzählt Adolf Muschg in seinem jüngsten Roman. Er heißt "Die japanische Tasche", denn alles, was Beat Schneider nach acht Jahren Ehe von Lou Anne bleibt, ist eine Tasche, die sie ihm aus Japan mitgebracht hatte. Bis auch sie verloren geht.

Dabei hatte alles ganz märchenhaft begonnen. Schneider, ein Findling, war in einem Pfarrhaus unter der feenhaften Obhut einer von ihm Alcina genannten Kindsfrau aufgewachsen. In Wirklichkeit ist sie seine leibliche Mutter, aber das bleibt wie so vieles in diesem Roman im Ungefähren. Liebe und Erotik im 18. Jahrhundert sind die Forschungsgebiete des Privatdozenten. Seinen Vorlesungen zufolge barg "Die Schweiz der Hirten" allerhand späterhin verkümmerte Freuden und Freiheiten: Von seinen Zinnen hätte der Bannerträger aus Gottfried Kellers Seldwyler Männerchor sein Lied anstimmen können: "Da ist die Freude sündenrein. . ." Der Vers steht als Motto über jenem Kapitel, von dem Schneiders amouröse Begegnungen mit Lou Anne ihren Ausgang nehmen. Die zauberhaften Metamorphosen des Geschlechts in Händels Oper "Alcina" und die anmutigen Schäferspiele von Shakespeares "Wintermärchen" haben kreisende Bewegungen auch auf den von Schneider und Lou Anne eingenommenen Logensitzen zur Folge.

Auch die Fülle wunderbarer Kolportagen sprengt leider den erzählerischen Rahmen

"Sündenrein" ist ob mancher Grenzverwischungen ebenso die Welt der Märchen: "Das Glück der Märchen", so lässt ein auktorialer Erzähler seinen Helden räsonieren, "ist nicht, etwas besser oder böser zu wissen, sondern ANDERS." Gelten sollte dies selbst im Blick auf die unerlöste Gegenwart alter Wunden. "Das Kind soll unverletzet sein", heißt es mit Paul Gerhardts "Abendlied" in einem der vielen Zitate aus Märchendichtung, Poesie und Kirchenlied. Gemeint ist die beinahe mit Stummheit geschlagene Lou Anne, die von Kind an sexuell missbraucht wurde und noch bis in die Gegenwart der Erzählung für nicht näher geschilderte Kundendienste zur Verfügung steht. Von der Liebe erhofft sie sich Erlösung von Gewalt, Schlägen und vom Zwang, "süß" zu sein.

Doch an einem einzigen, von rasender Eifersucht diktierten Schlag in ihr Gesicht zerbricht die Liebe, und mit ihr nicht nur die Ehe, sondern auch die Seele der Kindfrau selbst: Lou Anne gerät in die Mühlen der Psychiatrie und wird sie nie wieder verlassen. Und dem Mann bleibt nichts als die Tasche. Mit der Freudschen Symbolträchtigkeit einer Tasche als Stellvertreterin des mütterlichen Uterus, in dem das schuldbeladene Schneiderlein am liebsten wieder verschwinden möchte, könnte der Leser dieser ein knappes Drittel des Romans einnehmenden Erzählung noch ganz gut leben, ohne dass er auch noch zum Zeugen von Schneiders fortgesetzten Götzendiensten an dem "Zyklopenauge", der "Öffnung im glühenden Rund", werden müsste.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Doch hier, bei den noch ausstehenden zwei Dritteln dieses 500-Seiten-Werks, nimmt die Mühe mit diesem Roman aus der Feder eines doch so sprachmächtigen und begnadeten Erzählers ihren Lauf. Ein geschickter Ausgangsplot - der plötzliche Stillstand eines Fernzugs infolge eines "Personenunfalls" - verschafft dem Autor die Möglichkeit, eine ganze Riege potenziell verfügbarer Romanfiguren auf begrenztem Raum für die Dauer eines Ausnahmezustands zu versammeln, um sich ihrer späterhin wie ein Marionettenspieler nach Gusto zu bedienen. Und später lässt er nach Schneiders vorzeitigem Austritt aus dem Roman einen altgedienten Helden wiederauferstehen, der sich in "Sutters Glück" (2001) noch im Silser See ertränkt hatte. Dadurch gerät der Roman selbst zum Personenunfall.

Vollkommen überflüssig sind die den Romanfiguren in den Mund gelegten Leitartikel aus verblichenen Feuilletondebatten über Genomsequenzen und die Fortschritte der Molekularbiologie oder über Gaudi und Kurzweil in den Lebenswissenschaften. Mit redseliger Philosophie und Bildungshuberei ist der Roman ohnehin zum Bersten gefüllt. Einen argen Schnitzer leistet Muschg sich dabei gegenüber einer Urszene des modernen Intellekts, nämlich Petrarcas berühmter Besteigung des Mont Ventoux: Oben angekommen soll der römisch-katholische Gipfelstürmer dem reformierten Zürcher Protestanten Adolf Muschg zufolge brav zur Bibel gegriffen haben, während es nach Petrarcas eigenhändiger Überlieferung die "Bekenntnisse" des heiligen Augustinus waren.

Eine wahre Fülle wunderbarer Kolportagen - auf Zürcher Sitten und Gebräuche, auf ortsansässige Stararchitekten, auf den alemannischen Schriftsteller Wal Bender, alias Martin Walser, auf Berliner Verlage und Konstanzer Historikertage - und eine sprachliche Kunstfertigkeit ohnegleichen können dennoch nicht über die widrigen Folgen eines ausufernden Parlierens hinweghelfen. Auf märchenhafte Weise von aller Ökonomie und allem Pekuniären befreit sind Muschgs Romanhelden. Es dem Märchen nachtun zu wollen, ist für den Haushalt eines Romans freilich fatal: Und so erzählt, redet, sinniert, schwadroniert Muschg wie in einem nicht enden wollenden Selbstgespräch einfach mehr, als auf eine Kuhhaut geht - oder in eine japanische Tasche passt.

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Quelle:
SZ vom 20.04.2016
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