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Roman von Tom Kummer:"Sie wird mich umbringen, wenn sie jemals davon erfährt"

Tom Kummer

Tom Kummer ist durch seine erfundenen Prominenten-Interviews zum "Bad Boy" des deutschen Reportage-Journalismus geworden. Jetzt versucht er es mit dem Schreiben über das eigene Leben.

(Foto: dpa)

Tom Kummer beschreibt in "Nina & Tom" das Krebsleiden seiner Frau. Das Buch ist faszinierend pietätlos - und enthält natürlich wieder geklaute Passagen.

Von Tobias Kniebe

Speichel tröpfelt aus den Mundwinkeln, die Augen sind in stummem Entsetzen aufgerissen, dann rudern plötzlich die Arme, als wollten sie alles wegstoßen. Nur ein "Hauch von Mensch" liegt da noch im Bett, nichts als Haut und Knochen. Die Haut brennt vor Hitze, der Atem geht röchelnd und furchtbar schnell. Die Nachtwindel ist voll.

Schon das ist eine große Entscheidung: das Sterben eines Menschen, den man dreißig Jahre lang geliebt hat, in allen Details, in aller Drastik aufzuschreiben. Für Tom Kummer, der seine Frau Nina im September 2014 an den Krebs verloren hat, nach zweieinhalbjährigem Kampf, ist das aber nicht genug. Er ist schließlich Tom Kummer! Der Bad Boy, der Interviewfälscher, der Grenzüberschreiter und Unbedingtheitsfanantiker. Die Welt will von ihm, sagt er, "die Porentiefe".

Also lässt er gleich mal auf Seite eins von "Nina & Tom" seine Hand zwischen die Beine dieses stummen, röchelnden Bündels Mensch gleiten. Weil er sich nach Intimität sehnt. Weil er an den wilden Sex der Vergangenheit denkt. Weil er berichten möchte, wie einst "die Geilheit wie ein Wahnsinn in ihr aufstieg", und auch, wie sehr die Sterbende es früher gemocht hat, "wenn ich ihren Hals würge, während ich von hinten in sie eindringe".

Kummer erzählt vom Sterben seiner Frau, ohne an Pietätsgrenzen zu denken

Einen "persönlichen Bericht auf Ninas Kosten" nennt Tom Kummer das, und fügt an: "Sie wird mich umbringen, wenn sie jemals davon erfährt." Das ist der letzte Satz des Buches, und den glaubt man ihm. Wie man auch die meisten anderen Details glaubt, die man hier erfährt. Dass der Verlag Blumenbar/Aufbau das Buch als "Roman" unter die Leute bringt, ändert daran praktisch überhaupt nichts.

Wer davon abgestoßen ist, wird über die ersten Seiten nicht hinauskommen. Allen anderen wird die Entscheidung, das wirklich vollständige Bild eines Menschen und einer großen Amour fou zu zeichnen, mit allen Nuancen und Schattierungen, am Ende als eine Entscheidung der Liebe erscheinen. Nina hätte dem vielleicht nicht zugestimmt. Aber wenn sie die Frau war, die wir hier kennenlernen, hätte sie die Intention dahinter gesehen. Und man merkt auch schnell, dass diese Art der Offenheit für Tom Kummer ein Lebensprinzip ist, nicht nur ein Vehikel literarischer Geltungssucht. Zum Sabber der Dahinsiechenden und der Restgeilheit ihres Ehemanns und Pflegers gruppieren sich auch noch die beiden Söhne, zehn und sechzehn Jahre alt, die das Sterben der Mutter betrachten und mit großer Selbstverständlichkeit akzeptieren. Sie kennen nur diese Nähe.

Tom Kummer 'Nina & Tom'

Tom Kummer: Nina & Tom. Roman. Blumenbar im Aufbau Verlag, Berlin 2017. 253 Seiten, 20 Euro. E-Book, 15,99 Euro.

(Foto: dpa)

Im Jahr 2011 hat der ehemalige Tagesanzeiger-Redakteur Miklós Gimes die Filmdokumentation "Bad Boy Kummer" über seinen einstigen Star-Interviewer, der zum Fälscher-Paria wurde (und unter anderem auch dem SZ-Magazin mit seinen frei erfundenen Prominenten-Interviews sehr geschadet hat), gedreht. Darin kann man die Intimität des hier beschriebenen Kummer'schen Familienlebens in ein paar schönen Szenen auch sehen.

Da lebt die Familie wirklich, wie im Buch, in einem Apartment in Downtown Los Angeles, wo ein großer Raum zugleich Wohnzimmer und Schlafzimmer für alle ist. Zwei blonde Lockenköpfe springen herum und sind überall dabei, Nina und Tom geben Interviews, und mindestens einer der Söhne kuschelt sich immer in irgendeinen Arm, wenn geredet wird. Eine Familie, die alles teilt, die sich auch in den letzten Stunden nicht von der Mutter trennen will - das wirkt wie ein Ideal aus einer fremden, urtümlichen Welt.

Er ist ein Getriebener

Die Entscheidung, davon einfach in aller Intimität zu erzählen, ohne an die Frage von Tabubrüchen und Pietätsgrenzen auch nur einen Gedanken zu verschwenden, und die eigene Frau dabei nicht nur erotisch zu überhöhen, diese Entscheidung hätte ein fantastisches Buch ergeben können. Teile von "Nina und Tom" sind auch wirklich brillant. Leider aber fehlt Tom Kummer dafür das letzte Vertrauen. Denn irgendwann wird klar: Er ist ein Getriebener, der wirklich pathologische Fall eines Autors, der für seine exzessivsten Passagen einst Aufmerksamkeit und Verehrung erfuhr und diesem Gefühl nun auf ewig hinterherjagen muss.

Manchmal fühlen sich diese Erinnerungen nur großkotzig an, dann wieder platt und leer

So kommt es, dass die Vorgeschichte von Nina und Tom - ihr Kennenlernen in der wilden Clubstadt Barcelona in den Achtzigerjahren, ihre wildes Leben in der Mauerstadt Berlin, ihre immer gemeinsamen, selbstverständlich wilden Recherchereisen nach Kummers Aufstieg zum Reporter der Zeitschrift Tempo, schließlich ihr Umzug ins wilde Drogen- und Illusionsparadies Los Angeles - ohne Rücksicht auf Verluste hochgetunt und aufgeblasen werden muss. Ein Paar, das seine sexuellen und emotionalen Besonderheiten erfolgreich zur Deckung gebracht hat, dem gönnt man doch einfach sein Glück. Aber muss deshalb immer gleich eine "Ballade der sexuellen Abhängigkeit" daraus werden, um die Künstlerin Nan Goldin zu zitieren, die sich einmal als Randfigur in Berlin durchs Bild knipst? Müssen legendäre Drogen- und Krawallpaare wie Sid & Nancy hier wirklich als ernst gemeinte Referenz beschworen werden? Man liest diese Erinnerungen, und sie fühlen sich manchmal nur großkotzig an, oft aber auch platt, falsch, leer und irgendwie müde. So als würden Posen der Vergangenheit, die ihr Verfallsdatum längst überschritten haben, als reine Pflichtübung noch einmal nachgestellt.

Und irgendwann begreift man dann auch, warum das so wirkt: Vieles ist hier einfach aus zweiter Hand. Tom Kummer schreibt ganze Passagen einfach irgendwo ab. Geht es wortgewaltig um die Oberflächlichkeit von Los Angeles und den dort regierenden Frauentyp, ist plötzlich von "posthumanen Geschöpfen" die Rede, "befreit vom Unrecht der Hässlichkeit" - alle die gleiche gewölbte Stirn, seidenschimmernde Haut, Mandelaugen, Stupsnasen. Klingt wuchtig, aber auch irgendwie wie ein Fremdkörper im Text. Und stammt denn auch nicht von Tom Kummer, sondern von dem französischen Autor Frédéric Beigbeder, nahezu wortgleich übernommen aus dessen Roman "39,90".

Geht es wortgewaltig um Tornados, die Nina und Tom in Kansas jagen, sticht sprachlich vor allem ein Sonnenaufgang heraus. "Als goldenes Licht über den Rand des Horizonts von Kansas steigt, feuert die Sonne auf einmal Juwelen in alle Richtungen und lässt rote Brillanten in der Luft leuchten." Nicht schlecht, passt aber nicht recht zum Rest der Passage. Und stammt wörtlich aus der deutschen Übersetzung von Richard Fords Roman "Rock Springs".

Schade, dass die eigene Erzählerstimme dieses Autors so selten zu Wort kommt

Geht es wortgewaltig um irres Gefasel, das Nina einmal im Drogenrausch von sich gibt, klingt das so: "Es ist gut möglich, dass ich alles hasse, was nicht wild und frei ist, sagt Nina. "Wild und frei ist nur jemand, der es sinnlich mag: alles zusammenhauen... knietief durch den Abfall spazieren." Und so fort. Nur redet da eben nicht Nina, und auch nicht Tom Kummer, sondern die Punk-Autorin Kathy Acker in ihrem Roman "Harte Mädchen weinen nicht".

So könnte man fortfahren, aber wozu? Nichts wäre sinnloser, als einem Mann noch einmal Plagiate vorzuhalten, der schon mehrfach des Fälschens und Abschreibens überführt wurde und das Klauen schöner Sätze einfach als seine persönliche Montagetechnik begreift. Wer darüber Erstaunen äußern wollte, etwa beim Blumenbar-Verlag, dem wäre wirklich nicht mehr zu helfen. Die Rätselfrage aber bleibt: Warum macht Tom Kummer das? Die geklauten Passagen lassen ihn nämlich nicht als besseren, wortmächtigeren Autor erscheinen.

Man spürt, dass diese Sätze dort irgendwie nicht hingehören, wo sie stehen, dass sie ganze Kapitel aus einer delikaten Balance werfen, die Tom Kummer oft erreicht, dass sie Fremdkörper sind. Und das ist schade. Denn hinter all dem geborgten Bombast kann man hier auch etwas Anderes erkennen: eine oft erstaunlich trockene und überzeugende, vollkommen kohärente Autorenstimme, die endlich zu ihrem eigenen Recht kommen sollte - ohne Sätze, die von anderen stammen, ohne die ewige Angst, allein nicht zu genügen. Zu erzählen hätte sie genug.

© SZ vom 18.04.2017/smb
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