Roman "Frühling auf dem Mond":Mitleid mit den Mammuts

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Russische Gefangene in Kiew, 1941

Russische Gefangene in Kiew, 1941 - Julia Kissinas Mutter kam zur Welt, als die deutsche Luftwaffe die ersten Bomben auf die Stadt abwarf.

(Foto: SCHERL)

So lustig wie Wladimir Kaminer und so ernsthaft wie Nabokov: Die in Berlin lebende Ukrainerin Julia Kissina hat einen tragikomischen Roman über ihre Kindheit in Kiew geschrieben - einer Stadt am Rande der sowjetischen Demenz.

Von Tim Neshitov

Julia Kissina, geboren 1966 in Kiew, hat in ihrem autobiografischen Roman "Frühling auf dem Mond" ihre Kindheit und Jugend aufgeschrieben. Da Kissina in Berlin lebt und amüsant schreiben kann, neigt man zunächst dazu, ihr Buch im Regal neben die Werke von Wladimir Kaminer zu stellen, dem wohl lustigsten Vermarkter sowjetischer Vergangenheit.

Man kann Kissina aber durchaus neben einen anderen Wladimir stellen: Nabokov. Dessen Memoirenklassiker "Erinnerung, sprich" von 1966 beginnt mit den Sätzen: "Die Wiege schaukelt über dem Abgrund. Der Menschenverstand übertönt das Geflüster des begeisterten Aberglaubens und sagt uns, dass unser Leben nur ein schwacher Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist."

Kissinas Buch beginnt mit den Sätzen: "Wir alle sitzen im Empfangssaal des Herrn und warten auf unsere Stunde. Sein Empfangssaal ist riesig, dort stehen für die Wartenden Bänke." Damit setzt die Autorin einen spielerisch-nachdenklichen Ton, der die zahlreichen tragikomischen Anekdoten in ihrem Buch zusammenhält. "Frühling auf dem Mond" ist oft bemüht lustig, das Bestreben aber, aus den eigenen Erinnerungen mehr herauszuholen als Unterhaltungsliteratur, verleiht Kissinas Buch eine Nabokovsche Dimension.

Triste Realität trifft auf schnuckelige Kinderphantasien

Kissina wuchs im Kiew der Siebzigerjahre auf, einer kosmopolitischen Stadt, in der Ukrainer, Russen, Juden, Polen, Armenier und Georgier nebeneinander lebten. Die ideologische Demenz des Systems, die auch an der Peripherie des Sowjetreichs den Alltag prägte, bekam Kissina als Kind nur begrenzt zu spüren.

Einmal wurde ihr Vater, der dem Literatenkomitee vorstand, von einem Spitzel beim KGB denunziert. Das Komitee sei eine Einrichtung gewesen, schreibt Kissina, die "die Schreiberlinge und Dissidenten mehr oder weniger erfolgreich vor der Zwangsarbeit bewahrte. (. . .) Gedämpften Gesprächen der Erwachsenen entnahm ich, dass man das Literatenkomitee auflösen würde. Mama weinte wie gewöhnlich, färbte sich mehrmals die Haare neu und erging sich in düsteren Prognosen über unsere Zukunft in der Gosse, und ich stellte mir die schmutzige Gosse schon als unser neues Zuhause vor".

Dieses triste Stück Realität schmückt Kissina mit schnuckligen Kinderphantasien aus, die dem Leser eindeutig ein Schmunzeln entlocken sollen: "Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, das Leben in der Gosse? Schließlich hatten die Urmenschen nicht mal eine Gosse und haben Jagd auf Mammuts gemacht. Auch wir werden Mammuts jagen, um nicht Hungers zu sterben. Ein würgendes Mitleid mit den armen Mammuts stieg in mir auf." Die Sache mit dem KGB geht dann überraschend gut aus, der Vater wird von einem Offizier verhört, der sich selbst als Dichter entpuppt ("Mit der Poesie kommt auch die lichte Zukunft"). Er lässt die Anzeige fallen.

Alltag hinter dem Eisernen Vorhang

Ihre Mutter beschreibt Kissina als eine Schönheit, die sich neben der Arbeit als Lehrerin immer neue Aufgaben sucht und nie entspannen kann. Sie kümmert sich zum Beispiel um Alte im Irrenhaus, umsorgt eine Tante Vera und vernachlässigt dabei ihre eigene Familie. "Für Vera wurde zarte Kalbsleber gebraten, für sie wurden glasig schimmernde Kohlwickel mit schwarzen Pfefferkörnern bereitet."

Zu Kissinas Alltag hinter dem Eisernen Vorhang gehören Menschen, die heimlich an geschmuggeltem Salz aus England lecken, als wäre es eine Droge, und dann für die Wanzen sagen, das Sowjetsalz sei noch besser. Man liest von Asthmatikern, die in Pferdeställe gehen, weil der Geruch von Pferdemist bei Lungenleiden helfe. Und von Lehrerinnen, die bis in alle Ewigkeit in den Kosmonauten Jurij Gagarin verliebt sind.

Kissina erzählt auch von den Spuren des Krieges. Ihre Mutter kam am 22. Juni 1941 zur Welt, dem Tag, an dem die deutsche Luftwaffe die ersten Bomben auf Kiew abwarf. Eine der Bomben traf die Geburtsklinik, als einziges Bett blieb das der Großmutter unversehrt. Zu Hause, auf dem Flanierboulevard Kreschtschatik, fand die Großmutter später ihren ältesten Sohn, ebenfalls unversehrt. Er war dabei, wie früher Wasserbomben aus Papier zu basteln. "Nur dass es diesmal niemanden mehr gab, den er hätte bewerfen können - die Passanten waren alle tot."

Im Zustand des Lunatismus´

Es gibt Sätze in diesem Buch, die nur ein Mensch formulieren kann, der die eigene Kindheit sehr ernst nimmt. Kissina erinnert sich etwa an ihre damalige Vorstellung von Sibirien, wo sie nie war und wo Schamanen leben mit Hörnern auf dem Kopf. "Sie kreisen um ein Lagerfeuer und schlagen afrikanische Trommeln. Aus ihren Kehlen bricht das Polarlicht hervor, und ihre Leber sondert Leere ab." Natürlich formuliert kein Kind solche Sätze, sie formulieren nur Erwachsene, die Jahrzehnte später auf das Kind in sich hören.

Die titelgebenden Worte "Frühling auf dem Mond" sind eine Zeile aus einem fröhlich-mystischen Gedicht, das Julia Kissina ihrer ersten Liebe widmete. Diese Liebe beschreibt sie mit derselben ergreifenden Nostalgie, mit der sie fast alles in diesem Buch beschreibt.

Diese Nostalgie entsteht nicht dadurch, dass die Erinnerung Ereignisse in der Vergangenheit in ein milderes Licht taucht. Kissina geht es vielmehr um die Fähigkeit, in manchen Abschnitten des Lebens mehr wahrzunehmen als die alltägliche Realität. Als Kind habe sie im Zustand des "Lunatismus" gelebt, einem "Zustand, in dem du das jenseitige Licht siehst, ein Zustand, in dem es keine Grenze zwischen dieser und jener Welt gibt, ein Zustand, in dem es unmöglich ist zu sterben."

Mit der Zeit habe sie dieses Gefühl verloren, und es werde wohl nie zurückkehren. Aber in anderen Menschen überdauere dieses Gefühl. Man könnte vermuten, Kissina empfinde ein wenig Neid auf diese anderen Menschen. Aber man spürt nichts davon. Dafür fühlt sie sich zu wohl in ihren eigenen Erinnerungen.

Julia Kissina: Frühling auf dem Mond. Roman. Aus dem Russischen von Valerie Engler. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 252 Seiten, 18,95 Euro.

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