Roman: Freelander Im Land der Schrottplätze

Das Schöne im Hässlichen, das Komische im Trostlosen: In "Freelander" veranschaulicht Miljenko Jergovic bewegend die komplizierte Geschichte des Westbalkans - ein ebenso liebevolles wie krasses Buch.

Von Christoph Bartmann

Wer denkt, fragt sich Karlo Adum, pensionierter Geschichtslehrer aus Zagreb, "bei einer Fahrt ans Adriatische Meer, an die schönste und abwechslungsreichste Küste der Welt, schon darüber nach, ob bei den letzten Massakern mehr Serben von Kroaten oder mehr Kroaten von Serben umgebracht wurden?" Die Gäste, so uninformiert sie sonst auch seien, wüssten aber wenigstens, dass es den "Südslawen im Blut liegt, sich nichts schuldig zu bleiben", weshalb "unser südslawisches Schlachten ebenso wie das Aufwärmen toter Schweine und Rinder in kroatischen Nationalgerichten nie ein Ende haben" werde.

Jergovic schickt den Protagonisten Adum auf seiner Reise durch Gegenden, die vom letzten Krieg und all den Händeln zuvor erschöpft und gezeichnet sind - ob sie nun Kroatien oder Bosnien heißen. Hier ein alter Mann auf einer Straße in Sarajevo.  

(Foto: dpa)

Man fragt sich unwillkürlich, wo Miljenko Jergovic, der in seinem Roman "Freelander" diesen Karlo Adum auf eine letzte Reise durch Ex-Jugoslawien schickt, mehr gehasst wird, in Zagreb, in Belgrad oder vielleicht in Sarajevo? Dorthin geht jedenfalls die Reise Adums, durch Gegenden, die, ob sie nun Kroatien oder Bosnien heißen, vom letzten Krieg und all den Händeln zuvor erschöpft und gezeichnet sind.

Eine Hupe wie eine Mahler-Symphonie

Der Mann, der diese Reise macht, hat ein Auto, einen Volvo, "orangefarben, Originallackierung, Baujahr 1975, unfallfrei, erster Halter", von dem es heißt, seine Hupe klänge wie die Blechbläser einer Mahler-Symphonie. Das ist gewissermaßen der mitteleuropäische Kammerton, der am Anfang des Romans erklingt. Am Ende klingt die Mahler-Symphonie noch einmal an, als Professur Adum verwirrt und delirierend in seinem Hotelzimmer in Sarajevo liegt, aber jetzt klingt sie, als würde sie "Richtung Albanien und Makedonien abgespielt, damit sie sich mit örtlichen Noten und Sitten anfüllt."

Während Adum im Hotel einem ungewissen Ende entgegen dämmert, wird auf der Straße gerade sein Auto auseinander genommen, das Auto, das Adums "letzter Freund" war. Ansonsten ist dem alten Studienrat alles abhanden gekommen, was ihm wichtig war: Seine Frau ist plötzlich gestorben, sein Schuldienst zu Ende gegangen, und eigentlich steht nichts mehr auf Adums Lebensprogramm, was sein Gemüt noch einmal erregen könnte, als ihn ein Telegramm erreicht. Ein Onkel hat ihm eine Geldsumme hinterlassen, er möge zur Testamentseröffnung nach Sarajevo kommen. Umgehend setzt sich Karlo Adum in seinen Volvo und bricht auf nach Sarajevo, mit einer Pistole im Handschuhfach.

Ein Gefühl der Staatenlosigkeit

"Freelander" hieß die Chiffre des Kontos einer Zürcher Bank, auf dem das Geld lag, das nun Adum gehören soll. "Freelander" heißt ein Auto der Marke Rover, das es noch gar nicht gab, als der Onkel das Testament machte. Ein "Freelander" ist natürlich Karol Adum selbst, nicht dem Pass nach, aber nach allem, was ihn seine Reise lehrt. Man fühlt sich in Adums und Jergovics Exjugoslawien auf jeden Fall staatenlos, gleich wo man sich für einen Inländer halten möchte.

Mit einem unfehlbaren Sinn für das Schöne im Hässlichen und das Komische im Trostlosen (und umgekehrt) lässt Jergovic die Bizarrerien des ethnisch befriedeten Westbalkans hervortreten. Grenzübertritt nach Bosnien: "Auf dieser Seite, unter den Bergen und neben hässlichen Beton-Imitationen der Geschichten aus tausendundeiner Nacht, Kneipen und Nachtklubs, die Havaji, Holivud oder Bagdad hießen, mit dem beruhigenden, tröstlichen Blick auf kleine Dörfer und die Moscheen dabei, war man an der Wende vom siebzehnten ins einundzwanzigste Jahrhundert."

In Bosnien erkennt man die nationalen Zugehörigkeiten an einem "g" mehr oder weniger im Wort für Lammfleischspieße: Professor Adum hätte Hunger, aber ihn stört das "g" in "jagnjetina" zu sehr, als dass er hier einkehren wollte. "Wegen solch feiner Unterschiede fließen Ströme von Blut."

Ein Buch, das neugierig macht

Jergovic, in Sarajevo geboren und während des Belagerungszustands nach Zagreb ausgereist, schafft es spielend, die ganze komplizierte Geschichte von Identität, Herkunft und "Kultur" in diesem Landstrich ins Anschauliche zu übersetzen.

Während sein Held durchs zwar pazifizierte, aber traurige Bosnien fährt, das "Land der Schrottplätze, Reifenhändler und Betonschwäne", suchen ihn Erinnerungen heim. An die Ferienfahrt an die Adriaküste kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als er sich plötzlich in einem Todestransport wähnt. An die übergroße Figur der Mutter, "Mama Cica" und ihren Mann, dem sein Bruder -der nun Adum das Geld vermacht hat -versehentlich den Daumen abgehackt hatte. Das titoistische Jugoslawien aus der AdumPerspektive (oder aus der Jergovics) hatte bei allen Defekten immerhin dem Hang zum Schlachten ein zeitweiliges Ende bereitet.

Karlo Adum fühlte sich vielleicht schon in Jugoslawien nicht wohl, aber niemals so unwohl wie jetzt auf der Straße nach Sarajevo, Leuten entgegen, die er nicht mag und die ihn nicht mögen. Man wünscht dem alten, müden Adum und seinem Auto mit der Hupe, die sich so "deutlich von dem hässlichen Bakelit-Quieken abhob, von dem jämmerlichen Winseln der teuren, unfertigen Bastardprodukte der postmodernen Automobilindustrie" alles erdenklich Gute, aber man ahnt ja, dass nichts gut werden kann. Ein erstaunliches, bewegendes, ebenso liebevolles wie krasses Buch über sein Land (was immer das heißen mag) hat Miljenko Jergovic geschrieben, das neugierig macht auf die Bücher, die noch zu erwarten sind.

MILJENKO JERGOVIC: Freelander. Roman. Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2010. 232 S., 19,90 Euro.