Roman "Fliehkräfte" von Stephan Thome:3000 Kilometer auf der Suche nach sich selbst

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Der größte Coup des Romans ist die Wandlung des Helden auf seiner 3000 Kilometer langen Reise in den Süden. Seine Selbstreflexion vollzieht sich im Spiegel weiblicher Biografien. Während er noch einmal seine Frauengeschichten durchlebt, von der Affäre mit Anne, der Frau eines Therapeuten, die ihm später als Dekanin seine Professur in Berlin vermasselte, bis zu Tereza, die nach dreijähriger Beziehung just in dem Moment von ihm schwanger wurde, als er sich Maria zuwandte, entwickelt er ein Gespür für weibliche Lebensläufe, die sich trotz aller Emanzipation von männlichen Biografien unterscheiden. Am Ende versteht er nicht nur, warum seine Frau nach Berlin gezogen ist, sondern auch, dass sie all die Jahre an seiner Seite tatsächlich gelitten hat, ohne es ihm jemals begreiflich machen zu können.

Wenn er Maria schließlich in Lissabon vom Flughafen abholt, sieht es so aus, als könne alles gut werden. Das Gastspiel in Kopenhagen war ein Debakel, ihre Rolle als "Puffer" zwischen Ensemble und Regisseur geht ihr auf die Nerven. Sie kann sich sogar vorstellen, wieder nach Bonn zu ziehen. Nun aber beharrt er darauf, sie sollten nicht schon wieder den nächsten Ausweg nehmen. Ein Leben lang hat er, der aus einer Handwerkerfamilie kommt, um den gesellschaftlichen Aufstieg gekämpft. Trotz des Reformstresses an der Uni war er froh, es zum Professor auf Lebenszeit gebracht zu haben. Als er am Ende des Romans ins offene Meer hinausschwimmt, fühlt er sich zum ersten Mal seit langer Zeit getragen, "ohne Ziel und ohne Angst. (. . .) Die Fliehkräfte ruhen".

Der überlastete Mann gehört wie die spätestens mit dem Erwachsenwerden der Kinder gelangweilte Frau zur Versorgerehe. Mit Recht wirft Hartmut Maria in einer Berliner Kneipe vor, ihre kleine Wohnung in Pankow werde nicht von ihrer Theaterarbeit, sondern von seiner Professur finanziert. Dass die Frauen des Romans lebensklüger und eigensinniger wirken als die meisten Männer - eine Ausnahme bildet Marias Bruder, der als Zahnarzt auch Patienten behandelt, die kein Geld haben und auf herrlich verspielte Weise sein Leben genießt -, hat auch mit dem Schutzraum zu tun, den die männliche Versorgungsleistung gewährt.

Wie Uwe Tellkamps "Der Turm" vom Dresdner Bürgertum erzählt, das im Schatten des Sozialismus überwinterte, ist auch Stephan Thomes "Fliehkräfte" ein nostalgischer Abgesang auf die Vorzüge der bürgerlichen Lebensform. Was den 68ern nicht gelungen ist, erledigen nun die ökonomischen Zwänge: Ehe und Familie so weit zu nivellieren, dass sie sich von weniger verbindlichen Lebensformen kaum noch unterscheiden. Das beeinflusst auch den einst bürgerlich genannten Roman, erst recht in seiner modernen, die Bereitschaft zu Kontemplation und Reflexion voraussetzenden Ausprägung.

Von der Unterhaltungsliteratur auf der einen Seite und den elektronischen Medien auf der anderen in die Zange genommen, schrumpft der Raum, in dem er seine Pracht entfalten kann. In Stephan Thomes "Fliehkräfte" ist sie zu bewundern, groß und selbstverständlich, sprungbereit und von epischem Atem beseelt.

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