bedeckt München 17°
vgwortpixel

Roman "Fliehkräfte" von Stephan Thome:Freiheit und Fallen der Wochenendehe

"Erst waren wir naiv, dann entweder verbittert oder selbstgerecht. Jetzt sind wir gleichgültig". Nach zwanzig Ehejahren zieht Maria alleine nach Berlin. Stephan Thomes Roman "Fliehkräfte" ist ein nostalgischer Abgesang auf die Vorzüge der bürgerlichen Lebensform.

Man nennt es etwas abfällig Versorgerehe, jenes Ehe- und Familienmodell, das in der alten Bundesrepublik an der Tagesordnung war und mittlerweile als überholt gilt. Eine solche Ehe, wie sie auch in Hans-Christian Schmids Film "Was bleibt" im Zentrum steht, kommt in Stephan Thomes neuem Roman auf den Prüfstand, und zwar in ihrer heikelsten Phase. Philippa, die einzige Tochter von Hartmut und Maria Hainbach, ist aus dem Haus. Und auch ihre aus Portugal stammende Mutter, die einst zum Studium nach West-Berlin gezogen war, hält nichts mehr im Bonner Eigenheim. Ihr Mann, zehn Jahre älter als sie, auf die sechzig zusteuernd und seit fünfzehn Jahren Philosophieprofessor in Bonn, fiel aus allen Wolken, als sie ihm eröffnete, dass sie, nachdem aus seiner lange angestrebten Professur in der Hauptstadt nichts mehr werden wird, alleine nach Berlin zieht. Dort geht sie als Mädchen für alles einem Theaterregisseur zur Hand, mit dem sie bereits zu Mauerzeiten zusammenarbeitete und der damals ihr Geliebter war.

Nach zwanzig Jahren Ehe sieht Maria eine Wochenendbeziehung als "Bereicherung" an. Hartmut aber kann der Sache nichts abgewinnen. Wie früher seiner Frau fällt nun ihm die Decke auf den Kopf, wenn er abends nach Hause kommt. Telefon, E-Mail, Skype, "die Technik fürs virtuelle Familienleben", trösten ihn nicht wirklich. Zwei Jahre geht das so. Dann steht er vor einer Entscheidung: Soll er seine Professur an den Nagel hängen, um als Programmleiter in einem Berliner Verlag den Neustart zu wagen? Das Risiko ist beträchtlich, seine Angst entsprechend groß. Und also begibt er sich auf eine Reise, von der Maria, die auf einem Gastspiel in Kopenhagen weilt, lange nichts weiß.

Wie Stephan Thomes Debütroman "Grenzgang" 2009, steht nun auch "Fliehkräfte" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Wieder erzählt er in großen Zeitsprüngen. Was in "Grenzgang" das alle sieben Jahre wiederkehrende Stadtfest war, ist hier die Reise, die Hartmut Hainbach über Frankreich und Spanien bis nach Portugal führt. Sie bildet den roten Faden, der die kunstvoll gegen die Chronologie geschnittenen, bis ins Jahr 1973 reichenden Rückblenden zusammenhält und neue Ereignisse einbindet. Hainbach hat über Sprechakttheorie promoviert, die "Philosophie der normalen Sprache", wie er Maria erklärte, als sie sich 1985 in West-Berlin zum ersten Mal begegneten. Dem folgt auch die Poetologie des Romans.

Der größte Teil der Handlung vollzieht sich in ebenso präzisen wie natürlich wirkenden Dialogen. Etwa wenn Hartmut in Paris die wunderbar widerborstige Sandrine besucht, seine erste große Liebe, die er als Doktorand in Minneapolis kennenlernte. Auch während der Ehe haben sie ein paar Mal miteinander geschlafen, aus "alter Liebe", wie sie betont, nicht aus "bloßer Geilheit". Als er sieben Jahre nach der letzten Begegnung mit einem Blumenstrauß vor der Tür steht, um sich seine Sorgen von der Seele zu reden, ist sie hell empört. Das nächste Mal komme er wohl mit Pralinen!

Ein Eheroman als Sittengemälde der Bundesrepublik

Ein weiteres Mal zeigt sich der 1972 im hessischen Biedenkopf geborene Stephan Thome, der zehn Jahre lang in Ostasien gelebt hat, als sprachgewandter Autor, der Beziehungsprobleme souverän zum Gesellschaftspanorama auszuweiten versteht. Mark Twain und William Faulkner, Max Frisch und die Filme Ingmar Bergmans sind die großen Referenzen, vor denen er sich verneigt, während er seinen zuweilen auch an Martin Walser erinnernden Eheroman zu einem Sittengemälde der Bundesrepublik ausgestaltet, die im Zusammenspiel von politischer Wende und elektronischer Revolution unter Formatierungsstress geriet, wie das Peter Sloterdijk nennen würde.

Der Roman lebt von der Stärke seiner Figuren, die auch dort individuelle Charaktere sind, wo sie in typische Lebenssituationen geraten. Wie Sandrine voller Scham von einem Schlaganfall erzählt und vom Ekel, ihr Leben von gesundheitlichen Rücksichten bestimmen zu lassen, ist so eindrucksvoll wie ihr Plädoyer für die Vorzüge der heutigen Jugend, deren Mischung aus Optimismus und Nachdenklichkeit sie für weit klüger hält als das Verhalten ihrer eigenen Generation: "Erst waren wir naiv, dann entweder verbittert oder selbstgerecht. Jetzt sind wir gleichgültig."

Vor allem die Frauenfiguren verleihen dem Roman Leben und Farbe: Sandrine und die ihr in mancherlei Hinsicht ähnelnde Maria, die Tochter Philippa und Hartmuts Schwester Ruth, aber auch Marsha, die Frau seines amerikanischen Doktorvaters, Katharina, eine Verwaltungsangestellte der Bonner Universität, und eine holländische Tramperin. Wenn sich Hartmut in Frankreich mit einem ehemaligen Kollegen trifft, der seine Juniorprofessur für ein Weinlokal aufgegeben hat, dann klingen die Dialoge, als müssten sie Diskursschnipsel zur Bologna-Reform referieren, den harten Weg von der Promotion zur Professur illustrieren oder die Fallen des Aussteigerdaseins. Doch das ist die Ausnahme.