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Roman:Fiesta in Brandenburg

Wie kommt der Pulp in die Literatur? Der "Ärzte"-Schlagzeuger, Synchronsprecher und Comic-Fan Bela B Felsenheimer bedient sich in seinem Debüt "Scharnow" des Genres des "hysterischen Realismus".

Von Janne Knödler

"Scharnow" ist kein Roman, der zusammengefasst werden möchte. Wenn Bela B, Ärzte-Schlagzeuger, Synchronsprecher, Pulp-Comic-Fan und jetzt auch Romanautor, ein Buch schreibt, hat er anscheinend keinerlei Verpflichtungen, am allerwenigstens einer kohärenten Handlung gegenüber. In "Scharnow" geht es um Scharnow, ein fiktives Dorf in Brandenburg, nicht weit, aber Welten entfernt von Berlin. In diesem Dorf, beteuern die Protagonisten, passiert nie etwas. In Wahrheit passiert dann aber doch sehr viel: Ein Buch tötet seine Leser, ein Zusammenschluss von Bürgern wehrt sich gewaltsam gegen eine Weltverschwörung, ein Supermarkt wird von Unbekleideten überfallen, zwei Zwillinge ermorden sich gegenseitig, ein Mann kann fliegen.

Getragen wird die Handlung von rund 30 Protagonisten. Um in dieser Unordnung Orientierung zu schaffen, befindet sich auf den ersten Seiten von "Scharnow" ein Personenverzeichnis, dessen Existenz auch nicht mehr als ein praktischer Witz ist; wer beim Lesen versucht ist nachzuschlagen, dem sei gesagt, dass das nichts bringt. Wer in Scharnow nicht untergehen möchte, muss sich treiben lassen. Hin und wieder löst sich das Problem, nicht zu wissen, um wen es gerade geht, auch von alleine, wenn Bela B, was sehr häufig vorkommt, die Figuren einfach sterben lässt. Und so gibt es, wie in einem der Pulp-Filmchen, die im Laufe des Romans auffällig oft angeschaut werden, viel Blut, Gehirnmasse, Sex und Verfaulendes, und immer wieder läuft dabei Rex Gildos "Fiesta Mexicana" im Hintergrund.

Als "hysterischen Realismus" bezeichnete der Literaturkritiker James Wood dieses literarische Genre, dessen Imperative die Lebendigkeit und die Geschwindigkeit des Erzählens sind. Subplot reiht sich dabei an Subplot, die Autoren schaffen eine Vielzahl an Charakteren, deren Geschichten sich immer wieder kreuzen und ineinander verstricken, als wären diese Verstrickungen ein Selbstzweck: "Ein endloses Netz", schreibt Wood, "ist alles, was die Autoren brauchen, um Bedeutung zu generieren."

So geht es auch in "Scharnow" zu, die Figuren sind nur durch dünne Fäden verbunden: Elsa hasst ihre Nachbarn, die sehr laut sind. Ihre Enkelin Nami verliebt sich in Hadid, der in dem Internetcafé arbeitet, in dem Jan-Uwe einen Anschlag plant auf Sylvias Hündin Cloudy, die eine Schwester von Barack Obamas Hund Bo ist. Sylvias beste Freundin ist Patty, die die meiste Zeit ihres Lebens als "Pit" auftritt, und in der lärmenden Aussteiger-WG wohnt, die Elsa, also Namis Großmutter, um den Schlaf bringt. "Was diese Geschichten unglaubwürdig macht", schreibt Wood, "ist gerade ihr Übermaß, ihr Wuchern."

Was diese Geschichten unglaubwürdig macht, ist gerade ihr Übermaß

Spaß macht diese Überdrehtheit, dieses Hakenschlagen der Handlungsstränge trotzdem. "Scharnow" ist ein bisschen wie ein trunkener Abend in einer Studenten-WG-Küche, bei dem man sich unentwegt ins Wort fällt, bei dem eine Idee gar nicht grotesk genug sein kann und keine zu ihrem logischen Ende geführt werden muss. Bela B bringt dieses assoziative erzählerische Voranschreiten scheinbar ungefiltert in Buchform. Die Handlung schildert er aus gewisser Distanz, als würde er seine Charaktere nicht ganz ernst nehmen.

Und so überlädt er den Text mit Informationen über die Kindheitsgeschichte der einen Person und die Aspirationen der anderen, erzählt von großen Freundschaften, frischen Liebschaften und sogar dem Tod geliebter Haustiere, wirkliche Tragödie aber liegt ihm fern. Als Sylvias Hund Cloudy stirbt, schreibt Bela B: "Auf die Überraschung folgte Entsetzen. Dann die Erkenntnis, dass Cloudy wirklich fort war. Und gleich darauf Unverständnis und Wut angesichts dieser sinnlosen Tat. Schließlich aber: Resignation. Sylvia sollte einfach nicht glücklich sein."

Wer fühlen will, wirklich fühlen will, ist in Scharnow fehl am Platz. Viel wichtiger als das Hineinversetzen in die einzelnen Charaktere ist der Überfluss an Informationen über sie und ihre Umwelt, über ihre Meinungen, ihre Ticks. In "Scharnow" erkundet Bela B weniger, warum Menschen so sind, wie sie sind, als dass er aufzeichnet, wie sie gerade sind, und so gibt es in "Scharnow" missverstandene Pegida-Anhänger und einen syrischen Geflüchteten, der sich im Internetcafé seines Onkels langweilt, Verschwörungstheoretiker und einen vertuschten Missbrauchsskandal an einer Schule.

Bela B beobachtet die Welt und integriert eine zeitgenössische Referenz nach der anderen in seine Erzählung. Dass seine Charaktere so mehr zu Vehikeln einer Gegenwartsbeschreibung als zu eigenständigen Schöpfungen werden, dass sie unter der Last der Motive und Ideen verblassen, nimmt er in Kauf.

Und doch spiegelt sich in "Scharnow" gerade eine sehr zeitgenössische Wahrnehmungsweise wider: in dem Versuch, im Dickicht der Zeichen eine Möglichkeit zu finden zu sprechen, ohne zu wiederholen, zu erörtern, ohne wiederzukäuen, zu denken, ohne bloß zu referenzieren. Und wie im echten Leben klappt es in der Literatur nicht immer.

Bela B Felsenheimer: Scharnow. Roman. Heyne Hardcore, München 2019. 416 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 05.04.2019
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