Roman Ewiger Mangel und verkorkste Lage

Von der Mutter zur Geliebten und wieder zurück, ein bewährter Held ist wieder da: Wilhelm Genazinos neuer Roman "Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze" registriert Anzeichen von Verwahrlosung und Sinnlosigkeit.

Von Helmut Böttiger

Allheilmittel gegen Niedergeschlagenheit und Orientierungsverlust: ein Spaziergang über die Frankfurter Zeil.

(Foto: Mike Schmidt/imago)

Der Genazino-Mann schlurft schon seit Jahrzehnten durch den bundesdeutschen Alltag. Sein Zustand hat sich dabei kaum verändert. Er bewegt sich immer in einem diffus zermürbten Erwachsenendasein, alterslos, aber alt. Schon in den regelmäßig eingestreuten Rückblicken auf die Perspektive des Kindes steht eine spezifische "Überforderung" im Vordergrund. Da ist es kein Wunder, dass die alles durchdringende Atmosphäre der Fünfzigerjahre all die Romane bestimmt, die der vor Kurzem 75 Jahre alt gewordene Wilhelm Genazino seit dem berühmten "Abschaffel" von 1977 geschrieben hat - und dadurch zeitlos wird. Die Bügelfalten der Hosen, die gestärkten Hemden, die Bratwürste auf Papptellern und Mädchennamen wie "Margot, Siglinde und Waltraud", wie sie auch im neuen Buch in dieser konkreten Aufzählung fallen, machen die Welt des Genazino-Mannes aus.

Meistens spricht er in Ich-Form. Nur gelegentlich taucht einmal beiläufig ein männlicher Vorname auf, und man ist sofort darauf erpicht, dies als ein bedeutsames Identitäts-Partikel zu erhaschen. Dass der Genazino-Mann namenlos sein muss, ist jedoch sein eigentümliches Gesetz. Er trägt mehr in sich als eine einzelne zufällige Biografie. Wenn man die Romane Wilhelm Genazinos Revue passieren lässt, die wie die seines heimlichen französischen Pendants, Patrick Modiano, zuverlässig alle zwei Jahre erscheinen und zuverlässig eine Länge von etwa 150 Buchseiten haben, ergibt sich ein merkwürdiges gesellschaftliches Kaleidoskop von Kleinstausschnitten, die dann aber unversehens eine seismografisch genaue, allgemeine Bewusstseinsanalyse enthalten.

Ein alter Mann schlurft durch die Stadt. Er isst Currywurst, aber seine Hose hat Bügelfalten

Der neueste Genazino-Mann entspricht mit wie üblich leicht verschobenen Koordinaten den vorangegangenen. Nachdem es finanziell schon immer schwierig war und bestimmte austauschbare Angestelltenberufe oder freie philosophisch angehauchte Tätigkeiten keine endgültige Sicherheit garantierten, hat er jetzt gar keinen Beruf mehr. Gelegentlich werden zwar "Jobs" genannt, denen er zeitweilig nachgegangen ist, aber vor allem wird er von seiner früheren Ehefrau ausgehalten. Sie hat wohl deshalb auch einen Namen: Sibylle. Die Szene, wie sie in der Friedhofsgärtnerei ihres Vaters eine Anstellung für ihren ehemaligen Mann arrangieren möchte, gehört zu den grotesken Höhepunkten des neuen Romans.

Der Titel "Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze" lässt eine weitere Radikalisierung im Genazino-Kosmos ahnen. Schon früher wies die bloße Benennung von Dingen auf die Schwierigkeiten der Wahrnehmung hin: "Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz" von 1989 versuchte, durch das genaue Hinsehen Anhaltspunkte für eine Verankerung in der Welt zu finden, und im vielleicht schönsten Roman des Autors, "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" aus dem Jahr 2003, steigerten sich die Worte im Titel zu einem wahren Hymnus ans Dasein.

Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2018. 175 Seiten, 20 Euro.

(Foto: Hanser)

Dass es sich jetzt in die Negativität kehrt, ergibt den Grundton. Der Genazino-Mann registriert immer dezidierter gewisse Anzeichen von Verwahrlosung und Sinnlosigkeit. Geld ist tatsächlich zum Problem geworden, die stehen gebliebene Uhr gibt Anlass zu einer kleinen Stadt-Burleske in der Fußgängerzone, und durch die fehlende Mütze tritt eine geradezu existenzielle Schutzlosigkeit ins Bild.

Eine Prosa, beeinflusst von Thelonious Monks Klavierspiel: Akkorde mit unklarem Ausgang

Auf eine Handlung im klassischen Sinn, gar eine Entwicklung der Hauptfigur verzichtet der Roman nun fast völlig. Aber die bewährten Lebenserhaltungs-Maßnahmen blitzen doch wieder auf: der Genazino-Mann erfindet seine eigenen Namen für bestimmte Straßenbahn-Haltestellen in der einschlägigen Innenstadt Frankfurts: "Ewiger Mangel" etwa oder "Verkorkste Lage", und wenn er sich vorstellt, dass der Straßenbahnfahrer diese Haltestellen durch den Lautsprecher bekannt gibt, kann er sich wenigstens einen Augenblick lang ins Fäustchen lachen. Durch die Rettung in die Formulierung bringt sich der Genazino-Mann eh meistens in eine vorübergehende Sicherheit: "Ich war daran gewöhnt, dass sich Schwierigkeiten durch den Fortgang der Zeit so lange selbst umbauten, bis sie von kaum einem Problembetreiber wiedererkannt wurden." Dennoch wird die Balance zwischen Grausen und Komik immer prekärer.

Es gibt auch hier wieder die klassischen Genazino-Elemente, in denen der Aficionado sich wiederfindet. Das "Allheilmittel: schnell auf die Straße gehen und mich zerstreuen", das "Betreten eines Kaufhauses" - jedes Mal kommt es zu einer beklemmend-virtuosen Verzweiflungs-Performance, und der direkte Zusammenhang zwischen Leere, Ödnis und Sexualität treibt das absurde Theater immer schonungsloser voran. Dass der Genazino-Mann eine auffällige Vorliebe für weibliche Brüste hat, wusste man. Jetzt dreht sich die Spirale weiter, und dabei gerät eine enge Verbindung zwischen Ehefrau und Mutter ins Blickfeld. Die Eltern und das Aufwachsen in der Nachkriegszeit bilden bei diesem Autor seit jeher leitmotivisch einen Verhängnis-Zusammenhang. Im neuen Roman wird konsequent eine Linie aufgezeigt: Nachdem aus der Geliebten eine Ehefrau geworden ist, entpuppt sich diese zunehmend als "Mannmutter" und zwingt den Helden in seine Ausgangsmisere zurück. Wilhelm Genazino spielt, psychoanalytisch geschult, immer hemmungsloser auf einer Klaviatur, die kaum einer so beherrscht wie er. Die chronologischen Abläufe, die verschiedenen Lebensstufen, die biografische und die gesellschaftliche Entwicklung zerfließen in einem Prosa-Kontinuum, das nur noch einer inneren Logik gehorcht.

Es gibt zwei ästhetische Prägungen, die diesen Autor ausmachen und die nur bei ihm in dieser Ausschließlichkeit zum Einklang kommen: die ausweglosen, existenzialistischen Entwürfe eines Samuel Beckett aus den Fünfzigerjahren und die satirischen Karikaturen der Zeitschrift Pardon aus den späten Sechzigern und frühen Siebzigern. Dabei sind Standards entstanden, wie sie in Frankfurt, seit den Fünzigern so etwas wie die Hauptstadt des deutschen Jazz, entwickelt worden sein mögen: Sofort wiedererkennbare Themen werden ständig wiederholt und variiert, mit neuen, schrägen Akkorden. Ein atonaler, grober Seitenhieb des großen Thelonius Monk ist hier genauso möglich wie eine Bebop-Einlage der lokalen Legende Walter Haimann aus einem Lokal namens "Mampf", das am Sandweg lag. Kein Wunder, dass der neueste Genazino-Mann einmal sinniert: "Momentweise wusste ich wieder nicht, wo mein Leben hinlief, es war wie in einem Roman."

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.