Roman "Er könnte jeden Augenblick deine Hinrichtung anordnen"

Donald Trump mit kämpferischer Geste an Bord der Air Force One

(Foto: AP)

In Salman Rushdies "Golden House" tritt Donald Trump als König mit dem "unverkennbaren Geruch von krasser, despotischer Gefahr" auf.

Von Burkhard Müller

Manchmal schafft es ein erster Satz, sogleich und mit voller Wucht das gesamte Panorama eines vielhundertseitigen Buchs zu entwerfen. Mit einem solchen Satz startet Salman Rushdies neuer Roman, der am heutigen Dienstag in vielen Ländern gleichzeitig erscheint: "Am Tag der Amtseinführung des neuen Präsidenten, als wir Sorge hatten, er könnte, während er Hand in Hand mit seiner außergewöhnlichen Frau durch die jubelnde Menschenmasse ging, ermordet werden, als so viele von uns wegen der geplatzten Hypothekenblase kurz vor dem wirtschaftlichen Ruin standen und als Isis noch eine ägyptische Göttin war, traf ein ungekrönter etwa siebzigjähriger König mit seinen drei mutterlosen Söhnen aus einem fernen Land in New York City ein, um seinen Palast im Exil zu beziehen, dabei verhielt er sich, als gäbe es an dem Land oder an der Welt oder an seiner eigenen Geschichte nichts auszusetzen, und begann wie ein gütiger Herrscher, seine Nachbarschaft zu regieren - doch trotz seines charmanten Lächelns und der Fähigkeit, seine Guadagnini-Geige von 1745 zu spielen, trug er ein schweres, billiges Parfüm, den unverkennbaren Geruch von krasser, despotischer Gefahr, diese Art Duft, der uns warnt, hüte dich vor diesem Kerl, er könnte jeden Augenblick deine Hinrichtung anordnen, wenn du zum Beispiel ein T-Shirt anhast, das ihm nicht gefällt, oder wenn er mit deiner Frau schlafen will."

Manche vorausdeutenden Sätze klingen wie die unheimlichen Akkorde im Fernsehkrimi

Der Präsident ist natürlich Obama; beim ungekrönten König aber handelt es sich um Nero Golden, ein Name, den er sich selbst verliehen hat und der in seiner pompösen Unwahrscheinlichkeit die Anmaßung seines Trägers spiegelt. Er geruht, sich nach dem letzten Kaiser der julisch-claudischen Dynastie zu nennen, der die Leier geschlagen und dazu gesungen haben soll, als Rom brannte. Die Leier hat sich in die Geige verwandelt, und auch ein Brand wird noch seinen Auftritt haben. Auf dem Areal der eingeäscherten Stadt hatte sich Nero einen riesigen Palast bauen lassen, die Domus aurea. Nach ihr tauft Golden sein eigenes Domizil, das titelgebende Golden House. Auch die drei Söhne haben Namen aus derselben Epoche erhalten. Der älteste, Petronius, genannt Petya, heißt nach dem Verfasser des "Satyricon", der zweite Apuleius, abgekürzt Apu, nach dem Autor des "Goldenen Esels", der dritte Dionysus oder einfach D, nach dem Gott des Rauschs, dem er in seiner androgynen Schönheit zu gleichen scheint.

Sie alle führen, obwohl teils schon über vierzig, kein selbständiges Leben und treten aus dem Schatten des Patriarchen erst spät und dann zu ihrem Schaden hervor. Petya ist ein Autist mit herausragender Inselbegabung für Fakten aller Art, Apu ein Künstler und Playboy, der schüchterne D ringt um die geschlechtliche Orientierung. Mit allen dreien und schließlich auch mit dem Vater freundet sich der Erzähler René an, der, einer liberalen Professorenfamilie entstammend, im selben Block wohnt, der eine große gemeinsame Gartenanlage umschließt, in der die Bewohner sich zwanglos begegnen. (Die räumlichen und folglich die Klassenverhältnisse werden nie völlig klar.) Der noch junge, nach einem Autounfall seiner Eltern verwaiste René bemüht sich um den Kontakt nicht ohne Hintergedanken: Er fühlt sich als Schriftsteller und Regisseur großer Filme im Wartestand und sucht nach dem Stoff, der ihn packt. Als er den Clan der Goldens erblickt, weiß er sofort: Das ist er.

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Denn es ist offensichtlich, dass dieser Clan ein Geheimnis hat. Autor und Erzähler sparen nicht mit vorausdeutenden Sätzen, die klingen wie die unheimlichen Akkorde im Fernsehkrimi, wenn gleich etwas passiert: "Hätten wir das gewusst, hätten wir begriffen, dass etwas sehr Großes verheimlicht wurde. Aber wir wussten es nicht." Und weiter: "Ein Streit unter den Brüdern, eine unerwartete Metamorphose, das Auftauchen einer schönen, entschlossenen jungen Frau im Leben des alten Mannes, ein Mord. (Mehr als ein Mord.) Und schließlich die gründliche Arbeit des Geheimdienstes in der Ferne, in dem Land, das keinen Namen hatte." Rushdie weiß, wie man den Leser anfüttert. Er verspricht ihm eine Lektüre, prall mit Charakteren und einem Plot, der ihm den Atem raubt und ihm dazu eine Kunst beschert, die all das in eine funkelnde Sprache und muskulöse Syntax gießt. Hätte er bloß nicht gar so viel verheißen! Denn der Roman bleibt nicht auf der Höhe dieses Anfangs.

Familie Golden bietet sich, trotz aller Dämonen im Hintergrund, lang als ein bloßes Tableau dar; die Charaktere, einmal exponiert, verharren in Untätigkeit, statt sich, wie es die Form des Romans erfordert, in ihren Handlungen zu entfalten und kundzugeben (was natürlich an der väterlichen Übermacht liegt, die sie nicht zu sich selbst kommen lässt). Was man über sie erfährt, glaubt man ihnen nicht recht. Petya ist ein begnadeter Erfinder von Computerspielen und hat damit Hunderte Millionen Dollar verdient. Keiner in seiner Umgebung hat etwas davon mitbekommen. Kann das sein? Apu ähnelt in seiner Kunst Salvador Dalí, nur ist er selbstverständlich besser. Aber das wird nicht gestaltet, sondern als Behauptung in den Raum gestellt.

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Dazu wird am Fall von D die aktuelle Gender-Debatte etwas zäh traktiert. D zaudert zwischen männlich und weiblich; der Erzähler, der anerkennt, dass das überkommene System der Pronomina solches Zaudern nicht angemessen abbildet, findet die Lösung, die maskulinen Formen einzuklammern. Auf längere Textstrecken wirkt das öde und doktrinär.