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Roman:Das Leben der Schabe vor der Explosion

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"So heftig wir die Welt auch verurteilen, so sind wir doch immer nur ein Teil von ihr": Jérôme Ferrari.

(Foto: imago/Leemage)

Jérôme Ferrari porträtiert in "Ein Gott Ein Tier" einen Söldner, dem Menschen bedeutungslos geworden sind. Und der doch den Wunsch nach einer Erlösung im Chaos hegt.

Dann also ist dein Job Söldner?", fragt einer den Helden dieses Romans. Ja, ist er, vielmehr: er war einer. Einer von der grüblerischen Sorte, für den Zynismus schon wieder an Gottessuche grenzt. Als die Armee ihn nach den Einsätzen im Mittleren Osten nicht mehr benötigte, ließ er sich von einem Privatunternehmen anheuern für Personenschutz, Gebäudesicherheit, Bewachung von Checkpoints. Sehr gefährlich, aber gut bezahlt. Kurz zuvor waren die beiden Türme von Manhattan eingestürzt. Blutdramen werden für ihn Routine, jeder Mensch potenziell eine wandelnde Bombe.

Der Mann sucht sich dagegen durch Lakonismus abzuhärten: Tod sei für ihn Berufsrisiko und die Gefahr zu sterben werde durch die Möglichkeit wettgemacht, selber zu töten. Zwischen Ekstase und Panik werde der Tod letztlich ein banales Ereignis, zufällig, monoton und im Grunde lächerlich. Aus den Kriegsschauplätzen kehrt dieser Mann körperlich heil zurück. Zugrunde geht er aber an seiner Unfähigkeit, die göttliche Liebe, an die er zwar nicht glaubt, von der aber eine Ahnung in ihm überlebt, in dieser Welt unterzubringen.

Wer Ferraris Romane kennt, wird in diesem manches Vertraute wiederfinden: den Handlungsort Korsika, aus dem auch dieser Held stammt, die im Beiläufigen aufblitzende Quintessenz der Situationen wie das Vorbeihuschen einer Schabe auf dem Blechkanister vor der Explosion oder die vielschichtigen literarischen, mythologischen, philosophischen Motivverknüpfungen. Anders ist nun in diesem auf Französisch schon 2009 erschienenen Buch das kompakte Schwarz der Perspektive. Der Autor gewährte sich hier noch keine aufheiternden Momente in korsischen Kneipen wie später in seinem Goncourt gekrönten Roman "Predigt auf den Untergang Roms".

In seinen Fieberträumen überkommt ihn so etwas wie Mitleid mit der Machtfülle Gottes

Schon die Rückkehr des Söldners in sein korsisches Dorf offenbart ein Fremdsein, das für den alten Überdruss gegen den Geruch von Savon de Marseille, Holzkohlenfeuer, kaltem Schweiß, Eau de Cologne und vom müden Fleisch der Vorfahren unsensibel ist. Dieser Mann ist nach dem, was er in der Welt gesehen hat, ein anderer geworden. Schon die emphatische Erzählperspektive in der zweiten Person zeigt das an: "Du bist fortgegangen, und als du zurückkehrtest, da war dies nicht mehr dein Zuhause". Nur eine Sache im Dorf bindet den Zurückgekehrten an sein früheres Leben: der Springbrunnen, an dem einst eine Jugendromanze mit Magali unerfüllt endete. Diese Frau hat er seither nie mehr gesehen, und ihr schreibt er jetzt, wie um sich an etwas festzuklammern, einen Brief.

An dieser Stelle kommt eine weitere Qualität des Buches zum Vorschein: die originellen Perspektivenwechsel des Erzählens. Als wäre der ungelenke Briefeschreiber mit seinem Stift auf dem Papier ausgerutscht, stehen wir plötzlich im Leben Magalis und erfahren, dass sie mittlerweile in einem großen Konzern Karriere gemacht hat, in Luxushotels verkehrt, mit einem ihrer Kollegen ein klägliches Verhältnis lebt, um Tristesse und Einsamkeit nicht zu spüren. Das Wiedersehen mit ihrem Jugendschwarm aus Korsika kann denn auch nur von kurzer Dauer sein. Zu verschieden sind sich die beiden Lebenswelten.

Dabei tat die junge Frau alles, um dem Mann aus seinem Drama und sich selbst aus ihrer Leere zu helfen. Wie hilft man aber jemandem, der Zeuge war, wie ein Vater seinem Kind per Fußtritt die Knochen bricht, weil es vom feindlichen Soldaten Kaugummi angenommen hat, oder wie ein Hirte, am Checkpoint mit einem Sprengstoffgürtel ertappt, den man ihn umzulegen gezwungen hatte, von der Menge gelyncht wird? Der Mann sucht sich den Rest moralischer Empörung aus dem Kopf zu schlagen mit Einsichten wie der, dass letztlich allein das zähle, was du tust, nicht, was du bist, und mit Sätzen wie: "So heftig wir die Welt auch verurteilen, so sind wir doch immer nur ein Teil von ihr". Mit seinem Sarkasmus über die Bedeutungslosigkeit eines Menschenlebens wird er im Kreis von Magalis Freunden zwar schroff zurechtgewiesen: "Sprich für dich und für die Leute, mit denen du als Soldat Knete gescheffelt hast auf dem Elend der Welt, aber verallgemeinere hier nicht". Tiefer als solche Zurechtweisungen geht ihm jedoch seine eigene Verzweiflung. In seinen Fieberträumen überkommt ihn so etwas wie Mitleid mit der Machtfülle Gottes, der nicht mehr weiß wohin mit seiner Liebe für die Welt.

Zahlreich sind die Romane heute, die finster in den aktuellen Gewalt- und Kriegssituationen herumstochern. Im Unterschied zu vielen von ihnen verweigert sich Ferrari der Faszination des Grauens. Er spannt einen weiten Deutungshorizont über die Handlung, ohne dabei den Tücken des Thesen- oder des Aktualitätsromans zu erliegen. Ihr verstorbener Mann habe nicht mehr gewusst, ob er ein Tier war oder ein Gott, sagt Aurore Clément, eine Bekannte aus anderen Romanen Ferraris, im korsischen Nachtclub zum Helden, während sie ihm das Opiumpfeifchen hinhält: "Sie aber sind beides, Hauptmann".

Und beim Ausstrecken der Hand durch die transparente Bluse nach ihren Brüsten findet dieser kurze Tröstung, bevor er aus der Bar fliegt. Fürs Tiersein ist der Mensch noch unbegabter als fürs Gottwerden, lautet das Fazit. Ferraris Verleger und Übersetzer hat auch diesem Buch prächtig den Weg zu seinen deutschen Lesern geöffnet.

Jérôme Ferrari : Ein Gott Ein Tier. Roman. Aus dem Französischen von Christian Ruzicska. Secession Verlag, Zürich und Berlin 2017. 110 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.