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Roman:Allah und der Gurt

Nuruddin Farah

Seit er nach Indien ging, um dort Philosophie zu studieren, lebte, schrieb und lehrte Nurrudin Farah in London, Lagos und mittlerweile New York.

(Foto: EPD)

Wenn Fundamentalisten in Norwegen Auto fahren - Nuruddin Farah über die großen Konflikte im kleinen Familienalltag

Von Jonathan Fischer

Nuruddin Farah ist ein Kosmopolit alter Schule. Er hat unter anderem in Delhi, London, Kapstadt, Lagos und New York studiert, geschrieben und unterrichtet. Am Ende aber drehen sich seine Romane seit fünf Jahrzehnten immer wieder um ein Thema: Das Leiden seiner somalischen Landsleute an einer religiös fundierten Gewalt. Um eine kriegsvernarbte Gesellschaft, die ihre eigene Geschichte der Weltoffenheit, Dichtung und Kultur zu vergessen droht. Diesmal siedelt Farah seine Romanhandlung in Europa an. Genauer gesagt in Norwegen, wo Mugdi und Gacalo, ein älteres somalisches Ehepaar, ein beschauliches, gut integriertes Leben führen - bis der eigene Sohn sich gegen die Ideale seiner Eltern wendet.

Obwohl Dhaquaneh in Norwegen aufgewachsen ist, zieht es ihn zurück nach Somalia, wo er sich den Dschihadisten anschließt und bei einem Selbstmordattentat stirbt. Das alles erfährt der Leser im Rückblick. Nun aber entzweit sich das Paar über der Frage, ob es Dhaquanehs Witwe samt den zwei Stiefenkeln aus einem kenianischen Flüchtlingslager zu sich holen soll. Gacalo möchte damit ein Versprechen an ihren Sohn einlösen. Ihr Mann Mugdi ist skeptisch. Was, wenn seine Schwiegertochter radikalen, terroristischen Ideen anhängt? Es verstößt gegen seine Prinzipien, auch als ehemaliger Diplomat, die Gesetze Norwegens zu verletzen, "des Landes, das ihn freundlich aufnahm, als er nicht mehr nach Hause zurückkehren konnte".

Vieles was die Romanfigur Mugdi an der Dysfunktionalität Somalias und dem religiösen Extremismus seiner Landsleute verbittert, mag realen Erfahrungen Nurrudin Farahs entspringen. Der Autor hatte Mitte der Siebzigerjahre nach Haftandrohungen wegen eines gesellschaftskritischen Romans Somalia den Rücken gekehrt. In seinen Büchern wendet er sich seitdem gegen politische Willkür, Frauenunterdrückung und den aus Saudi-Arabien importierten Fundamentalismus, der das einst so westlich-kosmopolitische Mogadischu in eine kulturelle Wüste verwandelt hat.

2014 verlor Farah bei einem Anschlag der Taliban auf ein Restaurant in Kabul seine für die Unicef arbeitende Schwester. Sein Alter Ego Mugdi wirkt angesichts dieser Trümmerwelt leicht depressiv: Als kultureller Muslim berührt ihn der Ruf des Muezzins noch immer, Trost aber findet er vor allem in der Literatur. In seiner Freizeit übersetzt er O. E. Rølvaags "Giants Of The Earth", seinen norwegischen Lieblingsroman aus dem Jahr 1927, ins Somalische. Die Geschichte der norwegischen Auswanderer, die in Nord-Dakota mit ihrer Angst vor den indianischen Ureinwohnern, ihrem Misstrauen und ganz realen Überlebensnöten zu kämpfen haben, liefert eine raffinierte Verfremdungsfolie für die eigene Migrationsgeschichte. Mugdi braucht diese Historisierung, um Abstand zu schaffen. Um dem eigenen emotionalen Aufruhr zu entkommen.

Die ganze Geschichte wird von zwei markanten Attentaten abgesteckt: Daquanehs Selbstmord einerseits und dem Massaker des norwegischen Fremdenhassers Anders Breivik andererseits, bei dem ein somalisch-norwegisches Mädchen zu den Opfern gehörte. Fremdenhasser und Fundamentalisten scheinen einander gegenseitig in ihren Feindbildern zu brauchen. Während sich die Extremisten aber ihrer Sache todsicher sind, muss Mugdi permanent mit seinem Vertrauen in Werte wie Demokratie, Toleranz und Integration ringen. Wie soll er selbst noch denen vergeben, die anderen nur den Tod wünschen? Schließlich hatte ihm sein eigener Sohn einst entgegnet, er könne die besten norwegischen Freunde seiner Eltern, wenn es darauf ankommt, "ausmerzen", weil sie als Nichtmuslime keine "vollwertigen Menschen" seien.

Mugdi will und kann nicht um Maquaneh trauern. Als sich seine Frau dennoch mit dem Wunsch durchsetzt, dessen hinterbliebene Familie aufzunehmen, wird es für ihn noch komplizierter: Wem schuldet er Loyalität? Und wie kann er, der ansonsten so viel Verständnis für die Traumata der Migration aufbringt, das religiöse Eiferertum seiner Schwiegertochter erdulden? Das Unheil bahnt sich schon bei der Abholung am Flughafen in Oslo an. Waliya und ihre Tochter Saafi tragen Gesichtsschleier, der Sohn Naciim ist der einzige, der Mugdi zur Begrüßung die Hand reicht. Unmöglich als Mann, die beiden Frauen direkt anzusprechen - das verlangen die "neuen Umgangsformen unter Islamisten in Somalia heutzutage". Mugdi muss sich also der Vermittlerdienste des Stiefenkels bedienen: "Er sagt Naciim, dass er seine Mutter und Schwester noch einmal darauf hinweisen soll, den Gurt anzulegen, das sei in Norwegen Pflicht. 'Wir werden an dem Tag sterben, den Allah für uns bestimmt hat', erwidert Waliya. 'Egal ob wir diese Dinger anschnallen oder nicht'."

Waliya wird sich auch in der Folge nicht anpassen. Sie möchte weder die norwegische Sprache noch einen Beruf erlernen, spielt ständig Korangesänge ab und lehnt jeden Umgang mit Fremden ab - mit Ausnahme eines radikalen Imams und dessen zwielichtigen Gehilfen. Als eine Anti-Terror-Einheit Waliya deshalb ins Verhör nimmt, gerät selbst Gacalo ins Zweifeln: Vielleicht reicht guter Wille alleine doch nicht aus.

Allerdings zeigt Farahs Roman nicht nur die unkittbaren Brüche der somalischen Exil-Gesellschaft. Er hat auch Mut- Momente: So können sich Waliyas Kinder Naciim und Saafi nach anfänglichen Schwierigkeiten an die neuen Verhältnisse akklimatisieren, norwegische Freunde finden, eine Ausbildung beginnen. Beide lieben ihre Großeltern. Und wachsen bei ihnen im Licht einer nie gekannten Geborgenheit auf. Besonders Naciim, einst unfreiwillig in die Rolle des männlichen Familienoberhaupts gedrängt, schätzt die neuen Freiheiten - und fängt an, die starren Vorschriften seiner Mutter zu kritisieren. Warum soll er keine Popmusik hören dürfen? Warum keine Fußballspiele im Fernsehen anschauen, nur weil es dort möglicherweise Alkoholwerbung oder halbnackte Frauen auf den Rängen zu sehen gäbe? "Wir sind in Norwegen, Mama, nicht in Saudiarabien".

Die Familie als symbolisches Schlachtfeld: Nur vordergründig geht es hier um Eltern-Kind-Loyalitäten, denn letztlich trägt Waliyas Verwandtschaft im Kleinen die selben Konflikte aus, die im geopolitischen Maßstab ganze Länder wie Somalia zerlegt haben. Und doch bleibt am Ende eine Hoffnung: Dass Jugendliche wie Naciim und Saafi sowohl islamistischer Bevormundung als auch Fremdenhass widerstehen können. Dass sie ihre somalischen und norwegischen Anteile leben können - als Bereicherung, nicht als Widerspruch.

Nuruddin Farah: Im Norden der Dämmerung. Roman. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Verlag Antje Kunstmann, München 2020. 350 Seiten. 25 Euro.

© SZ vom 22.06.2020

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