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Rom im Mittelalter:Mutter aller Reiseführer

Im Mittelalter begann man, die "Wunderwerke der Stadt Rom" zu beschreiben. Jetzt erscheint das Pionierwerk auf Deutsch.

Von Johan Schloemann

Travel with Spirit - so heißt ein religiöses Tourismusmagazin aus den USA. Das geistliche Reisen, das Pilgern ist eine der Quellen des Tourismus. Die andere Quelle ist die Kunstreligion gebildeter Adliger und wohlhabender Bürger. Beides ging und geht bis heute miteinander einher: das Beten und das Staunen, die Verehrung und das Sightseeing.

Der Urtext dazu, es ist gleichsam die Mutter aller Reiseführer, heißt "Die Wunderwerke der Stadt Rom". Ein namenloser Autor verfasste diese Schrift um das Jahr 1140 nach Christus. Er versuchte die Ewige Stadt zu beschreiben, "so wie wir es in alten Annalen gelesen, mit eigenen Augen gesehen und von den Alten gehört haben". Die vielen Abschriften, Überarbeitungen, Verwertungen, die das Werk mit der Zeit erfuhr, dienten unmittelbar den Bedürfnissen der Rom-Reisenden. Denn die Pilger wollten neben dem christlichen Pflichtprogramm durchaus auch ein wenig die antiken Ruinen erklärt haben, die überall herumstanden. Nach dem lateinischen Titel, "Mirabilia urbis Romae", nennt man diese Texte Mirabilien-Literatur. Teils wurden darin einfach Orte und Bauwerke aufgelistet, teils Legenden erzählt, teils Rundgänge skizziert.

Jetzt gibt es die Ursprungsfassung dieser Mirabilien zum ersten Mal in deutscher Übersetzung, in einer schönen zweisprachigen Ausgabe, mit den notwendigen Erläuterungen und einer lesenswerten Einleitung. Das Buch, illustriert mit zum Teil neuen Fotos, ist das Werk von vier Rom-Liebhaberinnen und -Liebhabern, die es nicht bloß am Schreibtisch, sondern auch bei gemeinsamen Spaziergängen erarbeitet haben - genau so, wie man sich den Umgang mit solchen Stadtbeschreibungen in früheren, GPS-freien Zeiten vorzustellen hat: dialogisch und ambulant.

Geschichte in Schichten: Die heutige Börse und Handelskammer von Rom nutzt die Säulen des antiken Tempels für den vergöttlichten Kaiser Hadrian.

(Foto: Martin Wallraff, Bildarchiv Herder, aus dem besprochenen Band)

In der Zeit der Entstehung der "Mirabilia", im zwölften Jahrhundert, erlebte Rom einen gewissen Aufschwung. Der weltpolitische Aufstieg des Papsttums belebte allmählich die vernachlässigte Weltstadt, von innen wie von außen. Man merkte das dann auch dem Stadtbild an. Zwischen den antiken Hauptverkehrsadern, die immer noch benutzt wurden, lag zwar nach wie vor ein holpriges Sammelsurium von Ackerbau, Weinbau, Viehzucht, wehrhaften Adelstürmen und großteils rätselhaften Trümmern aus dem Altertum. Aber man sah jetzt, dass sich etwas tat: Keine geringen Beispiele dafür sind die alten Kirchen S. Maria in Cosmedin und S. Maria in Trastevere, die damals erneuert wurden und jeweils einen Campanile bekamen.

Und auch der Urtext der "Mirabilia", so krude er auch teilweise noch ist, lässt zwischen den "großen" Renaissancen - also zwischen der karolingischen und der "richtigen" italienischen Renaissance - ein neues historisches Gefühl spüren: ein deutliches Bewusstsein für das Wiedererstehen der christlichen Stadt Rom aus der vergangenen, idealisierten Pracht der Antike.

Unser mittelalterlicher Cicerone nennt das heidnische Rom mit einigem Stolz "die Zeit der Konsuln und Senatoren". Und er entdeckt überall frühere römische Tempel, auch dort, wo gar keine waren; sogar einen Cicero-Tempel soll es, behauptet er, gegeben haben. Und er zitiert, ob nun von einer schriftlichen Vorlage oder von einer Wand, eine sonst nicht bekannte Versinschrift, die den neuen römischen Zeitgeist seiner Ära einfängt: "Das alte Rom war ich, doch nun werde ich neues Rom genannt;/ ans Licht gebracht aus Trümmern, erhebe ich mein Haupt in die Höhe." ("Roma vetusta fui, sed nunc nova Roma vocabor, / Eruta ruderibus, culmen ad alta fero.")

Die Siegessäule von Kaiser Mark Aurel auf der Piazza Colonna steht im politischen Zentrum der Hauptstadt.

(Foto: Martin Wallraff, Bildarchiv Herder, aus dem besprochenen Band)

Es gab einen Trick, mit dem man die Beschäftigung mit den paganen Hinterlassenschaften rechtfertigen konnte, und nirgends war er augenfälliger als in Rom selbst: die Verklammerung nämlich von römischer Reichs- und christlicher Heilsgeschichte. So zeigte man die Cloaca Maxima, die römische Abwasserleitung, weil der Heilige Sebastian nach seinem Martyrium dort hineingeworfen worden sein soll. Man beteuerte auf dem Kapitolshügel (S. Maria in Aracoeli), Kaiser Augustus habe dort einst eine Marien- und Christusvision gehabt. Oder man erzählte, wie die Ketten des Petrus aus Jerusalem nach Rom gekommen waren (S. Pietro in Vincoli).

Zur Orientierung im heutigen Rom ist der Ur-Reiseführer nicht zu empfehlen. Da geht einiges durcheinander. Und es sollte bis Petrarca, vollends aber bis Leon Battista Albertis "Descriptio urbis Romae" von 1445 dauern, bis die Rom-Beschreibungen nur von dem ausgingen, was man wirklich sieht. Aber man muss nur in einen beliebigen Reiseführer blicken oder einer beliebigen Stadtführung lauschen, um festzustellen: Die Legenden sind bis heute nicht totzukriegen.

Mirabilia Urbis Romae - Die Wunderwerke der Stadt Rom. Einleitung, Übersetzung und Kommentar von Gerlinde Huber-Rebenich, Martin Wallraff, Katharina Heyden und Thomas Krönung. Verlag Herder, Freiburg 2014. 176 Seiten, 26 Euro.

© SZ vom 21.05.2015
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