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Rolling Stones:Stuck und Säulen

Im Jahr 1971 waren die Rolling Stones praktisch pleite: Auf der Flucht nach Südfrankreich nahmen sie in einer prunkvollen Villa ihr Album "Exile on Main Street" auf. Die Geschichte eines Sommers.

Die Auserwählten, die dabei waren, erinnern sich noch heute an das Licht, das hinter der Villa Nellcôte aufs Mittelmeer fiel. "Morgens konnte es sanft und lieblich sein, wie geschmolzene Butter, doch bis zum späten Nachmittag wurde es grell wie geschmolzener Stahl, das die endlose Weite des azurblauen Ozeans hinter dem Haus in eine Schale schimmernder kubistischer Fragmente verwandelte, die im Auge schmerzten", schrieb der Schriftsteller Robert Greenfield. Der blumige Satz bringt den Sommer der Rolling Stones an der Côte d'Azur auf den Punkt, der heute als Schlüsselmoment der Rockgeschichte verklärt wird.

Mick Jagger

Halbnackte Musiker zwischen ihren Instrumenten, so muss es im Sommer 1971 in Südfrankreich ausgesehen haben. Dieses Foto aber zeigt Mick Jagger im Jahr 1968.

(Foto: AP)

Keith Richards und sein Freundin Anita Pallenberg hatten die prächtige 16-Zimmer-Villa aus dem 19. Jahrhundert gemietet, die von Zypressen und Palmen verborgen mit ihren Marmortreppen, Flügeltüren und Zimmerfluchten in Villefranche-sur-Mer am Strand stand. Mick Jagger und seine zukünftige Ehefrau Bianca hatten sich in St. Tropez eingemietet. Die übrigen Musiker verteilten sich in Häuser über die Küste.

Die Rolling Stones waren auf der Flucht in diesem Sommer des Jahres 1971. Wie so viele britische Rockstars waren sie zwischen die Mühlen der englischen Steuergesetzgebung geraten. Ginger Baker hatte sich damals nach Nigeria abgesetzt, David Bowie in die Schweiz, John Lennon nach New York. Neunzig Prozent wollte der Staat von ihren Gagen und Tantiemen abziehen. Rückwirkend. Die Stones waren in diesem Sommer de facto pleite.

Sie standen aber auch in der Pflicht, ein neues Album aufzunehmen. Lange hatten sie an der Côte d'Azur gesucht, doch nirgends gab es ein Studio, das eine Produktion wie ein Stones-Album hätte stemmen können. So ließen sie ein mobiles Aufnahmestudio aus England kommen, das sie im Garten der Villa parkten, und verkabelten die verschachtelten Kellerräume. Dort unten in der düsteren, dumpfen Schwüle spielten sie mit einer wechselnden Besetzung befreundeter Musiker ein Doppelalbum ein, das heute als eine der fünf wichtigsten Rockplatten aller Zeiten gilt.

"Exile on Main Street" ist eines jener Alben, das jene Erweckungserlebnisse auslösen kann, von denen Leute sprechen, wenn sie davon erzählen, wie sie zum ersten Mal "Sergeant Pepper" von den Beatles, "Dark Side of the Moon" von Pink Floyd oder "OK Computer" von Radiohead hörten. Es ist diese schockartige Einsicht, dass es Musik geben kann, die das eigene Lebensgefühl und alle großen Fragen auf wenige Minuten verdichten kann. Bruce Springsteen hat immer wieder gesagt, dass "Exile" sein Leben verändert habe. Und wenn man seine Musik durch die Jahre verfolgt, dann weiß man, dass das stimmt.

"Exile" ist nicht unbedingt das beste Album, das die Stones je aufgenommen haben. Doch es steht für viel mehr, als nur für die achtzehn Songs, die es aus den vielen Stunden Material auf die vier Plattenseiten schafften. Mindestens so wichtig wie die Musik waren die Bilder, die aus diesem Sommer blieben. Es sind Bilder, auf denen die Stones und ihre Musiker halbnackt zwischen Instrumenten herumlungern, zwischen Flaschen, abgegessenen Tellern und Obstschalen, und das alles vor der überladenen Stuck- und Säulenkulisse der Villa. Die leicht benommene Trägheit des Sommers gerät in den Fotografien von Dominique Tarlé und den Hobbyfilmaufnahmen der Musiker und ihrer Freunde zum paradiesischen Schwebezustand.