Rolling-Stones-Album neu aufgelegt Unglaubliche Doppel-Solos

"Some Girls" wurde vor 33 Jahren tatsächlich das Comeback der Rolling Stones. Die Platte hat sich erstaunlich gut gehalten. Den Glimmer Twins Jagger und Richards, damals erst am Beginn ihrer heute wunderbaren Feindschaft, gelang ein unwahrscheinliches Gemisch konträrer Stile, die Ende der Siebziger in New York koexistierten.

Mick Jagger mit den Rolling Stones im Februar 2006: Lange genug die semischwule Discomusik aus dem drogen- und untergangssüchtigen Manhattan gehört.

(Foto: AP)

Keith Richards fand seine Inspiration in Queens, bei den exilierten Reggae-Musikern, und Mick Jagger hatte lange genug die semischwule Discomusik aus dem drogen- und untergangssüchtigen Manhattan gehört. Und die reduzierte Besetzung nur mit Bläsern, Saxophon und Billy Prestons Piano, machte sie wieder jung.

Die Bonus-CD, die nun der selbstverständlich neu bearbeiteten Platte beigegeben wird, ist ausnahmsweise die Bezeichnung wert, denn sie ist wirklich ein Geschenk. Für den professionellen Bootlegger sind die zwölf apokryphen Stücke nicht neu. Die herrliche Ballade "Claudine" gab es auf Nachfrage schon immer als fabrikhallenhallendes Schreistück. Jetzt eröffnet es sauber geputzt und neu abgemischt die Bonus-CD.

Hier ist auch Ian Stewart am Piano zu hören, Mitgründer der Band, aber wegen seiner mit dem Showbiz unverträglichen südschottischen Vierschrötigkeit in den Bühnenhintergrund geschoben. Nichts war Stewart mehr zuwider als der Disco-Mist, den seine Kameraden inzwischen unbedingt spielen mussten. Aber sie können auch anders, wie diese zweite CD beweist, und sie sind im Zweifel so gut wie 1963, als sie um Gottes willen nicht als "rock'n'roll outfit" gelten wollten, sondern als treue Blues-Jünger, ferngetauft mit dem heiligen Wasser des Mississippi.

Der versatile Sänger, der als Stimmenimitator nie genug gewürdigte Mick Jagger, versucht sich sogar an "You Win Again". Wieder einmal kann er sich nicht ganz zwischen Parodie und Hommage entscheiden und amalgamiert Hank Williams' Song deshalb zu einem originalen Mick-Jagger-Werk. Auf "Tallahassee Lassie", dem alten Hit Freddy Cannons, ist als Dreingabe auch John Fogertys Händeklatschen festgehalten, einer von vielen unbezahlten, und deshalb immer wieder gern genommenen Beiträgern.

Dichter Müllhagel

Doch der beste Neuzugang, eigentlich ein Bewährungshelfer für den immer wieder rückfälligen Glimmer-Hälftling Richards, ist Ron Wood, der endlich als Vollmitglied in die Band aufgenommen war und sich mit Keith in unglaublichen Doppel-Solos verschwistert. "Honey, I ain't accustomed to lose", singt Mick in "No Spare Parts", ich bin einfach nicht gewohnt zu verlieren, und Keith, dem's nicht anders geht, schlägt gedankenschwer die Gitarre dazu.

In Los Angeles, damals im Anaheim Stadium vor 50.000 sonnenverbrannten, ausgedörrten Zuhörern, erschien Mick Jagger mit einer affigen Sonnendeckmütze. Spindeldürr war er, und ich hatte mich weit genug vorgekämpft, dass ich seine Rippen zählen konnte.

Auf die Klassiker "Let It Rock" und "Honky Tonk Woman" folgten die neuen Stücke von "Some Girls". Lag es an der glühenden Sonne oder doch an diesem irrlichternden Sonnengott auf der Bühne, ich wurde jedenfalls Zeuge eines Klischees, nur dass es keins war. Links und rechts drehten die Mädchen durch. Es waren, wie auf der Platte, nur bestimmte, besonders anfällige Mädchen. Sie alle hatten sich von ihren Männern auf die Schulter nehmen lassen, um Mick Jagger auf der nicht sehr hohen Bühne noch näher zu sein. Sie zuckten im und gegen den Rhythmus, sie kreischten und schrien, die Tränen liefen ihnen übers Gesicht, bis ihnen schließlich der Kreislauf kollabierte und sie weggebracht werden mussten.

Neun Jahre zuvor war in Altamont ein Zuschauer vor der Bühne erstochen worden. In Anaheim war die Hysterie kaum geringer. Das war schließlich das durch Vietnam traumatisierte Amerika, und in den Läden lag ein Buch mit dem Titel "The Man Who Killed Jagger".

Dennoch ging es gut. Irgendwann warf jemand eine seiner Badelatschen auf die Bühne, noch eine folgte und noch eine. Mick Jagger fühlte sich sichtbar belästigt, versuchte auszuweichen und forderte schließlich das Publikum auf, ihre "fucking shoes" alle auf die Bühne zu werfen. Es gab einen kurzen, aber recht dichten Müllhagel, die Band - Bill Wyman hinter seinem steil aufragenden Bass, Charlie Watts hinten in der Schießbude, vorne die Trias Jagger, Wood und Richards - spielte tapfer weiter, bis es keine Schuhe mehr zu werfen gab.

Keith Richards aber war der Held in Anaheim, sang "Before They Make Me Run" und von der Hoffnung, dass sie ihn trotz "booze and pills and powders" vielleicht doch laufen lassen würden. Das Wunder geschah. Keith Richards berichtet davon in seiner Autobiographie: Ein blindes Mädchen, das der Band gefolgt war, bat den Richter um Milde für den Suchtkranken. Am Ende des Jahres erhielt er eine Bewährungsstrafe und musste außerdem ein Konzert für den Blindenverein geben. Noch einmal davongekommen. Oder wie sie damals sangen, wenn's dir richtig dreckig geht, such dir ein Mädchen, "a girl with faraway eyes". Ja, danke der Nachfrage, es hilft. Thank you, Jesus, thank you, Lord.

Filmstars aus Hollywood

Jetzt singen die auch noch