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Roger Willemsen:Schluss mit lustig

Der deutsche Journalismus verliert sein Idol, die Intelligenzia ihren Konsens-Helden: Harald Schmidt löst sich auf.

Die beiden wichtigsten Mediennachrichten des Tages lauten: Harald Schmidt pausiert, die "Lindenstraße" will frecher werden. Weh dem, der Zusammenhänge sieht, oder, was Schmidt angeht, auf Solidarität tippt mit dem jüngst verklappten, aber emotionsgepowerten Martin Hofmann, dem Geheimrat unter den Sender-Dichtern! Die Zeit der Frechheit und der Solidarität ist vorbei.

Die Zeit der "Harald Schmidt Show", wie wir sie kannten, ist es auch. Für immer. Denn wenn Deutschlands mit Abstand geistreichster Entertainer je zurückkehrt, dann werden wir an seiner Sendung erkennen können, wie sich die Zeit verändert hat. Bis dahin aber werden in seiner Sendung, solange sie noch von der Ketzerei lebt, die Räume eng: Bohlen als Weltpolitiker bei "Wetten, dass . . .", Naddel investigativ hingerichtet von Beckmann, und obendrein eine Patricia Riekel, die als Mediensatire vermutlich nicht transzendierbar ist. Muss Schmidt da nicht, darf er nicht die Hände in den Schoß legen und der Selbstvernichtung der Belanglosen zusehen?

Egal, jedenfalls geht er den Weg der No Angels, er löst sich auf, erst einmal. Eine "kreative Pause" soll es sein, muss es sein. Die meisten, die das sagen, ziehen sich danach für den Playboy aus. Doch kreativ muss die Pause sein, denn stieg auch die Quote zuletzt stetig, so stieg doch offenbar die Lust nicht mit.

Vorbei die bösen Stand-ups, Sketche, Einspielfilme, Kulturbeiträge, die showinternen Serien, die Vernichtungsfeldzüge. In den Zyklen der Sendung gesprochen muss man sagen: Zu lange schon hielten sich statt dessen die Spieleabende mit Publikumsbeteiligung, jene letzte Ekstase des größten Schmidt-Witzes, "Verschleuderung von Sendezeit" genannt. Es lag zuletzt etwas Ambitionsloses über der Show, den running gags ging der Atem aus, er wusste es, die Erneuerung war überfällig.

Man erinnert sich an "Die dicken Kinder von Landau", an die "Konfuzius-sagt"-Klassiker, an "Rinder gegen den Wahnsinn" wie an Modesaisons aus den Neunzigern. Von der Dirty-Harry-Debatte bis ins Patronat durch Bruder Johannes: In acht Jahren durch alle Weltanschauungen. Der Nonsens ist gekommen und gegangen, das Kabarett ist gegangen, die Comedy geblieben, die Ironie soll mal vorbei und das Pathos modern, der Fransenlook out und der Hosenrock wieder in gewesen sein, und zeitgleich hat sich selbst die Politik in all der Zeit zunehmend veräußert.

Am Ende konnte sich die Schröder-Ära auch bei Schmidt noch rascher bagatellisieren als die Kohl'sche, und was den Stil des Moderators angeht, seine Fähigkeit, zu allem geradezu reflexartig einen uneigentlichen Standpunkt zu beziehen, so wurde sie am Ende geradezu chorisch nachgestellt vom deutschen Feuilleton. Den Schmidt-Effekt konnten schließlich zu viele, und wenn selbst der Bundespräsident den Schmidt in sich entdeckt, dann ist es kein Wunder, wenn dieser von sich selbst unterfordert wirkte.

Seine Form der moralischen Indifferenz hat sich durchgesetzt. Schon heute fällt jedem eher ein unernster Satz zum Irak ein als ein ernst gemeinter. Doch wer soll uns nun eine neue Amoral geben, wer soll vordenken? Und wer brächte seine Voraussetzungen mit? Schmidt trat jeden Abend vor sein Publikum als ein Mann, der nicht mehr arbeiten muss, der vorgibt, erloschen zu leben, um nur auf der Bühne zu blühen, und der irgendwie eine "deutsche Institution" werden will, ein Klassiker, wie Johnny Carson es nach 30 Jahren "Late Show" war.

Dass Schmidt aussetzt, ist vielleicht eine Kapitulation vor dieser Idee oder vor dem Wunsch, dem Land zu imponieren, vielleicht würde Detlev Dee Soest auch sagen, er "burnt" nicht mehr, "und in dem Metier musst du burnen", vielleicht hat ihn auch etwas eingeholt, das nicht mehr sendungskompatibel ist, der Ernst des Lebens zum Beispiel, wäre das nicht ein Witz?

Jedenfalls verliert der deutsche Journalismus sein Idol, die Intelligenzia ihren Konsens-Helden, den richtbildlichen Spötter. Nicht auszudenken, wie jetzt mit Niveauverdacht gelacht werden soll. Doch keine Sorge, aus diesem Bauch werden die Epigonen kommen wie aus einer Russenpuppe. Ach, undenkbar: Beginnt jetzt die Zeit, in der man Harald Schmidt mit "Werbeikone" untertitelt?