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Extinction Rebellion:Ein schwerer Schlag für die Umweltbewegung

November 24 2018 London Greater London United Kingdom Extinction Rebellion co founder Roger

Roger Hallam, 53, war Biofarmer in South Wales. Im Oktober 2018 gründete er mit Gail Bradbrook die Umweltbewegung Extinction Rebellion.

(Foto: imago)
  • Am 26. November sollte "Common Sense" von Roger Hallam erscheinen. Nun zieht der Ullstein-Verlag das Buch des walisischen Umweltaktivisten zurück, weil der in einem Zeit-Interview den Holocaust relativiert hat.
  • Die Aussagen Hallams sind ein schwerer Schlag für die noch junge Umweltbewegung, weil sie ihren überparteilichen Willen infrage stellt, sämtliche politischen Lager im großen Kampf gegen die für diese Generation größte Bedrohung zu vereinen.

Von Andrian Kreye

In der aktuellen Ausgabe der Zeit sagt Roger Hallam, Mitbegründer der Umweltbewegung "Extinction Rebellion" (XR), über den Holocaust: "For me it's just another fuckery in human history." Das kann man mit "Für mich ist das nur ein weiterer Scheiß in der Geschichte der Menschheit" übersetzen. Es war nicht das erste Mal, dass Hallam den Holocaust relativierte. Am Mittwoch vermeldete der Ullstein Verlag deswegen: "Der Ullstein Verlag distanziert sich in aller Form von aktuellen Äußerungen Roger Hallams. Aus diesem Grund wird sein Buch ,Common Sense', ursprünglich angekündigt für den 26. 11. 2019, nicht erscheinen. Die Auslieferung wurde mit sofortiger Wirkung gestoppt."

Der deutsche Sprecher der Extinction Rebellion, Tino Pfaff, sagte auf SZ-Anfrage: "Für uns als Bewegung ist das ein absoluter Tiefpunkt." (Das Interview ist im Netz unter jetzt.de/XR-Interview zu finden). Hallams Relativierung des Holocausts sei auch kein einmaliger Ausrutscher, so Pfaff. Man habe schon mit ihm darüber gesprochen: "Er will mediale Empörung erzeugen und damit letztlich Aufmerksamkeit und Empörung bezüglich der dramatischen Klimakatastrophe hervorrufen." Pfaff distanziert sich im Namen der deutschen Extinction Rebellion deutlich von Hallam. Und weist noch einmal daraufhin, dass man sich sowieso als dezentrale Bewegung verstehe. Was eine ehrenwert basisdemokratische Haltung ist, die die mediale und bürgerliche Öffentlichkeit allerdings noch nie davon abgehalten hat, solchen dezentralen Bewegungen Führungspersonal zuzuweisen. So gilt Greta Thunberg als Anführerin der ebenso dezentral organisierten "Fridays for Future" und Luisa Neubauer als Sprecherin der deutschen Ableger.

Die Bewegung hatte Glück, dass man ihr mit der schwedischen Initiatorin und der deutschen Weggefährtin zwei inhaltlich und rhetorisch schlagkräftige junge Frauen zuschrieb. Extinction Rebellion hingegen wird sich nun lange mit dem Vorwurf beschäftigen müssen, dass sie in Roger Hallam einen Kopf haben, der mit der Relativierung des Holocaust einen Tabubruch begangen hat, den sonst vor allem rechtsradikale Politiker und ihre Sympathisanten bedienen. Hallams Satz ist sogar eine direkte Parallele zum Zitat des AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland: "Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte." Das ist ein schwerer Schlag für die noch junge Umweltbewegung, weil sie ihren überparteilichen Willen infrage stellt, sämtliche politischen Lager im großen Kampf gegen die für diese Generation größte Bedrohung zu vereinen.

Das funktionierte bisher über die Vernunft. Aktivisten zitieren Wissenschaftler, die sich wiederum solidarisch mit ihnen erklären. Vernunft ist oft langweilig, selten glamourös, nie aufregend. Deswegen war sie den XR-Anhängern zu wenig. Das liegt schon in ihrem Namen. Sie kämpfen nicht für die Zukunft, sondern gegen die Auslöschung. Das heißt, gegen die Apokalypse.

Die wiederum ist keine Größe der Wissenschaft, sondern ein Motiv, das sich seit vorchristlichen Zeiten in den meisten Glaubensrichtungen wiederfindet. Doch egal, ob sich die Gläubigen vor Ragnarök fürchten oder vor der Offenbarung des Johannes, wird die Apokalypse zum Zentrum eines Glaubens, verhärten sich die Fronten. Nun würden bei einer Umweltapokalypse nicht nur die Ungläubigen, sondern wir alle sterben. Diese Totaldüsternis widerspricht schon mal dem Positivismus der moderaten Umweltbewegung, wie Fridays for Future oder Al Gores Climate Reality Project. Doch Roger Hallam betreibt mit seiner Relativierung des Holocaust nicht nur einen Schulterschluss zwischen links- und rechtsextremen Positionen. Die haben sich im Antisemitismus, camoufliert als Aufrechnungen, Vergleiche, Relativierungen, schon öfter getroffen. Er sabotiert damit vor allem einen Kampf gegen die Erderwärmung, der zum Ziel hat, die Gefahr für die Menschheit jenseits aller Ideologien und Überzeugungen als kleinstmöglichen Nenner zu definieren. Die Ausgrenzung durch Polarisierung führt die Apokalyptik der Extinction Rebellion somit in eine Dynamik der Ausgrenzung, wie sie sonst der apokalyptische Glaube kennt.

Der Ullstein Verlag will sich nicht weiter äußern. Er gibt vor allem das Manuskript des Buches nicht heraus, deswegen lässt sich schwer nachprüfen, wie viel radikale Gedanken in einem Buch stecken, das laut Vorankündigung ein Plädoyer für beherzten, aber gewaltfreien Widerstand ist. Der Bewegung, die er mitbegründete, hat er jedenfalls großen Schaden zugefügt. Denn Dementi und Distanzierungen sind nicht nur Notwehr gegen die Emotionalisierung der Vernunft. Sie sind das Manifest einer Spaltung.

© SZ vom 22.11.2019/luch
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