Rockmusik Untergang obercool

Was wird dereinst bleiben vom Indie-Rock? Betrachtungen beim Rolling Stone Weekender, dem maßgeblichen deutschen Festival nahe Lübeck.

Von Jens-Christian Rabe

Indie-Rock ist nicht tot. Er steuert nur stramm auf seine Rente zu. Nirgendwo konnte man das gerade in seiner ganzen Pracht so bestaunen wie auf dem zehnten Rolling Stone Weekender, dem deutschen Indierock-Festival-Hochamt am Weissenhäuser Strand nördlich von Lübeck. Überall sonst kann es ja nicht humanoid-künstlich und brachial-eklektisch genug sein. Hier an der Ostsee wurden dagegen noch echte Gitarren geschrubbt, als sei 1993 oder 1983 oder 1973. Woran wird man sich dereinst eigentlich wehmütig erinnern, wenn dem kleinen, cooleren Bruder des Rock, der ewig jung erschien, die letzten Saiten gerissen sind?

Die Ironie

Father John Misty, Meister der bierernsten Ironie, raunt seine genialisch-ätzenden Songs.

(Foto: Kai Marks)

Niemand kann ein ausgebeultes offenes Zweireiher-Jackett so formvollendet stilvoll an sich herunterhängen lassen wie der 37-jährige amerikanische Songwriter Josh Tillman alias Father John Misty. Und niemand tänzelt so bierernst ironisch schlangenhaft zu Folkrock-Balladen herum, in engen Jeans, mit Vollbart und Sonnenbrille. Wie der Kapitän auf einem angejahrten Kreuzfahrtdampfer namens Untergang Obercool. Oder Axl Rose als Hipster mit Selbsthass, auf irgendeiner Liebesdroge. Wirklich spektakulär ist allerdings zu sehen, wie er immer wieder im Stil einer strengen Dragqueen seine genialisch-ätzenden Songs dahinraunt: "Total Entertainment Forever", "Pure Comedy", "God's Favorite Customer". Das Mikro mit angewinkeltem rechten Arm ganz nah an den Mund haltend, während die Außenseite der linken Hand den rechten Ellenbogen abstützt, dann immer mal wieder wie ein eitler Geck den Kopf leicht in den Nacken werfend. Pure Comedy mit Gottes liebstem Kunden. Bisschen widerwillig, bisschen supersmart, bisschen gütig, bisschen augenzwinkernd größenwahnsinnig. Seelsorge für besorgte Seelen, die schon ahnen, dass sie von allem etwas zu viel bekommen haben, besonders von der Selbstgerechtigkeit.

Die schillernden Außenseiter

Für alternative Männlichkeiten war Indie-Rock nie das selbstverständlichste Gehege. Besonders in ihren effeminierten Varianten waren sie entsprechend selten. Verbunden allerdings mit eher extrovertiert-trotzigem Außenseiterstolz schillerten sie doch immer wieder gewaltig. Wie Samstagnacht im Baltic-Festsaal zum Beispiel mal wieder John Grant, der große schwule Klage-Crooner des Indie-Rock. Zu Trucker-Cap, Jeans und Cowboyhemd trug er, einmal quer über den Augen, ein blaues Glitzermasken-Make-up - aus dem auf die Backen kleine blaue Glitzertränen fielen.

Die Unschuld

Riesige bunte Ballons und ein leuchtendes Einhorn - der Auftritt der Flaming Lips.

(Foto: Kai Marks)

Die amerikanische Neo-Psychedelic-Band The Flaming Lips wurde 1983 gegründet. Bald steht das 40. Bühnenjubiläum für Gründer und Sänger Wayne Coyne an. 40 Jahre! Eigentlich kann das gar nicht sein. Freitagnacht sah er eher aus wie der alterslose Hohepriester von Planet Glitzerwitz. Mit aufblasbaren regenbogenfarbenen Engelsflügeln auf dem Rücken, grauen schulterlangen Locken, Augenklappe und Maßanzug mit Fellmanschetten teilte er, auf einem großen leuchtenden Einhorn sitzend, die Menge, die das ganze Konzert über auch noch vergnügt die riesigen bunten Ballons herumstieß, die er mitgebracht hatte. Ach, und an den beiden Schlagzeugen saß zweimal derselbe Trommler mit Stirnband und langen neongrünen Haaren. So war das. Dazu gewaltige, nicht enden wollende Rockwolken und Synthie-schwaden und sphärisch-verhallte Chorgesänge. Hinterher wusste natürlich keiner mehr, was das eigentlich sollte, aber man hatte es immerhin zusammen gemacht. Unsterbliches Paradox des Indierock: die Verneinung des Bestehenden zugunsten der Bejahung der Unschuld aller und alles Herumstehenden.

Die unverdiente Traurigkeit

Die Musik der Berliner Band Die Höchste Eisenbahn umweht diese grundlose Jungstraurigkeit, um deren Feier sich keine Musik so verdient gemacht hat wie der Indie-Rock. Aus einer alten Synthieklimperorgel purzelten dazu warme Synthieklimperorgeltöne,und Francesco Wilking sang dazu reizend kratzig-vernuschelt: "Wie war das noch bei Wittgenstein / worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweig'n". In den besten Momenten legt sich einem diese Musik wie ein warmes Handtuch, um die im endlosen Meer der Möglichkeiten schlimm versehrte Vorortbürgersöhnchenseele. Und zwar auch dann noch, wenn man sich die Cornflakes im Biosupermarkt längst selber kauft.

Der Trotz

"Schwindel, Schwindel, Schwindel, Schwindel, Schwindel, Schwindel, Schwindel, Schwindel, Schwindel, Schwindel, Schwindel, Schwindel ..." - es gibt eine Wut, die in der autoaggressiven Komplettverausgabung steckt, bei der eine improvisierte Bühne in einem Wintergarten mit weißen Plastikfenstern hell erleuchtet sein kann, und man trotzdem irgendwann kaum noch klar sieht. Wie sich Nina Walser, die Sängerin der eindrucksvoll zackig-rotzig aufspielenden Münchner Neo-Postpunk-Band Friends Of Gas, über ihr Mikro krümmte und mit gewaltiger letzter Kraft den Schwindel beschwor, war auf irritierende Weise so unmittelbar gegenwärtig wie unmissverständlich gestrig. Ein Gruß aus einer Vergangenheit, die sich selbst trotzig im ewigen Jetzt der Wut sah. Retrowahnsinn.

Die Overdrive-Orgien

Die sagenhaft brachiale norwegische Stoner-Progrock-Band Motorpsycho ist auch eine irre feinfühlige Jazz-Band. Oder ist es umgekehrt? Auf jeden Fall! Wenn man es ganz genau nimmt, spielen Motorpsycho keine Songs, sondern symphonische Overdrive-Orgien, in denen sie die Zeit vollkommen nach Belieben faltet und dehnt. Einer tiefen Mediation ist das oft näher als einem trivialen Rockkonzert, wenn sie nicht das eigentlich Unmöglich auch noch schafften: vollkommen unkitschig zu klingen dabei und überhaupt nicht albern prätentiös muckerhaft.

Die erwachsenen Frauen

Die erwachsene Frau ist schon in der Popmusik eine seltene Erscheinung, obwohl sie dort als Diva immerhin eine klassische Planstelle hat. Im Indie-Rock ist sie eigentlich gar nicht vorgesehen. Das souverän dahingeschnodderte Konzert auf der Hauptbühne der wiedervereinten amerikanischen Grunge-Band The Breeders war schon allein deshalb spektakulär. Ganz und gar keine Wehmut allerdings - auch das lag beim Breeders-Konzert plötzlich offen da - hat man jetzt schon, wenn man an Indie-Rock als großes Männerding denkt. Die drei Frauen, die mit Sängerin Kim Deal, ihrer Schwester und Gitarristin Kelley Deal und Bassistin Josephine Wiggs bei den Breeders auf der Bühne standen, verdoppelten auf einen Schlag fast die Zahl der Frauen, die bei diesem Weekender auf die Bühne durften. Das wirkte schon verrückt anachronistisch, selbst bei dem außergewöhnlich hohen Anteil von Männern im Publikum mit flüchtigem Haupthaar. Wie weit sich eine Gesellschaft doch noch nicht entwickelt hat, kann man ja oft am besten an den Bereichen sehen, die sich selbst für besonders progressiv halten.