bedeckt München 19°

Rockmusik:Die Pilzsaison ist vorbei

Die Band "Killerpilze" legt ein neues Album vor - und nach 17 Jahren eine Schaffenspause ein. Johannes und Fabian Halbig aus Dillingen sprechen über Erfolge, Rückschläge und Selbstbestimmtheit

Zwei Brüder sitzen in einem Restaurant und erzählen von ihrer Jugend als Rockstars, die schon weit entfernt scheint, obwohl sie gar nicht lange her ist. Der eine trägt Ketten und lange Haare, der andere unentwegt Sonnenbrille. Dabei handelt es sich nicht um Männer fortgeschrittenen Alters, sondern um einen 30-Jährigen und seinen drei Jahre jüngeren Bruder. Johannes und Fabian Halbig, die die Welt als Jo und Fabi von den Killerpilzen kennt, erzählen von ihrem neuen Album, das nicht ohne ihre Bandgeschichte zu verstehen ist.

Die Killerpilze sind seit 17 Jahren im Musikbusiness aktiv und gönnen sich nach ihrem gerade erschienenen Album "Nichts ist für immer. . ." und der dazugehörigen Tour eine Pause auf unbestimmte Zeit. "Uns ist beim Schreiben klar geworden, dass nach diesem Album eine Pause kommen wird. Das hat sich total organisch entwickelt und fühlt sich jetzt auch richtig an", sagt Fabian Halbig, der bei dem großen Durchbruch der Band im Jahre 2006 gerade einmal 14 Jahre alt war.

Killerpilze

Für sie ist die Band Hobby und Herzensprojekt: Maximilian Schlichter, Johannes und Fabian Halbig (von links) spielen seit der Schulzeit zusammen.

(Foto: Paul Ambrusch)

Die Geschichte der Killerpilze beginnt 2004 in Dillingen an der Donau. Als Schülerband von Johannes Halbig und Andreas Schlagenhaft ("Schlagi") gegründet und mit Fabian Halbig und Maximilian Schlichter ("Mäx") komplettiert, wurde sie nach viel harter Arbeit und ein bisschen Glück von Universal unter Vertrag genommen. Mit dem Song "Richtig Scheiße (auf 'ne schöne Art und Weise)" von dem Album "Invasion der Killerpilze" wurden sie 2006 berühmt und erlebten die Vor- und Nachteile der Musikindustrie in den Nullerjahren. Konzerte, Musikvideos, Auftritte bei Viva und The Dome, Features in der Bravo, Auftritte in ganz Europa, kreischende Fans im Vorgarten und Personenschützer, Bassist "Schlagi" verließ die Band. Dann der große Fall: Universal verlängert den Vertrag nach dem zweiten Album nicht. Die Band stellt sich auf eigene Beine, gründet ihre eigene Plattenfirma und arbeitet sich alleine durch schwierige Jahre. "Ich hab meinen Frieden mit unserer Bandgeschichte geschlossen", sagt Johannes Halbig mit rauer Stimme und einer so gelassenen Selbstverständlichkeit, dass daran kein Zweifel besteht. Sein Bruder hat länger damit gehadert, auch mit den wiederkehrenden Fragen nach Ruhm und Bedeutungslosigkeit. Er studierte Filmproduktion an der HFF und hat mit David Schlichter vor zwei Jahren einen Film über die Band gemacht. "Immer noch jung - 15 Jahre Killerpilze" erhielt einen Bayerischen Filmpreis und viel Aufmerksamkeit. "Es gibt Fragen, die ich nicht mehr beantworte", sagt Fabian Halbig. "Wenn jemand was zu früher wissen möchte sage ich: hey, unser Film wäre was für dich".

Die Band hat bisher acht Alben veröffentlicht, doch dieses neunte ist anders als die vorherigen, die wenig Beachtung in den Medien fanden. Die treue Fangemeinde ist trotzdem erhalten geblieben, auch wenn vielen das letzte Album "High" zu poppig für eine Band war, die sich als Punk bezeichnet. "Wir hatten da einfach Bock drauf und haben uns von den ganzen alten Sachen befreit, deswegen haben wir ein ultra poppiges Album gemacht", erklärt Fabian Halbig. Mit der neuen Platte kehren sie zu ihren Wurzeln zurück.

"Das ist das erste Album bei dem die Fans sagen, dass wir klingen wie früher bei 'Invasion der Killerpilze', nur erwachsener", erzählt Fabian Halbig. Für das Album hatten Johannes Halbig und Maximilian Schlichter 50 Demosongs geschrieben, aber als sich die Band für die Arbeit an dem Album auf eine Berghütte zurückzog, schaffte es keiner dieser Songs auf die Platte. Dafür zwölf Songs, die in zwölf Tagen geschrieben wurden. Das Album ist textlich stark und das politischste der Killerpilze, die sich sonst vor allem außerhalb der Musik politisch positionierten, und wurde mit einer ausgefeilten Kampagne beworben. Johannes Halbig hat Kommunikationswissenschaft studiert und eine PR-Firma für Musik gegründet, er kennt die Zahlen und das Vokabular für eine gewinnende Vermarktung: die Erfolge, die Rückschläge, die Ehrlichkeit der Band, die Authentizität, die harte Arbeit: "Wir spielen in der Punkrock-Championsleague, das haben uns auch immer wieder Künstler aus anderen Bands bestätigt". Auch wenn die beiden Brüder die Band zusammen mit ihrem Kollegen Maximilian Schlichter als Hobby betrieben, sei sie das Herzensprojekt der Drei. "Wir sind viel professioneller geworden, weil wir nebenbei unsere gut laufenden Unternehmen haben", sagt Johannes Halbig. "Wir sind einfach besser und effektiver geworden", ergänzt Bruder Fabian.

Der Gedanke an die kommende Zeit erfüllt beide mit Vorfreude. "Das ist auch einfach mal geil, nach all den Jahren mal Pause zu haben und Inspiration für neue Dinge zu sammeln - zum Beispiel für eine etwaige neue Platte in ein paar Jahren", meint Jo Halbig. Angst vor einer Depression nach der Tour haben sie nicht. "Ich hab richtig Schiss vor unserem vorerst allerletzten Konzert in München. Ich hab da gerade so gar keinen Bock drauf, ich will da richtig reinhauen, aber sich zu viel vorzunehmen, ist auch nicht gut", meint Fabian Halbig. Sein Bruder sorgt sich darum noch nicht. Johannes Halbig ist sich sicher: "Wir verabschieden uns mit einem lauten Knall."

© SZ vom 09.09.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite