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Rockkritiker Pat Blashill über Klassik:One-Night-Stand für die Ohren

Opern sind meistens unterhaltsamer als Filme von Kate Hudson, obwohl sie wirklich super aussieht: Wie ich als Rockkritiker lernte, die Klassik zu lieben - und zu fürchten.

Es heißt, die Klassik habe in Amerika keine Tradition. Das ist nicht wahr. Wir hören alle klassische Musik: die klassischen Werke der Beatles, die klassischen Songs Springsteens, den Klassiker Clapton. Wir verehren die Meisterwerke der Eagles. "Highway To Hell" ist eine unserer heiligen Schriften. Wir lieben auch den Tanz: den Moonwalk, den Hippy Hippy Shake, den Rock Lobster.

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"Manchmal ist klassische Musik wie ein One-Night-Stand, weil man sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnert": Für die Musiker der Semperoper (im Bild) wird dies nicht zu treffen - wohl aber für den ehemaligen Rockkritiker Pat Blashill.

(Foto: dpa)

Als ich vor ein paar Jahren nach Österreich zog, merkte ich allerdings, dass Europäer etwas ganz anderes meinen, wenn sie von klassischer Musik und Tanz reden. Sie meinen seltsame, altmodische Klänge. Ohne elektrische Verstärkung. Sie meinen Violinen, Ballett-Tutus und Mezzosopran. Und so phantastische Dinge wie die Triangel, die ich besonders unerträglich finde. Ich habe immer den Wohlklang eines ordentlich verzerrten Wah-Wah-Pedals bevorzugt.

Dennoch habe ich versucht, mich auf Opern und alles andere europäische Klassische unvoreingenommen einzulassen. Meine Frau nahm mich mit zu den Bregenzer Festspielen - und es war fast wie Profi-Wrestling. Ich sah mir eine der unbekannteren Verdi-Opern an der Wiener Staatsoper an - und am Ende wurden alle niedergestochen. Wie in einem Film von Martin Scorsese. Aus Spaß kaufte ich mir eine Karte fürs Ballett. Und es gefiel mir! Ich sah den Tänzern gerne dabei zu, wie sie auf ihren Zehenspitzen standen. Ein paar Tage später wurde eine der Tänzerinnen entlassen, weil Nacktfotos von ihr in einer lokalen Zeitung erschienen waren. Aber ich dachte nur: "Wow, jetzt ist sie ein richtiger Star!"

Mir kam der Gedanke, dass meine amerikanischen Freunde, die die Synthiepop-Sängerin La Roux mögen, den Gangster-Rapper 50 Cent oder die Extreme-Metal-Band Cradle Of Filth, hier in Wien vielleicht doch etwas verpassten. Nachdem mich eine Freundin gebeten hatte, ihr den Plot der Tschaikowsky-Puschkin-Kollaboration "Eugen Onegin" zu erklären und ich ihn für sie zusammengefasst hatte - gut aussehende Streberin trifft Melancholiker, der Melancholiker gibt die Diva, es fließt Blut, die gut aussehende Streberin sagt: ,Später vielleicht' - meinte sie: "Du solltest das Buch ,Klassik für Dummies' schreiben." Deshalb gibt es diesen Artikel.

Ich habe gerade das Buch "The Rest Is Noise" des amerikanischen Klassikkritikers Alex Ross gelesen. Es heißt darin, im 20. Jahrhundert sein die klassische Musik zugrunde gegangen. Sie sei lärmig und merkwürdig geworden. Dann seien Jazz und Blues und die Beatles und Hip-Hop aufgekommen und Mahler vergessen worden. Dennoch behauptet Alex Ross, dass Opern und Symphonien immer noch wichtig seien. Die Musik sei schließlich ein "Kontinuum". Deswegen dachte ich vielleicht immer, dass sich Eric Satie wie Brian Eno anhört, und Krzysztof Penderecki wie Sonic Youth mit Celli.

Auf meiner österreichischen Klassik-Entdeckungsreise habe ich aber auch den entscheidenden Unterschied zwischen Bela Bartok und der Death-Metal-Band Deicide gelernt. Man kann zu Bartok nicht abwaschen, man muss wirklich auf jedes noch so kleine ,Kerrang!' achten. Vor ein paar Jahren sah ich ein französisches Orchester in Bregenz. Sie spielten irgendetwas von Beethoven und ich nickte ein. Aber als sie Igor Strawinskys "Le sacre du printemps" aufführten, war ich sofort wieder hellwach. Die Geiger lehnten sich nach vorne wie Skirennläufer. Ich wusste nicht, warum ich so begeistert war. Später erfuhr ich, dass Strawinsky einmal gesagt hat: "Kinder und Tiere verstehen meine Musik am besten." Das erklärt natürlich manches.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum sich bei der Betrachtung von Opern manches relativiert - und wann sie einen völlig fertig machen.

Oper für alle

Völlig hingerissen