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Rockgeschichte:"Warum schreien denn alle?"

Vor 50 Jahren brachten die "Beatles" mit zwei kurzen Konzerten im Circus Krone die Stadt in Wallung. Erinnerungen nicht nur an den "süßen" Paul, der nun nach München zurückkommt

Nur elf Songs spielten die Beatles bei jedem ihrer zwei 30-minütigen Konzerte am 24. Juni 1966 im Circus Krone. Aber dieser erste Stopp der Bravo-Blitz-Tournee, der einzigen Deutschland-Tournee der Pilzköpfe, macht München zur Beatles-Stadt. Und er macht die zweimal 3000 Besucher, die für 10 bis 25 Mark einen Platz in der Manege ergattert hatten, zu Gewinnern der Rock-Geschichte. Hier berichten Zeitzeugen von diesem denkwürdigen Tag vor 50 Jahren, den der Fotograf Rainer Schwanke in einmaligen Aufnahmen dokumentiert hat - ein Kunstschatz, den Herbert Hauke in seinem Rockmuseum im Olympiaturm hütet. Ein kleiner Trost für alle, die zu spät geboren sind oder damals, wie der Kollege Karl Forster, nicht hineinkamen: Am Freitag, 10. Juni, kehrt der 73-jährige Paul McCartney zurück. Von den 40 erwarteten Songs im Olympiastadion werden 23 von den Beatles sein.

Rock and Roll Music

Als Gitarrist und Sänger der Hamburger Rockband The Rattles spielte der heute 72-jährige Achim Reichel im Circus Krone vor den Beatles. Damals trug er ein ebenso auffälliges wie verwegenes Netzhemd:

"Die Beatles kannten wir ja schon aus deren Zeit in Hamburg. 1966 durften wir dann auf der Bravo-Blitz-Tournee das erste Mal erfahren, was so ein Welterfolg mit einen Künstler macht. Ständig schwirrten Terminmanager um die rum: Denkt dran, ihr habt nur noch zehn Minuten, dann müsst ihr den oder den treffen. Das war nicht mehr so unbeschwert wie damals, als wir gemeinsam bei Gretel und Alfons in der Großen Freiheit saßen und Bier tranken. Im Circus Krone spielten die Rattles dann nach zwei weiteren Vorgruppen unmittelbar vor den Beatles. Jetzt kamen wir aber so gut an, dass deren Manager stinksauer wurde. In Essen und Hamburg mussten wir darum die Konzerte als erste Band eröffnen, damit wir den Beatles ja nicht zu nahe kamen. Wobei die ja mit verstimmten Gitarren auf der Bühne standen, und niemanden hat das gestört. Was da auf der Bühne stand, stand später bei Amateurkapellen im Übungsraum. Trotzdem gab es aber einen Soundcheck. Als wir damit fertig waren, stand vor dem Circus Krone ein Journalist von der Bild-Zeitung und fragte: ,Wer von euch ist der Schlagzeuger?' Angeblich hatte Dicki nämlich beim Chuck-Berry-Konzert in Berlin eine Minderjährige geschwängert. Drafi Deutscher, der uns damals besucht hatte, ging vor, breitete die Arme aus und sagte: ,Besprechen Sie alles mit mir. Ich bin der Manager der Jungs.'"

Nowhere Man

Karl Forster ist Autor der Süddeutschen Zeitung:

"Es wäre wohl vieles anders gekommen, hätte ich ein Jahr vor den Beatles im Rahmen des Musikunterrichts nicht Louis Armstrong im Circus Krone erlebt. Seither war und bin ich, bis dahin dem Klavier und der Klassik verschrieben, infiziert mit dem Virus namens Blue Note, der auch Pop und Rock in sich trägt, was zu Hause als das Böse schlechthin angesehen wurde. Nach dem Tag, als die Beatles erstmals in München gastierten, verstand ich, warum. Ich hatte, dank der Großherzigkeit eines Internatskollegen, ein Ticket für das Nachmittagskonzert. Es herrschte da Riesentrubel vor dem Krone-Bau, Mädchen (aha, so sehen also Mädchen aus!) kreischten, überall bildeten sich Trauben und lösten sich lärmend wieder auf, Polizisten schauten böse, mir wurde schwummerig, auf was hatte ich mich da eingelassen? Agoraphobie, Klaustrophobie. Nix wie weg! Da, die Rettung: ,Suche Karte!' Junger Typ, schwarzer Anzug, Nyltesthemd. ,15 Mark?' - ,Okay, hab' aber das Geld nicht dabei, hier hast Du meinen Ausweis, wir treffen uns morgen um 12 Uhr am Kaufhof, Haupteingang.' Große Erleichterung. Am nächsten Tag, Kaufhof, Haupteingang. Der Typ ist da, zu zweit. Herzklopfen gehört sich nicht für den König der Schwarzhändler! ,Gib mir meinen Ausweis zurück, ich habe einen Zeugen dabei, sonst gibt's eine Anzeige wegen Schwarzhandels.' Keine Beatles, kein Geld, kein König. Seither bin ich Stones-Fan."

Der fünfte Beatle

Wenige kennen die Beatles so gut wie Klaus Voormann. Als Grafikstudent lernte er die junge britische Band zusammen mit Astrid Kirchherr 1960 im Hamburger Kaiserkeller kennen. Daraus wuchs eine Vertrautheit, sie sich im Titel von Voormanns Autobiografie spiegelt: "Warum spielst du Imagine nicht auf dem weißen Klavier, John." 1966 zeichnete er das Cover des Albums "Revolver", für das er als erster deutscher Künstler einen Grammy erhielt und letztlich auch den Ehrentitel "der fünfte Beatle". Bei "Filmtonart", dem Tag der Filmmusik im BR-Funkhaus am Freitag, 24. Juni, 11 Uhr spricht der Moderator Fritz Egner mit dem am Starnberger See lebenden Voormann über den "Soundtrack seines Lebens". zir

Yesterday

Als die 1930 geborene Schauspielerin und spätere Alter-Simpl-Wirtin Toni Netzle für die Schallplattenfirma Polydor arbeitete, unter anderem als Assistentin für Bert Kaempfert, lernte sie in Hamburg die Beatles persönlich kennen. Kaempfert nahm die jungen Musiker damals nur als Begleitband für den damals erfolgreicheren Tony Sheridan auf:

"1966 haben sie mich dann zum Konzert in den Circus Krone eingeladen. Zusammen mit meinen zwei Kindern. Das war sehr aufregend. Nach dem Konzert ging ich aber lange nicht mehr in ein Popkonzert. Meine Tochter war elf, muss ich dazu sagen, und ein Beatles-Narr. Als die Beatles anfingen, schrien, glaube ich, 2000 Kinder. Ich hab zu meiner Tochter gesagt: ,Warum schreien denn alle? Man hört ja nichts.' Darauf meine Tochter: ,Wir müssen nichts hören. Wir kennen das ja alle.' Unglaublich. Als ich die in Hamburg kennengelernt hatte, waren das irgendwelche netten Buben, die kein Deutsch konnten. Und jetzt waren das Weltstars. Aber ich hatte so den Eindruck, als wenn die vier unter sich gar nicht so verändert waren, als man sie nach außen verändert hatte. Über das Konzert selbst kann ich aber eigentlich gar nichts sagen, weil ich ja keine einzige Nummer wirklich gehört habe."

Day Tripper

Mittlerweile lebt der Architekt Wolfgang Weber in München, wo er im Eine-Welt-Haus Konzerte veranstaltet. 1966 kam er aus Ochsenfurt in den Circus Krone:

"Es fuhren ja vier Sonderzüge nach München. Der ,Rasende John' aus Stuttgart, der ,Fliegende Paul' aus Innsbruck und der ,Rollende Ringo' aus Ulm. Ich fuhr ab Würzburg mit dem ,Schnellen George'. Im Zug bekamen wir alle Essenspakete. Als Vorsitzender des Rattles-Fanclubs in Ochsenfurt war ich vor allem auf die Rattles gespannt. Aber natürlich auch auf die Beatles. Die konnte man im Zirkus allerdings gar nicht hören, weil die, soweit ich mich erinnere, nur über die schlappe Hausanlage verstärkt wurden. Ob die Rattles direkt vor den Beatles gespielt hatten, oder ob die nicht schon als erstes spielten, also vor Cliff Bennet and the Rebel Rousers und vor Peter and Gordon, das weiß ich nicht mehr. Da gerät nach fünfzig Jahren schon mal das Erlebte mit dem darüber Gelesenen durcheinander. Nur dass die Akustik beschissen war, das weiß ich noch genau."

She's a Woman

Eva-Elisabeth Fischer ist Kulturredakteurin der Süddeutschen Zeitung:

"Damals, mit 14, trug ich Courrèges-Schnitt und besaß einen weißen Lackmantel mit schwarzen Kanten - passend zu den schwarzen Lidstrichbalken. Lippenstift: weiß. Toll, aber von der besorgten Mutter eindeutig fehlinterpretiert: ,Gott behüte, bist du krank?' Zum Beatles-Konzert waren die selbstgenähten schwarzen Blümchenhosen dran. Papa hatte zwei Karten besorgt für Freundin Ursel und mich. Sabina, die Tochter der seinerzeit bekannten Schauspielerin Margot Trooger, durfte mit vier Biedermeier-Sträußchen als Präsent zu den Beatles in den Bayerischen Hof. Die war erst elf! Das stand dann groß in der AZ. In den unverhohlenen Neid mischte sich allerdings die Erleichterung darüber, dass mir möglicherweise peinlicher Small Talk erspart geblieben ist. Ich bin nicht vors Hotel gepilgert und habe auch während des Konzerts nicht gekreischt. Ich wollte ja zuhören. Der Krone-Bau war bestuhlt, ich saß, glaub' ich, in der 16. Reihe. Vorgruppe waren die Rattles, die hatten ja wie die Beatles Star-Club-Klasse. Bis auf das Gekreische vorn, hinten, rechts und links ging dann alles sehr gesittet zu: 17 Uhr, Kinderkonzert. Und die Drohung der Fab Four, den Gig abzubrechen, würde es zu wild werden, tat das Ihre. Sie griffen sich ihre Instrumente, offenbar willens, die Chose schnell hinter sich zu bringen: Blitz-Konzert von 30 Minuten auf einer Blitz-Tournee. Keine Zugabe. Aber Paul fanden alle wieder sooo süß! Es tröpfelte ihm was auf dem Kopf, er schaute nach oben und sagte: ,Rain' (was ja auch der Titel des Songs auf der B-Seite des jüngsten Hits ,Paperback Writer' war). Nein, diese Geistesgegenwart, diese Schlagfertigkeit! Unvergesslich.

Paperback Writer

Gemeinsam mit einem guten Freund hat Till Obermaier-Kotzschmar im Alter von 18 Jahren für die Schülerzeitung Spicker der Fridtjof-Nansen-Realschule geschrieben. Mit seinem Presseausweis und einer kleinen Agfa-Isomatic ohne Blitz kam er auf das Konzert im Circus Krone:

"Eigentlich mochte ich damals eher härtere Sachen. Die Rolling Stones haben mich beeindruckt, die Beatles waren mir zu schlagermäßig. Die wurden von der Presse hochstilisiert, man sagte, da kommen diese Pilzköpfe, und schon flippen alle aus. Trotzdem gab es eine wahnsinnige Atmosphäre auf diesem Konzert. Ich bin bis auf zwei Meter an John und Paul rangekommen, die vorne im Duett gesungen haben. Die Mädels sind ausgeflippt, haben gekreischt in der ersten Reihe, andere haben nur gegroovt. Der ganze Circus Krone war bestuhlt mit festen Reihen, da hat keiner rumstehen dürfen, da hast du auf dem Stuhl ein bisschen mitgewippt. Nur die Leute mit Kamera und Presseausweis durften sich frei bewegen. Das war wahnsinnig toll, weil man alles machen durfte, einfach alles war erlaubt. Nach dem Konzert habe ich Yoko Ono über ihre Plattenfirma angeschrieben, ob sie Interesse an meinen Fotos hat. Ich bekam nur einen knappen Brief zurück. Ohne große Begründung haben sie die Bilder schnöde abgelehnt."

I Feel Fine

Um sein Studium zu finanzieren, brachte Rainer Schwanke den US-Soldaten in München das Fotografieren bei. Als die jungen Amerikaner von dem Beatles-Konzert erfuhren, baten sie den Studenten, Fotos für sie zu machen:

"Das Besondere ist, dass ich einfach zum Flughafen fahren konnte und ohne große Sicherheitskontrolle direkt zum Rollfeld ging, auf dem die Beatles ankamen. Abends vor dem Konzert gab es dann den netten Herrn Schulz vom Circus Krone, der alle Leute durchgelassen hat, die er kannte. Das war meine Eintrittskarte. Ich durfte hinter die Bühne, konnte mich überall frei bewegen. Das war irre, zumal ich großer Fan der Beatles gewesen bin. Es war laut, die Begeisterung enorm, aber niemand der Zuschauer so hysterisch wie heute. Es gab keine Mädels, die sich die Seele aus dem Leib gekreischt haben oder zusammengebrochen sind. In der ersten Reihe stand aber ein Junge, der hatte zehn, 15 verschiedene Posen drauf vom Weinen zum Haare-Ausreißen bis zum Hände-vors-Gesicht-Schlagen. Nur wenige Meter trennten ihn von den Beatles. Ich als Fotograf hätte wahrscheinlich sogar auf die Bühne hinauf gekonnt und das hätte niemanden gestört. Die Zeiten waren herrlich unkompliziert."