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Rock-Legende Will Carruthers:Mit drei linken Händen

Achtzehn Jahre lang hat Will Carruthers sein Geld in einer Socke getragen, ein Konto hatte er nicht. Er schuftete auf dem Bau, in Schlachtereien - und spielte in legendären Bands.

Von Juliane Liebert

Will Carruthers hat Probleme mit seinem Computer. Er sagt, der explodiere immer, sobald er ein Buch zu Ende geschrieben hat. Will Carruthers hat drei Bücher geschrieben und in ein paar der einflussreichsten Alternative-Rockbands gespielt: Spacemen 3, Spiritualized, Spectrum, The Brian Jonestown Massacre. Insgesamt hat er in 33 Bands gespielt und mehr als 20 Alben aufgenommen. Man kann nur beten, dass ihm nicht nach jedem vollendeten Album der Bass unter den Fingern explodiert ist. Inzwischen ist er fast taub.

Gleich nach seiner Zeit bei "Spiritualized" arbeitete er im Schlachthaus. Als Vegetarier

Er hat mit einer Menge schwieriger Persönlichkeiten zusammengearbeitet, sagt er, doch die schwierigste Person, mit der er je gearbeitet hat, ist er selbst. "Alle Probleme, die ich hatte, haben immer mit mir zu tun. Sogar die, von denen ich annahm, ich hätte sie mit anderen. Waren immer meine." sagt er. Vor einigen Wochen startete er eine Spendenaktion - für Medikamente, die ihn am Leben halten sollten.

Alan Moore hat Carruthers' letztes Buch als "chronicle of hepatitis and heroism" beschrieben; Will Carruthers schrieb in seinem Spendenaufruf, mit dem Heldentum sei er nicht sicher, wohl aber was Hepatitis C betrifft. Die habe er auf jeden Fall. Sie begleitet ihn seit 30 Jahren, seit er in seiner Jugend Spritzen mit anderen teilte. Am Ende waren die schmutzigen Nadeln gefährlicher für ihn als die Droge.

Vor eineinhalb Jahren erfuhr er, dass die Krankheit inzwischen heilbar ist. Allerdings kostet jede der 90 Pillen, die er braucht, 1000 Dollar. "Wenn die Heilung 90 000 Dollar kostet, wer kann es sich leisten, nicht zu sterben? Es war seltsam zu wissen, dass es eine fast sichere Heilung gibt, die für mich unerschwinglich ist." In seinem 2016 erschienenen Buch, "Playing the Bass with Three Left Hands", schreibt er über diese Zeit: "Wir waren Nihilisten. Wir trafen nicht die allerschlausten Entscheidungen. Es gibt nichts Dämlicheres, als Memoiren zu schreiben. Mein Gesicht war nicht auf dem Cover. Mein Gesicht hätte kein einziges Buch verkauft. Wen interessiert der verdammte Bassist?"

Ein anderes seiner Bücher heißt "Book of Jobs", denn Carruthers hat neben seiner Musikerkarriere sein Leben lang in Knochenjobs gearbeitet. Es ist ein merkwürdiges Buch, nicht sehr glamourös. Es erzählt nicht von Swimmingpools in Los Angeles, sondern von Jobs in Schlachthäusern.

In einem Kapitel von "Playing the Bass" geht es um die Aufnahme von Spacemen 3's "Dream Weapon", bis heute eines der interessantesten Alben des Psychedelic Rock. "Ich liebe die Geschichte, weil sie so unglaublich dumm ist. Es gab einen großen Unterschied zwischen der transzendenten Natur der Musik, die wir machten, und der Absurdität der Situationen, in die wir gerieten, weil wir sie machten."

Carruthers' Job war es, einen Ton zu spielen, nur einen einzigen

In dem Fall spielten sie in einem Kunstzentrum. Es war ein Abend für gegenwärtige Sitarmusik. Spacemen 3 hatten keine Sitars. Ihre Musik hatte nicht einmal ansatzweise irgendetwas Indisches an sich. Das Kunstzentrum war sehr schön, große Fenster. Es roch gut, nicht nach Bier und Pisse wie die Orte, an denen Spacemen 3 normalerweise spielten.

Carruthers' Job war es, einen Ton zu spielen. Nicht zwei. Nur einen einzigen. Er sagte sich, na ja, er würde bezahlt werden, also würde er eben seinen einen Ton spielen. Da im selben Gebäude ein Kino war, durchbrachen ab und an Durchsagen die Musik. Sie begannen, 40 Minuten lang ihren einen Ton zu spielen. Carruthers kämpfte mit sich. Seine Gedanken schweiften ab, er dachte an die Natur der Einheit, imaginäre Kreaturen, die Manifestation von Obertönen waren. Am Ende des Sets wollte er seinen Verstärker ausstellen. Und realisierte, dass er ihn nie angehabt hatte. Er hatte es nur nicht bemerkt.

Spacemen 3 und Spiritualized haben den "Test der Zeit" bestanden

Das zweite Set wurde abgesagt, das Management kam und schickte sie nach Hause, weil sie "zu schlecht" waren. "Leute kaufen die Platte noch heute", sagt Carruthers, "dreißig Jahre später. Sie kommen zu mir und sagen mir, wie sehr sie ihnen gefällt. Jemand hat mir erzählt, dass seine Frau zu dem Album ihr Kind bekommen hat. Die Platte hat den Test der Zeit bestanden."

Den "Test der Zeit" hat nicht nur "Dreamweapon" bestanden, auch die anderen Alben von Spacemen 3 und Spritualized hängen eigentümlich zeitlos in der Musikgeschichte. Dabei ist Musik immer im Vergehen begriffen. Der Ruhezustand ist Stille, der Klang das Anormale. Irgendwann wird er verstummen. Man hat heute so viel Lärm um sich, dass man das gerne vergisst. Aber Lärm ist keine Musik, auch wenn Musik Lärm sein oder man aus Lärm Musik machen kann. Musik ist eine unwahrscheinliche, vergängliche, schöne Struktur. Gerade aus dieser totalen Zeitlichkeit erzeugt sie Transzendenz.

Die Transzendenz der Musik bietet einen Zugang zum eigenen Selbst

Mit dem Abstand von 30 Jahren muss man konstatieren: Diese drogennehmenden Zwanzigjährigen, die aus Galerien geworfen wurden, waren ganz dicht dran. Man braucht gar keine Himmelsbilder für die Transzendenz der Musik von Spacemen 3. Sie ist eher so was wie der Zugang zum eigenen Selbst bei gleichzeitiger Selbstauflösung. Eine Versöhnung von objektiver Welt und subjektiver Erfahrung der eigenen Endlichkeit und Empfindsamkeit und der kalten objektiven Beständigkeit der Welt. Eine Art Zugang zum Geistigen, das in allen Dingen steckt.

Mit 23 war Will Carruthers ausgebrannt. Er hatte sechs Alben gemacht, war zwei Jahre auf Tour gewesen und pleite. Also trug er Ziegel. Er wollte sich gerne ein paar Monate in ein sehr stilles Haus setzen. Stattdessen arbeitete er direkt nach seiner Zeit bei Spiritualized in einem Schlachthaus. Als Vegetarier. Er verließ die Szene und die Partys. Achtzehn Jahre lang hatte er kein Konto und trug sein Geld in einer Socke bei sich. Vor zehn Jahren zog er nach Berlin und eröffnete sein erstes Konto.

Das Geld für seine Behandlung hatte er nach zwei Tagen zusammen. Jetzt versucht er, seine medizinischen Akten zu finden. Das ist beinahe unmöglich. Es ist zehn Jahre her, dass er in England war. In Deutschland konnte er nie einen Arzt bekommen. Um eine Versicherung zu kriegen, hätte er jeden Monat 800 Euro zahlen müssen, weil er eine Vorerkrankung hatte. "Gilead haben mich kontaktiert. Die Firma, die das Medikament herstellt. Sie hatten den Kickstarter gesehen und sagten, "Oh, wir können dich in ein Pflegeprogramm stecken." Das sind harte Leute. Sie wollen keine schlechte Presse. Sie sind sehr empfindlich, was die Kosten dieses Medikaments angeht. In diese Richtung bewegt sich die Medizin. Es gibt keinerlei Möglichkeit, dass das deutsche Gesundheitssystem diese Krankheit jemals heilt. Die Leute können sich die Medikamente einfach nicht leisten." Er grinst. "Ist anders, wenn du ein Milliardär bist. Als Milliardär kannst du für immer leben." Er kann kaum aufhören zu lachen, als er das sagt.

In Berlin wurde er aus seiner Wohnung geworfen. Er bezweifelt, dass er je wieder eine finden wird

Das Seltsame an vielen der Spacemen-Songs ist auch, dass sie keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende haben. Sie tauchen einfach auf und verschwinden wieder. Inzwischen ist Will Carruthers fast taub. Nach 30 Jahren Musik sei das unvermeidlich, sagt er. Dead Skeletons war die letzte Band, in der er gespielt hat, danach gaben seine Ohren einfach auf. "Ich danke Gott, dass ich keine Musik mehr machen muss. Danke, Jesus, dass du mich hast taub werden lassen", sagt er und lacht wieder. Will Carruthers lacht viel. Jetzt macht er Bücher. Die Spannung aus Rohheit und Psychedelik war immer das Besondere an Spacemen 3. Sie betonen sie durch ihre ironischen Titel auch selbst, interessanterweise ironisieren sie damit nicht ihre Musik, sondern befreien sie nur von jeglichem ambitiösen Ballast, damit sie wirken kann. Das tut sie bis heute.

Im vergangenen Oktober wurde Carruthers aus seiner Wohnung geworfen. Er hatte neun Jahre in Prenzlauer Berg gewohnt, stellte seine Sachen auf die Straße und ging. Er liebt Berlin, aber weiß nicht, ob er je wieder eine Wohnung finden wird. "Ich meine, auf dem Papier sehe ich nicht gut aus. Wenn ich Wohnungen vermieten würde, und ich würde meine eigene Bewerbung sehen, würde ich sagen: Der Typ bitte nicht."

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Quelle:
SZ vom 08.08.2017/jdhz
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