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Rock-Legende Will Carruthers:Spacemen 3 und Spiritualized haben den "Test der Zeit" bestanden

Das zweite Set wurde abgesagt, das Management kam und schickte sie nach Hause, weil sie "zu schlecht" waren. "Leute kaufen die Platte noch heute", sagt Carruthers, "dreißig Jahre später. Sie kommen zu mir und sagen mir, wie sehr sie ihnen gefällt. Jemand hat mir erzählt, dass seine Frau zu dem Album ihr Kind bekommen hat. Die Platte hat den Test der Zeit bestanden."

Den "Test der Zeit" hat nicht nur "Dreamweapon" bestanden, auch die anderen Alben von Spacemen 3 und Spritualized hängen eigentümlich zeitlos in der Musikgeschichte. Dabei ist Musik immer im Vergehen begriffen. Der Ruhezustand ist Stille, der Klang das Anormale. Irgendwann wird er verstummen. Man hat heute so viel Lärm um sich, dass man das gerne vergisst. Aber Lärm ist keine Musik, auch wenn Musik Lärm sein oder man aus Lärm Musik machen kann. Musik ist eine unwahrscheinliche, vergängliche, schöne Struktur. Gerade aus dieser totalen Zeitlichkeit erzeugt sie Transzendenz.

Die Transzendenz der Musik bietet einen Zugang zum eigenen Selbst

Mit dem Abstand von 30 Jahren muss man konstatieren: Diese drogennehmenden Zwanzigjährigen, die aus Galerien geworfen wurden, waren ganz dicht dran. Man braucht gar keine Himmelsbilder für die Transzendenz der Musik von Spacemen 3. Sie ist eher so was wie der Zugang zum eigenen Selbst bei gleichzeitiger Selbstauflösung. Eine Versöhnung von objektiver Welt und subjektiver Erfahrung der eigenen Endlichkeit und Empfindsamkeit und der kalten objektiven Beständigkeit der Welt. Eine Art Zugang zum Geistigen, das in allen Dingen steckt.

Mit 23 war Will Carruthers ausgebrannt. Er hatte sechs Alben gemacht, war zwei Jahre auf Tour gewesen und pleite. Also trug er Ziegel. Er wollte sich gerne ein paar Monate in ein sehr stilles Haus setzen. Stattdessen arbeitete er direkt nach seiner Zeit bei Spiritualized in einem Schlachthaus. Als Vegetarier. Er verließ die Szene und die Partys. Achtzehn Jahre lang hatte er kein Konto und trug sein Geld in einer Socke bei sich. Vor zehn Jahren zog er nach Berlin und eröffnete sein erstes Konto.

Das Geld für seine Behandlung hatte er nach zwei Tagen zusammen. Jetzt versucht er, seine medizinischen Akten zu finden. Das ist beinahe unmöglich. Es ist zehn Jahre her, dass er in England war. In Deutschland konnte er nie einen Arzt bekommen. Um eine Versicherung zu kriegen, hätte er jeden Monat 800 Euro zahlen müssen, weil er eine Vorerkrankung hatte. "Gilead haben mich kontaktiert. Die Firma, die das Medikament herstellt. Sie hatten den Kickstarter gesehen und sagten, "Oh, wir können dich in ein Pflegeprogramm stecken." Das sind harte Leute. Sie wollen keine schlechte Presse. Sie sind sehr empfindlich, was die Kosten dieses Medikaments angeht. In diese Richtung bewegt sich die Medizin. Es gibt keinerlei Möglichkeit, dass das deutsche Gesundheitssystem diese Krankheit jemals heilt. Die Leute können sich die Medikamente einfach nicht leisten." Er grinst. "Ist anders, wenn du ein Milliardär bist. Als Milliardär kannst du für immer leben." Er kann kaum aufhören zu lachen, als er das sagt.

In Berlin wurde er aus seiner Wohnung geworfen. Er bezweifelt, dass er je wieder eine finden wird

Das Seltsame an vielen der Spacemen-Songs ist auch, dass sie keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende haben. Sie tauchen einfach auf und verschwinden wieder. Inzwischen ist Will Carruthers fast taub. Nach 30 Jahren Musik sei das unvermeidlich, sagt er. Dead Skeletons war die letzte Band, in der er gespielt hat, danach gaben seine Ohren einfach auf. "Ich danke Gott, dass ich keine Musik mehr machen muss. Danke, Jesus, dass du mich hast taub werden lassen", sagt er und lacht wieder. Will Carruthers lacht viel. Jetzt macht er Bücher. Die Spannung aus Rohheit und Psychedelik war immer das Besondere an Spacemen 3. Sie betonen sie durch ihre ironischen Titel auch selbst, interessanterweise ironisieren sie damit nicht ihre Musik, sondern befreien sie nur von jeglichem ambitiösen Ballast, damit sie wirken kann. Das tut sie bis heute.

Im vergangenen Oktober wurde Carruthers aus seiner Wohnung geworfen. Er hatte neun Jahre in Prenzlauer Berg gewohnt, stellte seine Sachen auf die Straße und ging. Er liebt Berlin, aber weiß nicht, ob er je wieder eine Wohnung finden wird. "Ich meine, auf dem Papier sehe ich nicht gut aus. Wenn ich Wohnungen vermieten würde, und ich würde meine eigene Bewerbung sehen, würde ich sagen: Der Typ bitte nicht."

© SZ vom 08.08.2017/jdhz
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