Kulturwandel "Es gibt jetzt Vorbilder"

Ellie Rowsell von der Indie-Rockband Wolf Alice.

(Foto: Getty Images)

In dieses Vakuum, so sehen es Beobachter wie Anne Haffmans, sind nun die weiblichen Gitarrenbands gestoßen. Mit neuem Selbstbewusstsein und derselben Lust am Tabubruch, die vorher die langhaarigen Männer mit den penisbetonenden Jeans für sich beanspruchten. Als die rein weiblich besetzte Rockband Warpaint vor knapp zehn Jahren groß herauskam, lautete der Tenor der meisten Fans und Magazine noch: Wow, Männermusik, gemacht von Mädchen! "Es gab eine Million Typen in Rockbands", räumte die Sängerin Emily Kokal später ganz entspannt ein: "Unser Geschlecht allein war Nische genug, um einfach machen zu können, was wir wollten. Frauen, die ihre Ideen zusammen äußern - das war noch ein total unangezapftes Fass."

Seither haben sich die Dinge normalisiert. Als im September der Mercury Prize an Wolf Alice verliehen wurde, eine Rockband mit Frontfrau, war dieses sehr ungewöhnliche Detail kaum noch der Rede wert. Den Hinweis, dass sie aufgrund ihres Geschlechts irgendwie besonders seien, würden sich jüngere weibliche Rockbands wie Savages oder Goat Girl ohnehin verbitten. Die Rolle der rotzigen Gitarrenheldinnen nehmen sie genauso selbstverständlich an wie frühere weibliche Rockfans die der Groupies.

Merkwürdig wirkt es dagegen schon eher, wenn heute eine Band jung, aber komplett männlich besetzt ist. Etwa Wanda aus Wien: Obwohl die Musiker nur halb so alt sind wie, sagen wir, U2, und wenig mit deren Motorradjacken-Sonnenbrillen-Ästhetik gemeinsam haben, fühlt sich ein Wanda-Konzert im Jahr 2018 schon fast unzeitgemäß und männerkultig an. Langsam verschieben sich Referenzen.

Wenn auch bei einigen langsamer als bei anderen. Als das Hurricane-Festival vor ein paar Wochen seine Headliner fürs Jahr 2019 präsentierte, war darunter mal wieder nicht eine einzige Frau. Die Aufregung war groß. Kein Wunder, dass die klassischen Männerrockfestivals Rock am Ring, Rock im Park oder Southside in letzter Zeit dramatisch an Gästen verlieren.

Vielleicht wäre das also eine halbwegs akzeptable Pauschalaussage: Während Männer den Erfolg der alten Rezepte noch abreiten, bis auch der letzte Babyboomer zu taub für einen Albumkauf ist, erkunden Frauen tendenziell das Neue. Solche Rückzugsgefechte sind natürlich nicht auf die Musik beschränkt; die Kandidatur für den CDU-Parteivorsitz von Friedrich Merz, der gerne mit seiner Jugend als sauerländischer Easy Rider auf dem DKW-Moped kokettiert, hatte ähnliche Pointen.

Aber zurück zur Gitarre: Wie dieses Neue aussehen könnte, beschrieb vergangenes Jahr der US-Sänger Sufjan Stevens einem Reporter des New Yorker sehr treffend. In Stevens' Band spielte Annie Clark Gitarre, bevor sie als St. Vincent ihren weltweiten Solo-Durchbruch schaffte. Über die Gitarrensoli seiner Bandkollegin berichtete Stevens: "Alle Männer spielen immer möglichst viele Noten möglichst schnell. Annie lehnte dieses offensichtliche weiß-männliche Masturbationszeug ab." Statt sich am erigierten Gitarrenhals abzuarbeiten, habe sie nur mit ihren Effektpedalen am Boden gespielt. Stevens zufolge klang das, "als würde das Monster von Loch Ness in einem Silo ein Kind zur Welt bringen." Was man wiederum nicht dringend lieben muss - aber sicher als neu und ungehört bezeichnen darf.

Die Musikmanagerin Haffmans sagt, sie habe noch nie so viele erfolgreiche Musikerinnen gesehen, "die gerade den Sprung aus ihrer Nische heraus machen." Der Unterschied zu früher sei: Sichtbarkeit. "Es gibt jetzt Vorbilder. Frauen mit Gitarren, an denen sich Mädchen orientieren können." Dazu passt dann übrigens, was der angeschlagene Gitarrenhersteller Fender im Oktober freudig verkündete. Dass nämlich mittlerweile jeder zweite Neukunde in den USA und Großbritannien eine Kundin sei. So viele wie noch nie in der Unternehmensgeschichte.

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