Kulturwandel Als die Frauen die Rockmusik retteten

Neue Typen, neue Sängerinnen, neue Gesten sind auf den Konzertbühnen weltweit zu entdecken. Hier die Songwriterin Annie Clark alias St. Vincent.

(Foto: imago)
  • Weiße, männliche Rockmusik scheint kaum noch junge Menschen zu interessieren.
  • Dafür erfinden Frauen gerade das Genre neu.
  • Die Protagonistinnen der neuen weiblichen Rockmusik heißen zum Beispiel St. Vincent, Courtney Barnett, Mitski oder Snail Mail.
Von Jan Stremmel

Und dann, sagt Anne Haffmans, sei da plötzlich dieses eine Gitarrensolo gewesen, im vergangenen Juni in Berlin. "Mein persönliches Schlüsselerlebnis." Man kann sich Videomitschnitte davon auf Facebook anschauen: Auf einer Art Laufsteg im Berghain rotzt die britische Sängerin und Gitarristin Anna Calvi ein Solo hin, das einer Kunstperformance gleicht: Mehrere Minuten lang drischt sie auf die Saiten ein, sie fällt auf die Knie, irgendwann liegt sie schweißnass auf dem Rücken, spielt immer heftiger, ein weiblicher Brian May auf Speed. "Dieses männliche Ritual so dermaßen ironisch zu überhöhen", sagt Haffmans, "das habe ich in 24 Jahren in dem Geschäft noch nie erlebt."

Anne Haffmans kennt sich aus mit Gitarrenmusik, ihr Erstaunen hat also ein gewisses Gewicht. Sie leitet den deutschen Ableger des britischen Indielabels Domino Records, der Plattenfirma von Franz Ferdinand oder den Arctic Monkeys. Man muss aus ihrer Begeisterung vielleicht herausrechnen, dass die Künstlerin, deren Gitarrensolo sie so lobt, bei Haffmans Label unter Vertrag steht. Allerdings spricht sie am Telefon genauso begeistert von einem Dutzend anderer Künstlerinnen, die für sie, genau wie Calvi, Belege dafür sind, dass hier gerade etwas grundsätzlich Neues entsteht.

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Rockmusik der alten Schule scheint ziemlich am Ende zu sein, irgendwie auserzählt. Das ist der eine Teil. Der andere Teil ist, dass sie, wenn man Experten wie Haffmans glaubt, gerade an anderer Stelle neu erfunden wird. Eine Stufe unterhalb der Charts und Stadien, sozusagen im Mittelbau der Musik: der Welt der Indielabels und mittelgroßen Konzerthallen. Von Frauen. Und zwar als Gegenentwurf zu der Breitbeinigkeit, die das Genre bisher beherrschte.

"Es tröstet mich", notierte Kurt Cobain in sein Tagebuch, "zu wissen, dass Frauen die einzige Zukunft des Rock 'n' Roll sind." Der Satz ist von 1993. Und ein Vierteljahrhundert später scheint die Zukunft, von der der Nirvana-Frontmann und vielleicht erste feministische Rockstar träumte, tatsächlich begonnen zu haben.

"Es tröstet mich zu wissen, dass Frauen die einzige Zukunft des Rock'n'Roll sind"

Die Protagonisten der neuen weiblichen Rock-Mittelschicht heißen zum Beispiel St. Vincent, Courtney Barnett, Mitski oder Snail Mail. Eine Liste zeitgenössischer Musiker, die gerade "interessante, bilderstürmerische Dinge" mit der Rockmusik anstellten, so beschrieb es kürzlich ein Kritiker des Guardian, "müsste überquellen mit weiblichen Namen". Und mit dieser Meinung ist er nicht alleine.

Die Jahresbestenlisten, die in den letzten Wochen überall zu lesen waren, bergen zwei Erkenntnisse: Kommerziell erfolgreich ist gitarrenbasierte Musik fast nur noch, wenn sie von 70-jährigen Altstars kommt, die seit Jahrzehnten im Geschäft sind: Best-of-Alben, neue Editionen, Soundtracks zu Filmen wie "Bohemian Rhapsody". Auf der Liste der umsatzstärksten Tourneen des Jahres kommt erst an sechster Stelle überhaupt eine Rockband - natürlich keine junge, frische, sondern die Eagles. Gründungsjahr: 1971. Der Rockstar klassischer Prägung hat sehr offensichtlich ein Problem mit dem Nachwuchs. Die zweite Erkenntnis lässt sich zum Beispiel an den Meta-Bestenlisten ablesen, in denen die Bewertungen Hunderter Kritiker vom Rolling Stone über Pitchfork bis zur New York Times zusammenfließen: Sieben der zehn durchschnittlich am besten bewerteten Alben des Jahres stammen von weiblichen Künstlern. Und sechs der zehn besten Songs.

Was sich da also gerade verändert, lässt sich vielleicht folgendermaßen zusammenfassen: Während weiße, männliche Rockmusik kaum noch junge Menschen interessiert, stammt Musik, die von Experten als relevant, hochwertig und besonders zeitgemäß eingestuft wird, überwiegend von Frauen. Alles in allem wäre Kurt Cobain mit dem Musikjahr 2018 vermutlich zufrieden.

Der "Tod des Rock 'n' Roll" ist natürlich keine sehr originelle Diagnose. Als Belege dafür galten in der Vergangenheit zum Beispiel: der Tod von Buddy Holly. Der Einzug des LSD-Rocks. Der Erfolg des Hair Metal. Die Erfindung des weißen Hip-Hop. Der Selbstmord von Kurt Cobain, die Dominanz von Boybands, und so weiter. Rückblickend lässt sich sagen: Es ging dann doch jedes Mal relativ zuverlässig weiter.

Große Gesten: die Musikerin Courtney Barnett.

(Foto: imago)

Nun aber liegt das Problem vielleicht tiefer denn je. Denn die Geschlechterrollen wollen nicht mehr passen. Und die waren in der Rockmusik über die sechs Jahrzehnte ihrer Existenz hinweg sehr konsequent festgelegt: Hier die Band als rebellischer Männerbund - dort die Frau als konsumierbarer Groupie (wenige exotische Ausnahmen wie Janis Joplin oder Patti Smith mal ausgenommen). Courtney Love, die Ehefrau von Kurt Cobain, taufte ihre feministische Punkband Ende der Achtzigerjahre nicht ganz zufällig Hole, Loch: nach der Hauptfunktion, die eine Frau im Macho-Rock'n'Roll seit jeher zu erfüllen hatte.

Über Jahrzehnte funktionierte dieser eingebaute Sexismus als aufregender Bruch mit gesellschaftlichen Normen wie der Ehe. Aber in einer Gesellschaft, die sich in den vergangenen Jahren auf Gleichberechtigung und Teilhabe geeinigt hat, wirkt diese Haltung grotesk aus der Zeit gefallen. Und die Kunstform Rock, die immer den Zweck hatte, Konventionen zu brechen, wie eine Hochburg des Gestrigen.

Wie konkret das Problem ist, sieht man nirgendwo so deutlich wie in der Gitarrenindustrie. Hersteller wie Gibson oder Fender beklagen katastrophale Verkaufszahlen. Weil es heute "keine Gitarrenhelden" mehr gebe, wie ein frustrierter Händler kürzlich der Washington Post erklärte: Figuren wie Eric Clapton, Jimmy Page oder auch Cobain, die Generationen von Jungs an die Klampfen getrieben haben. Sie interessieren längst keinen Menschen unter 40 mehr.