Daniel Defoe "Wir sollten Robinson Crusoe loslassen"

Der Immigrant, der zum Unterdrücker wird: Das Titelbild einer Robinson Crusoe-Ausgabe zeigt die Figuren Crusoe und Freytag.

(Foto: oH)

Vor 300 Jahren erschien "Robinson Crusoe". Der britische Autor Charles Boyle erklärt, warum der Titelheld, ein weißer Imperialist, so problematisch ist.

Interview von Theresa Hein

Vor 300 Jahren wurde Daniel Defoes Roman "Robinson Crusoe" in England das erste Mal veröffentlicht. Seitdem ist er in vielfachen Bearbeitungen und Kürzungen erschienen, wurde neu interpretiert und umgeschrieben. Der britische Lyriker Charles Boyle erklärt in seinem Buch "Good Morning Mr. Crusoe", wie die Figur als Zugpferd für den Imperialismus genutzt wurde und rät zu einer kritischeren Lektüre.

SZ: Herr Boyle, was machte "Robinson Crusoe" überhaupt zu so einem großen Erfolg?

Charles Boyle: Abenteuergeschichten waren im 18. Jahrhundert sehr beliebt. Die meisten dieser Texte waren allerdings faktenbasiert. Daniel Defoe fiktionalisierte die Geschichte des Seefahrers Alexander Selkirks und gab ihr dadurch, dass er bestimmte Ereignisse erfand, mehr Leben. Vor allem die Erzählung, wie ein Schiffbrüchiger auf fremdem Territorium überlebte, interessierte die Leser sehr. Auf der Titelseite der Erstausgabe von "Robinson Crusoe" stand außerdem, Crusoe sei der Autor der Geschichte. Die Menschen dachten zu Anfang, dass Robinson Crusoe real sei und diese Dinge wirklich erlebt hätte. Defoe ließ die Menschen zunächst in dem Glauben und gab erst später zu, alles erfunden zu haben. Auch diese Illusion trug zum Interesse an dem Buch bei, alleine im ersten Jahr wurde es drei Mal nachgedruckt.

Das Buch wurde in vielen Variationen bearbeitet und besonders oft als Kinderbuch adaptiert. Warum?

Die Erzählung wurde als pädagogisches Instrument genutzt. Das Insel-Narrativ war ideal, denn es behandelte Werte wie Eigenständigkeit, den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und das Vertrauen zu Gott. Das wollten die Lehrer den Kindern vor allem im 19. Jahrhundert, aber auch später, einimpfen. Rousseau nannte das Buch eine der gelungensten Abhandlungen über natürliche Erziehung, die je geschrieben wurden. Und dann war da noch der Gegenstand der Geschichte: Ein fremder Seefahrer kultiviert ein unbekanntes Land und macht sich einen seiner Bewohner untertan. Das ließ sich wunderbar vor den Karren des britischen Imperialismus spannen und trieb die Verwendung als pädagogische Vorbild-Erzählung an Schulen nur noch weiter voran.

Warum war Robinson Crusoe trotzdem eine spannende Figur?

Er wurde in eine relativ reiche Familie geboren, trotzdem konnte er es kaum erwarten, seine Eltern zu verlassen um zur See zur fahren und Abenteuer zu erleben. Auf der Insel wird er dann selbst zur Kopie des gewissenhaften Engländers, vor dem er eigentlich wegrennen wollte. Außerdem ist er Immigrant, sein Vater war Deutscher, und auf die fremde Insel kommt er wiederum selbst als Immigrant. Umso interessanter ist es, wie er sich auf der Insel und gegenüber dem Schwarzen, den er zu seinem Diener macht, verhält.

Der britische Lyriker Charles Boyle hat ein Buch zum 300. Geburtstag von "Robinson Crusoe" veröffentlicht, in dem er das Werk hinterfragt.

(Foto: Privat)

Diese Widersprüche kennt heute kaum noch jemand, sie sind den Kürzungen zum Opfer gefallen.

In den vereinfachten Versionen und denen, die für Kinder geschrieben wurden, wurde oft nur noch das Bild des heroischen weißen Mannes alleine auf einer Insel geprägt. Und das ist natürlich alles andere als hilfreich. Es steht den sehr komplexen Themen entgegen, mit denen man sich im Umgang mit der Erzählung auf jeden Fall beschäftigen muss: Rasse, Unterdrückung, Gender und Kolonialismus. Diese Themen werden im Originaltext alle aufgegriffen. Der Fakt, dass Crusoe auch als Plantagenbesitzer und Sklavenhändler erfolgreich war, wurde in den Vereinfachungen bequemerweise ausgelassen. Auf diese Weise wurde ein Sklavenhändler, der nicht viel von Frauen hielt, zum Rollenmodell. Auch deswegen: Wir sollten Robinson Crusoe loslassen. Wer geschichtliche Fakten und Literatur vereinfacht, wie die Briten das zum Bespiel mit ihrer Rolle im Zweiten Weltkrieg oder dem Charakter Winston Churchills tun, fährt damit selten gut. Aber das machen viele Nationen: vereinfachte Geschichten von sich selbst verbreiten.

Das Buch wird häufig als der "erste englische Roman" bezeichnet. Sie sagen hingegen, es sei literarisch eher schwach. Warum?

Das Buch ist einfach langweilig geschrieben, sehr schwerfälllig, das sehe nicht nur ich so. Robert Louis Stevenson beklagte den mangelnden Stil und die Weitsicht im Vergleich zu anderen großen, englischen Romanciers, E.M. Forster verglich es mit einer Anleitung für Pfadfinder. Deswegen lesen heute auch so wenige Menschen das Buch. Viel schwerer wiegt aber, wozu es genutzt wurde. Man hat sich der Erzählung bedient, und tut es auch heute noch, um den täglichen Machtanspruch des weißen Mannes zu stützen. Das, was auch die Lehrer den Kindern einimpfen wollten, war: Vertraue Gott, arbeite hart und du wirst nicht nur erfolgreich sein - sondern du wirst auch Macht über andere Menschen ausüben können.

Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, wir müssen Crusoe loslassen?

Wenn ich sage, wir sollten Robinson Crusoe loslassen, meine ich damit nicht, dass niemand mehr das Buch lesen sollte. Jeder kann lesen, was er will. Aber wir sollten dem Text nicht mehr so unhinterfragt huldigen und ihm diesen mächtigen Status im literarischen Kanon geben. Diese Ehrerbietung muss weg, sie lähmt. Wir sind eingesperrt in einem Defoe-Isolationismus, der einer offeneren und explorativeren Beziehung mit Anderen im Weg steht.

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