bedeckt München 17°

Verfilmung von Roberto-Saviano-Roman:Nimm dir, was du willst

Paranza - Der Clan der Kinder

Wer nicht zur Mafia gehört, erscheint in der Welt dieser Kinder wie Außerirdische.

(Foto: Prokino)
  • Der Kinothriller "Paranza " nach dem Roman von Roberto Saviano zeigt, wie eine Gruppe Teenager zu brutalen Mafiosi aufsteigt.
  • Der Film kommt jedoch im Vergleich zum Buch naiver daher. Immer wenn es hart wird, sieht der Film weg - und verharmlost stattdessen die Existenz von Straßengangstern.

Am Anfang fällen sie einen Weihnachtsbaum. Sie schleifen die geschmückte, meterhohe Tanne über den marmornen Boden der Einkaufspassage, bis der Stecker aus der Wand reißt und die bunten Lichter ausgehen. Etwas Besseres, als den Weihnachtsbaum aus dem Viertel der feindlichen Jugendgang zu stehlen, fällt den Jungs um den 15 Jahre alten Nicola nicht ein. Heiligabend, einer der höchsten christlichen Feiertage, den man in Italien noch etwas ernster nimmt als in manchen nördlicheren Ländern Europas, markiert so etwas wie den äußersten Rand ihrer Vorstellungskraft. Was soll in der Vorstellung eines Jungen auch noch kommen nach Befana, der italienischen Weihnachtsfee, die Geschenke bringt? "Das ist ja wie Weihnachten", ruft später einer der kleineren Jungs, als sie das Waffenlager ihrer großen Brüder entdecken.

"Paranza - Der Clan der Kinder" ist die Verfilmung des ersten Romans von Roberto Saviano, der mit "Gomorrha" berühmt geworden ist, einer fiktionalisierten Reportage über die Mafia in Neapel. Seitdem steht er unter Polizeischutz, denn die Mafia hat ihm wegen seiner publikumswirksamen Darstellung ihrer Machenschaften mit dem Tod gedroht. Diese Drohung gilt nach wie vor und Saviano ist trotz der Einschränkungen einer der wichtigsten Intellektuellen Italiens geworden, der sich zu so ziemlich jedem Thema öffentlich äußert. Mindestens Teile der organisierten Kriminalität Italiens scheinen sich inzwischen zumindest teilweise mit diesem verfemten Autor abgefunden zu haben, denn die Serien-Verfilmung von "Gomorrah", die ebenfalls in Neapel spielt, soll für viele Mafiosi und solche, die es werden wollen, ein glorreiches Vorbild sein, sogar, was die Kleidung angeht.

Die ist auch für die Jungs um Nicola im "Clan der Kinder" eine starke Triebfeder für ihre kriminellen Machenschaften. Wer nicht mit den neuesten Sneakern, den richtigen T-Shirts und den Jacken amerikanischer Baseballmannschaften durch die Gassen streunt, wird nicht ernst genommen. Dieses Neapel ist in den Romanen und Filmen Savianos eine Welt in der nur die Clan- und Familienzugehörigkeiten für Ordnung sorgen. Wer sich ins falsche Viertel verirrt, kann sein Leben riskieren. Der Stadtplan in den Köpfen der Jungen ist nach den Hoheitsgebieten der Mafiafamilien strukturiert. Wer wo das Sagen hat, bestimmen das Erbrecht oder die Fäuste. Notfalls wird geschossen. Für Nicola und seine Jungs ist vollkommen klar, dass sie sich zwischen Schutzgelderpressung und Drogenhandel im kleinen Stil ihr eigenes Reich aufbauen müssen.

"Paranza" bedeutet im neapolitanischen Dialekt so viel wie "Schleppnetz"

Dieser Nicola wird im Film als etwas naiver, aber zu allem bereiter und im Herzen grundguter Bursche dargestellt, der sich rührend um seine alleinerziehende Mutter, den kleinen Bruder und seine Freundin kümmert. Opportunistisch biedert er sich sowohl dem gerade dominierenden, als auch dem einst herrschenden lokalen Mafiaclan an. Man weiß ja nie, wie sich die Machtverhältnisse in Zukunft verändern. Nicola möchte ganz oben mitmischen. Oder wenigstens in den Sphären, die er dafür hält. Dass die Mafia inzwischen mit ganz anderen Dingen Geld verdient, liegt außerhalb von Nicolas Vorstellungskraft und wird im Film kaum thematisiert. Gras an Studenten zu verticken ist längst zu vernachlässigen gegen den Schmuggel, für den der Hafen in Neapel auch berühmt ist oder gegen den internationalen Handel mit Kokain, über den Saviano ebenfalls ein ganzes Buch geschrieben hat. Diese Logistik ist aber nicht so filmreif wie eine Bande halbstarker Jugendlicher mit Pistolen im Hosenbund.

Die Welt im Film wird aus der kleinen, übersichtslosen Straßenperspektive der Kinder gezeichnet. Wer nicht zur Mafia gehört - Polizisten; Händler, die Schutzgeld zahlen müssen; Studenten, die gute Drogenkunden sind -, erscheint in der Welt dieser Kinder wie Außerirdische. Bürgerliche Existenzen sind für sie keine Option, selbst beim Drogenverkauf vor der Uni kommen die Jungen nie eine Sekunde auf die Idee, dass sie in wenigen Jahren auch hier studieren könnten, wenn sie wollten. Oder überhaupt mal zur Schule gingen.

In Nicolas Welt wird aber nicht gearbeitet. Man nimmt sich, was man will. Zum Beispiel Letizia, das schönste Mädchen der Stadt mit einer Schwäche für Jungs mit Knarren und Motorrollern. In der Romanvorlage, die wesentlich härter und brutaler von den Straßen Neapels erzählt als dieser Film, will Letizia von Nicola gar nicht so viel wissen, das Verhältnis grenzt an eine ständige Nötigung. Im Film ist die Teenagerbeziehung wesentlich harmloser. Als sei es eben alles ganz normal, was dieser Nicola den ganzen Tag so treibt.

Nach einem Polizeieinsatz nutzen die Jugendlichen das Machtvakuum aus

Diese jugendliche, kleinkriminelle Existenz bekommt einen unerwarteten Schub, als die Polizei bei einer Mafia-Hochzeit, auf der Nicola mit seiner Gang kellnert, auf einen Schlag fast die ganze Führungsriege der organisierten Kriminalität Neapels festnimmt. Die große Chance der Jugendlichen ist gekommen.

Ein Glück, dass sich Nicola auch mit der einst ausgebooteten Familie gut gestellt hat. Gemeinsam füllen sie jetzt das Machtvakuum in den Gassen, besorgen sich Schnellfeuerwaffen, deren Bedienung sie auf Youtube lernen und schüchtern mit Überfällen die wenigen verbliebenen Kontrahenten ein. Jetzt sind sie da, wo sie hinwollten. Mit nur 15 Jahren haben sie auf den Straßen Neapels das Sagen.

"Paranza" bedeutet im neapolitanischen Dialekt so viel wie Schleppnetz. So werden die Fischerboote genannt, die mit Scheinwerfern die Fische direkt in die Netze locken und sie dann, von dem gleißenden Licht fasziniert, aus dem dunklen Meer an die Oberfläche ziehen. So beschreibt es Saviano zu Beginn des Romans. "Paranza" kann aber eben auch eine Straßengang bezeichnen, deren Mitglieder von unerreichbaren Verheißungen angelockt wie in einem Schleppnetz gefangen werden. Das Schleppnetz als Metapher für das frühe Abdriften der Jugendlichen in die Fänge der Mafia? Die organisierte Kriminalität bringt die Kinder, wie die Fische im Schleppnetz, in eine Lage, die sie gar nicht überblicken können und aus der sie aus eigener Kraft auch nicht mehr entkommen können, so die Botschaft. Aber kommt dieser unbedingte Wille zur Macht, der die Kinder antreibt, auch von außen? Oder ist vieles eben doch eine bewusste Entscheidung und kein willenloses Folgen?

Diese kriminellen Dynamiken sind, wie auch immer sie entstehen, mit Sicherheit ein großes Problem, vor allem im südlichen Italien. Wie bei der Fernseherie "Gomorrah" wirft der eigentlich schön inszenierte, spannende und von den jungen Laiendarstellern sehr gut gespielte Film aber die Frage auf, warum er diese Existenz als kleiner Straßengangster romantisiert und verharmlost. "Paranza" ist ein Film, der mehr über Politik, als über Kriminalität erzählt. Welche Mechanismen wirken in einem Machtvakuum? Das lässt sich an der Geschichte der Straßenkinder beobachten. Immer aber, wenn es hart wird, sieht der Film weg. Ausführlich werden dagegen die rauschenden Klubnächte und die Raubzüge der Kinder in Szene gesetzt. Das wirkt, als sei der Film ästhetisch auch in ein Schleppnetz des Glamours und der großen Versprechen geraten, aus dem er sich weder befreien kann noch will.

La paranza dei bambini - Italien, 2019. Regie: Claudio Giovannesi. Buch: Claudio Giovanne si, Roberto Saviano, Maurizio Braucci. Kamera: Daniele Ciprì. Mit: Francesco di Napoli, Viviana Aprea. Prokino, 105 Minuten.

Lesen Sie jetzt mit SZ Plus:
Kino "Wie schwierig es heute ist, jung zu sein"

Roberto Saviano im Interview

"Wie schwierig es heute ist, jung zu sein"

Mafiaexperte Roberto Saviano steht seit 2006 unter Personenschutz. Ein Gespräch über seinen gerade verfilmten Roman "Paranza" und die Frage, wie aus jungen Menschen mörderische Mafiosi werden.   Von Philipp Stadelmaier