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Roberto Saviano: Die Schönheit und die Hölle:Der Leser als Leibwächter

Seit seinem Buch "Gomorrha" wird Roberto Saviano von der neapolitanischen Mafia mit dem Tod bedroht. Sein neues Buch sammelt Texte, mit denen er seit vier Jahren die Isolierung seines Alltags zu durchbrechen sucht.

Henning Klüver

Der Müll ist in die Straßen Neapels zurückgekehrt. Der großmäulig angekündigte Sanierungsplan, mit dem die Berlusconi-Regierung nach dem Notstand von vor zwei Jahren das Problem ein für alle Mal lösen wollte, habe sich, so gerade ein Artikel der Tageszeitung La Repubblica, als Bluff herausgestellt. Der Autor des Artikels, der auf das Geschäft mit dem Müll hinweist, bei dem das organisierte Verbrechen riesige Summen verdient, benutzt zur Beschreibung des Vorgangs ein eindrucksvolles Bild: "Wenn man den von den Clans illegal entsorgten Müll aufhäufen würde, entstünde ein Berg von 15600 Meter Höhe auf einer drei Hektar großen Grundfläche." Eine Berg fast doppelt so hoch wie der Mount Everest - "dieses Business hat Zukunft."

Roberto Saviano kommt nach Berlin
(Foto: dpa)

Der Autor des Artikels heißt Roberto Saviano. Er wird von der neapolitanischen Mafia nach dem Erfolg seines Tatsachenromans "Gomorrha" (2006) mit dem Tod bedroht. Trotz der Schwierigkeiten eines Lebens unter Polizeischutz, bei dem er oft den Wohnort wechseln, in anonymen Hotels oder in Carabinieri-Kasernen übernachten muss, wird er jedoch nicht müde, sich als Journalist mit gründlich recherchierten Beiträgen in der Tages- und Wochenpresse zu Wort zu melden.

Schreiben bedeutet für ihn seit nunmehr vier Jahren, die Isolierung seines Alltags zu durchbrechen. Texte aus dieser Zeit hat er in dem Band "Die Schönheit und die Hölle" versammelt. Wenn er zurückblicke, so heißt es in einem Vorwort unter dem Titel "Die Gefährlichkeit des Lesens", so blieben ihm seine Worte als das Einzige, "worin ich mich wiedererkenne, woran ich die Umrisse eines lebendigen und atmenden Körpers in Raum und Zeit festmachen kann."

Dabei geht es ihm nicht nur um Themen aus dem Umfeld des organisierten Verbrechens (dabei kann man etwa seine Müll-Reportage von vor zwei Jahren mit der von heute vergleichen), sondern vor allem um Menschen. Saviano schreibt über den Fußballspieler Lionel Messi wie über den Dokumentarfilmer Vittorio De Seta, über den Musiker Michel Petrucciani oder den Schriftsteller Uwe Johnson.

Er erzählt vom russischen Autor Warlam Schalamow (1907-1982), der zwanzig Jahre in einem Gulag gesessen hatte und weitere zwanzig Jahre unter Hausarrest verbringen musste. Oder von der Sängerin Miriam Makeba, die bereits schwer krank zu einem Solidaritätskonzert ins Hinterland von Neapel fuhr, wo fast ein Dutzend Schwarze bei einem Camorra-Anschlag ums Leben gekommen waren; Makeba starb nach ihrem Auftritt an einem Herzinfarkt.

Im Leben der ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja sieht Saviano eine Art Spiegel zu seiner eigenen Situation. Anna Politkowskaja wusste, dass die Leser und die öffentliche Aufmerksamkeit ihre Worte schützen würden, dass die Leser "ihre eigentlichen Leibwächter" waren. Und so versammelt Roberto Saviano seine Texte in einem Buch, "um den Worten Dauer zu verleihen". Dabei möchte er den Leser gleichsam zum Komplizen machen.

Können Worte die Wirklichkeit verändern?

In einer Rede, die er auf Einladung zu einer Veranstaltung der Schwedischen Akademie hielt, heißt es, dass der Schriftsteller zwar mundtot gemacht werden könne, aber in dem Leser einen engen Verbündeten habe. Und solange es diesen Leser gebe, "kann den Worten eines Schriftstellers nichts passieren." Und so träumt Roberto Saviano davon, dass seine Worte etwas bewirken und "die Wirklichkeit verändern" könnten.

Einige Texte hatte der Autor beim Erscheinen des Buches in Italien im vergangenen Jahr für eine szenische Lesung im Mailänder Piccolo-Theater aufbereitet. Im Theater, so fand er, gewinne das Wort Bedeutung und Körper. Und zugleich wollte er sich einfach mal wieder unter Menschen fühlen. In Italien müssen mehr als 700 Menschen unter Polizeischutz leben, viele von ihnen werden von den Mafiaorganisationen bedroht. Das sind vor allem Polizisten und Justizbeamte, aber auch Schauspieler oder Journalisten in Mailand, Neapel und Palermo, die ohne große publizistische Anteilnahme ihrer täglichen Arbeit nachgehen. In der öffentlichen Wahrnehmung erscheint der Fall Saviano dagegen nicht selten als Einzelfall, wobei der Autor entweder zum einsamen Helden stilisiert oder wegen seines Erfolges beneidet und sogar verleumdet wird.

Roberto Saviano hat sich nicht ins Rampenlicht gedrängt, es behindert ihn im Grunde genommen ebenso wie der lästige, aber notwendige Polizeischutz. Dennoch hat er es schwer, sich aus einer Art moralischem Glashaus zu befreien, das letztlich seine Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Er habe, so schreibt er im Vorwort zu diesem Buch, keine Angst, von den Camorristen ermordet zu werden, aber davor, "dass es ihnen gelingen könnte, mich zu verleumden", und das "in den Schmutz zu ziehen", wofür er sich eingesetzt und einen hohen Preis bezahlt habe.

ROBERTO SAVIANO: Die Schönheit und die Hölle. Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 301Seiten, 19,90 Euro

© SZ vom 08.10.2010/kar

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