Zum Tod von Roberto Calasso:Alte und neue Götter

Verleger und Autor Roberto Calasso gestorben

Roberto Calasso im Jahr 2011.

(Foto: Toni Garriga/dpa)

Fromm war er nicht, doch eine rein säkulare Welt hielt er für inakzeptabel: Jetzt ist der italienische Kulturphilosoph Roberto Calasso im Alter von 80 Jahren gestorben.

Von Lothar Müller

In seinem Buch "Der Untergang von Kasch" (1983, dt. 1997) erzählt Roberto Calasso eine Anekdote aus dem Bericht des Dichters und Botanikers Adelbert von Chamisso über seine "Reise um die Welt mit der Romanzoffischen Entdeckungsexpedition in den Jahren 1815 - 1818". Als die Reisenden an einer Insel anlegen, die auf den Karten nicht verzeichnet ist, glauben sie, die ersten Europäer zu sein, die hier an Land gehen. Chamisso erhält von den Bewohnern die Erlaubnis, das Götterbild zu betrachten, das sie verehren. Rasch erkennt er, dass ihn aus der gerahmten Radierung das Porträt einer europäischen Schönheitsikone anlächelt, der französischen Salonnière Juliette Récamier. Wie es auf die Insel gekommen war, wollten die Bewohner trotz dringender Nachfragen nicht sagen, "denn Äußerungen über die Herkunft der Götter galten ihnen als Blasphemie".

Die Weltreise des Autors und Verlegers Roberto Calasso führte durch die Universalbibliothek, und wo immer er anlegte, suchte und fand er alte und moderne Götter und Götzen. Das Unbehagen an der säkularen Welt trieb ihn voran. Den Glauben an die Botschaft, Gott sei tot, hielt er für einen Irrglauben, selbst wenn die Botschaft zutraf.

Fromm war er nicht, aber zeitlebens interessiert an den Radikalisten des Glaubens, wie Blaise Pascal. Calasso war 1941 in Florenz geboren, als Schüler in Rom zum obsessiven Kinogänger geworden und als Student in London im Warburg-Institut in den Bilderatlas des Kunsthistorikers Aby Warburg eingetaucht. Er trug eine Bilderleidenschaft davon, die alle seine Bücher prägte, nicht nur wenn sie, wie "Das Rosa Tiepolos" (2006, dt. 2010), von Malern handelten.

Calassos Autorschaft war von Beginn an mit der Lektoratsarbeit verbunden

Aus dem Turiner Einaudi Verlag, dem Verlag Cesare Paveses und des ermordeten Antifaschisten Leone Ginzburgs, kamen seine älteren Mentoren Roberto Bazlen und Luciano Foà, die 1962 in Mailand den Verlag Adelphi gründeten und den jungen Roberto Calasso hinzuzogen. Das erste große Projekt des Verlags war die kritische, im Rückgang auf die Handschriften in Weimar erarbeitete Nietzsche-Ausgabe von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, die zum intellektuellen Ereignis in der europäischen Nachkriegsgeschichte wurde.

Die Autorschaft Calassos war von Beginn mit der Lektoratsarbeit im Verlag verknüpft, dessen Geschäftsführer er 1971 wurde und zu dessen Programm - darunter Außenseiter der ästhetischen Moderne wie Lautréamont, die österreichische Literatur um 1900, außereuropäische und europäische Mythologie - er berühmt gewordene Waschzettel und Klappentexte beisteuerte. Als vor einigen Jahren Berlusconi auf Adelphi zugreifen wollte, rettete Calasso seinen Verlag durch rasch herbeigeschafftes privates Kapital.

Er traf früh auf die afrikanische Legende vom Königreich Kasch, in dem bei einer bestimmten Sternenposition der König rituell getötet wurde, und trug sie ein in seine Kartografie der Überschreitungen, Verwandlungen, Transformationen der vielen Götter wie des einen Gottes. Den sakralen Ursprung der Macht, der Literatur, der Künste verfolgte er bis nach Indien, ob er in "Ka" (1996) hinduistische Mythen nacherzählte oder in "Die Glut" (2012, dt. 2015) die Hymnen, Mythen und Rituale der vedischen Kultur im Norden des indischen Subkontinents analysierte.

Er zog gegen einen Gesellschaftsbegriff zu Felde, den allein die Soziologen definieren

Es geht in diesem Buch am Ende um die Frage, warum das Ungleichgewicht zwischen Göttern und Menschen durch eine Tötung ausgeglichen werden musste. Diese Frage ist der schwarze Faden im enzyklopädischen Werk Calassos. Sie führt auf den Zusammenhang von Opfer und Kultur, der er noch in seinem letzten Werk "Der himmlische Jäger" (2016, dt. 2020) nachgeht. Darin stehen die Jagd und das Töten der Tiere durch die Menschen nicht am archaischen Ursprung. Sie werden erst durch den Kulturprozess - die Entdeckung des Feuers, die Herstellung von Werkzeugen - möglich und erlauben die Umstellung der Ernährung von Wurzeln, Früchten etc. auf den Fleischkonsum.

Nicht anders als seine anthropologischen Ausschweifungen hatten Calassos Künstlerporträts - über Franz Kafka, Charles Baudelaire oder Tiepolo - einen aktuellen Fluchtpunkt. Sie liefen - etwa in "Die Literatur und die Götter" (2001, dt. 2003) - auf die Warnung zu, dass Literatur und Kunst verarmen, wenn sie ihren Frieden mit der säkularisierten Welt machen. Die Mythenparaphrase nimmt nicht zuletzt deshalb in seinem Werk so großen Raum ein, weil sie für das Nachleben der Götter zuständig ist. Seine Nacherzählung des griechischen Götterhimmels in "Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia" (1988, dt. 1990) wurde zu seinem größten Publikumserfolg.

Mit stets erneuerbarer polemischer Energie zog Roberto Calasso gegen die Alleinherrschaft eines Gesellschaftsbegriffs zu Felde, den allein die Soziologen definieren. Von Marx hatte er sich schon in jungen Jahren verabschiedet ("Der Entdecker historischer Gesetzmäßigkeiten wird immer etwas vom irren Erfinder nutzloser Patente an sich haben."). In "Die geheime Geschichte des Senatspräsidenten Dr. Daniel Paul Schreber" (1974, dt. 1980) entführte er Sigmund Freud eine seiner prominentesten Fallgeschichten, in fortwährender Opposition gegen die Formel "Wo Es war, soll Ich werden".

Nie ging er dabei systematisch vor, immer im Rösselsprung von Anekdoten, Ähnlichkeiten und Analogien. Aus der Fusion von Universalbibliothek und Bilderleidenschaft entwickelte er die Form seiner Bücher, das gelehrte Kaleidoskop. Manchmal drehte es sich arg schnell. Nun ist es zum Stillstand gekommen. An diesem Donnerstag ist Roberto Calasso in Mailand gestorben, knapp zwei Monate nach seinem achtzigsten Geburtstag.

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