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Zum Tod von Robert Spaemann:Widerständig, rebellisch, unberechenbar

Dieser Konservatismus Spaemanns blieb aber immer widerständig, rebellisch, unberechenbar. Das Naturrecht diente ihm nicht dazu, bestehende Verhältnisse zu stützen und zu rechtfertigen, sondern um im Gegenteil ihre Grenzen aufzuzeigen und infrage zu stellen, was fraglos schien, um der unhinterfragbaren Menschenwürde willen. Und so engagierte sich Spaemann gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und gegen die Nutzung der Atomkraft, gemeinsam mit seinem Freund Heinrich Böll, was ihm zeitweise den Ruf einbrachte, ein Linkskatholik zu sein. Er war gegen Tierversuche und als Gentechnik-Skeptiker auch bei den Grünen gern gesehen, aber selbstverständlich und scharf gegen jede Liberalisierung von Abtreibungsregelungen, gegen jede Form des assistierten Suizids, gegen die antiautoritäre Pädagogik, die ihm als großer Menschenversuch erschien.

Das war für Spaemann das große Problem der "radikal-emanzipatorischen Selbstaufhebung": Wenn der Mensch sich von jeder inneren und äußeren Bestimmung löst, wird er schließlich nur noch funktional verstanden, er ist nicht mehr Person, sondern Objekt. Sein zweites großes Buch "Personen" aus dem Jahr 1996 trägt den Untertitel "Versuche über den Unterschied zwischen ,etwas' und ,jemand'"; eindringlich tritt er dort jeder Verdinglichung des Menschen entgegen.

In den letzten Jahren seines Lebens stand diese Seite im Denken Spaemanns weniger im Mittelpunkt, diese faszinierende Mischung aus Weltskepsis und Heilsoptimismus: Die Menschen werden mit ihrem Fortschrittsglauben den Globus zugrunde richten. Das Gottesgerücht aber wird bis zum Ende der Tage nicht auszurotten und von daher unsterblich sein.

Sein Eintreten für die vorkonziliare lateinische Tridentinische Messe und seine scharfe Kritik an Papst Franziskus' vorsichtiger Liberalisierung der katholischen Kirche war für seine Kritiker der endgültige Beleg, dass Spaemann im Lager der reaktionären Traditionalisten angekommen war.

Sein Eintreten für die rechtskonservative Zeitung Junge Freiheit verstörte auch viele Konservative, die seine Bücher und Essays schätzten. Spaemann lehnte Bündnisse und Aktionen gegen Rechtspopulisten ab. Der demokratische Staat sei eine Rechtsgemeinschaft, in der nicht alle die gleichen Werte teilen müssten, argumentierte der Philosoph - verstehe er sich als Wertegemeinschaft, drohe die Gefahr des "liberalen Totalitarismus". Im Oktober 2017 unterschrieb er eine "Pariser Erklärung", mit der europäische konservative Intellektuelle eine Rückbesinnung auf die christliche und je nationale Identität als Grundlage Europas fordern.

Was ihn beschäftige, hat Robert Spaemann 2007 geschrieben, sei "die Frage nach dem, was ist, wenn das Palaver abends zu Ende ist". Die Frage bleibt, auch wenn nun einer der Fragesteller tot ist: Am Montag starb der vielfach ausgezeichnete Gelehrte mit 91 Jahren in seinem Haus in Stuttgart.

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