Süddeutsche Zeitung

Klassik:Großes Ohrenkino

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Der Bariton Christian Gerhaher und sein Klavierpartner Gerold Huber bringen auf elf CDs das Liedwerk Robert Schumanns zu Gehör. Alle 299 Lieder. Man muss sagen: Ein Geschenk an die Welt

Von Renate Meinhof

Das Liedpublikum, heißt es, sei ein besonderes - das wahre Publikum nämlich. Menschen, die in Liederabende gingen, suchten nicht Zerstreuung und Unterhaltung, sondern Wahrhaftigkeit, Innerlichkeit. Äußerlichkeiten interessierten sie nicht. Das Liedpublikum wolle Trost und sei bereit, zumindest für die Länge eines Abends, ganz loszulassen und sich den jeweiligen Protagonisten da vorn auf dem Podium - einem Sänger, einer Sängerin mit einem Pianisten - völlig anzuvertrauen. So hat es Gerold Huber einmal formuliert, als man ihn bat, die Menschen zu beschreiben, für die er und der Bariton Christian Gerhaher seit drei Jahrzehnten die "Protagonisten" sind, denen man sich gern anvertraut, und das sogar beim Hören der CDs, die gerade erschienen sind, also auch außerhalb des Konzertsaals.

Vermutlich hat Huber, Gerhahers Klavierpartner, intuitiv den Begriff Protagonist gewählt, der im griechischen Drama zu Hause ist, im Schauspiel, im Film. Sänger im Liederabend sind Protagonisten im Sinne des Wortes, denn sie treiben die vielen kleinen, in sich geschlossenen Handlungen der vertonten Gedichte und Balladen, die ja oftmals Dramen in reinster Form sind, durch ihre Interpretation, die Art der Deklamation, voran.

Am Liedwerk Robert Schumanns, entstanden im "Liederjahr" 1840 und zwischen 1849 und 1852, lässt sich das besonders schön zeigen, denn abgesehen von den bekannteren Liedzyklen - "Dichterliebe", "Frauenliebe und Leben", auch die "Myrthen", Schumanns Hochzeitsgeschenk an seine Braut, die Pianistin Clara Wieck - hat dieser Komponist den zyklischen Gedanken, das Konzeptionelle auch in seinen Liedkompositionen viel weiter entwickelt, als das bis jetzt zu erkennen möglich war.

Bis jetzt. Das heißt, bis zu diesen 627 Gramm Musik, die einem Augen und Ohren für wunderbar verwobene, kleine Kunstwerke öffnen. So schwer oder so leicht ist das gesamte Liedwerk Robert Schumanns, abzüglich der 231 Gramm, die das Booklet auf die Waage bringt. Eine Box mit elf CDs. "Schumann - Alle Lieder" heißt sie, 299 sind es. Elf Stunden Musik. Entstanden sind die Einspielungen in Zusammenarbeit mit BR-Klassik. Gut drei Jahre hat das gedauert.

Für jeden, der Lust hat und neugierig ist, in die Welt der von Schumann in Töne gesetzten romantischen Dichtung einzutauchen, ist diese Box ein Geschenk, ein wildes, soghaftes Abenteuer, und man muss nicht zum Kennerkreis gehören, um zu erleben, wie unglaublich modern Robert Schumann gearbeitet hat. Nichts ist dem Zufall überlassen. Man denkt an Filme von Wes Anderson mit ihrer fast militanten Liebe zum Detail. Sorgfältigst wählt Schumann die Texte aus, stellt sie zusammen, lässt sie ineinanderfließen. Jedes Lied "funktioniert" in sich wie ein Individuum, und doch wirkt es über sich hinaus, knüpft an das folgende an, rekurriert auf ein vorangestelltes Bild, bricht es, verwirrt, sendet Signale aus, löst auf, erlöst. Was nicht zueinander zu passen scheint, beginnt miteinander zu sprechen. Es ist, als hätte Schumann die Inkongruenz, das Überlagern verschiedener Ebenen der Bedeutungen nahezu gesucht, was eine ganz bestimmte Art der Spannung erzeugt. Das genau ist es, was Christian Gerhaher und Gerold Huber seit Jahren in den Bann schlägt an diesem Repertoire.

Zwei sterben für den Kaiser, zwei für die Liebe, eine entsagt für Gott - lauter kleine Dramen

Ein Beispiel. Opus 49, "Romanzen und Balladen" von 1840. Dieser Minizyklus ist wie ein irrwitziger Kurzfilm, getextet von Heinrich Heine und Abraham Emanuel Fröhlich. Zwei halb tote Grenadiere Napoleons schleppen sich nach Frankreich zurück. Dem gefangenen Kaiser treu auch über den Tod hinaus, fantasieren sie davon, wie sie mit Orden, Degen und Flinte aus dem Jenseits noch ihren Kaiser schützen wollen. Schnitt. Ein Schloss, hoch überm Rhein. Zwei Brüder, die ihre Schwerter entscheiden lassen, wer denn "Gräfin Laura" zum Altar führen darf. Beide lieben sie diese Frau, aber "kein Ergrübeln kann's entscheiden", und so kämpfen sie, bis einer "in des andern Stahl" stürzt - wie Eteokles und Polyneikes. Kein schönes Bild. Auch sie kämpfen über den Tod hinaus - wie die beiden Grenadiere Napoleons. Denn Jahrhunderte vergehen, das Schloss ist eine Ruine, doch um Mitternacht hört man noch immer das Klirren der Brüderschwerter.

Schnitt. Zoom auf eine Nonne. Sie steht im Garten, schaut einer Hochzeit zu. Im Angesicht der Braut, die sich vom wilden Tanzen an der Scheibe kurz nur ihre Wangen kühlt, erkennt sie, die Braut Jesu, schlagartig, wozu ihre Lebensentscheidung führen wird: zu freudlosem Erbleichen. "Und unter rother Rose / erbleich' ich Freudenlose". Plötzlich steht da eine Frau, die sich mit einer anderen Frau vergleicht - und neidisch ist. In diesem einen Moment der Begegnung trifft sie die Erkenntnis wie ein Schwert: Ich hier draußen bin im Gegensatz zu ihr da drin jetzt schon begraben. Und doch bleibt offen, welcher der Wege der richtige ist, ob es überhaupt ein Richtig oder Falsch gibt. Drei Lebensentwürfe webt Schumann hier zusammen, obwohl es zunächst so wirkt, als hätten die Texte nichts miteinander zu tun. Sterben für den Kaiser. Sterben für die Liebe. Entsagung für Gott?

"Schumann - Alle Lieder" ist voll von diesen kleinen Experimentalfilmen, für deren hörendes Schauen man gar nicht zum "wahren", wissenden Publikum gehören muss. Wer sich einlässt auf diese Lieder, wird im Augenblick berührt, was auch damit zu tun hat, dass Christian Gerhaher unglaublich genau artikuliert, weshalb man jedes Wort versteht. Auch deshalb gelingt ihm diese ganz unmittelbare, schlichte poetische Mitteilung, das Wahrwerden des lyrischen Ichs. Momente, in denen man den Atem anhält, weil die Stimme mitten ins Herz trifft.

Von wegen Hausmusik! Für Christian Gerhaher ist Schumann der erste wirkliche Konzeptkünstler

Dass er und Gerold Huber jetzt eine Gesamtedition des Schumann'schen Liedwerks vorlegen, ist konsequent, denn es entspricht ihrem künstlerischen Weg, den sie seit ihrer Schulzeit im niederbayerischen Straubing miteinander gehen. Ihre Anfänge - das waren Liederabende mit der "Dichterliebe", mit Schuberts "Winterreise" vor Freunden und Verwandten im Wohnzimmer der Familie Gerhaher. Hausmusik-Atmosphäre also, in die hinein das deutsche Kunstlied im engeren Sinne im 19. Jahrhundert ja geboren wurde. Dietrich Fischer-Dieskau war es, der es nach dem Krieg genau dieser eher sentimentalen Wohnzimmer-Atmosphäre entrissen hat, wie man sie sich am besten mittels der "Schubertiade" vorstellen kann, dieses Bildes von Moritz von Schwind. Alle sitzen oder stehen um Franz Schubert am Flügel herum, schauen sehr wichtig und sehr historisch und können sagen: Ich war dabei. Also nicht das "wahre" Publikum.

Fischer-Dieskau mit seiner prägenden Stimme ist es gelungen, das Lied in der Zeit des großen Kulturhungers in einen größeren, intellektuelleren Zusammenhang zu stellen, es zum Konzertrepertoire zu machen. So hat er die "vokale Kammermusik" erfunden, wie Christian Gerhaher es einmal formuliert hat. Ein Genre, für das er und Gerold Huber mit ihrem uneitlen, kristallinen, nie aufdringlichen oder gefühligen Vortrag stehen. Für Christian Gerhaher ist Robert Schumann der Komponist, der ihn "nach wie vor, von Anfang an bis heute, vollkommen gefangen nimmt". Ein Solitär in seiner radikalen Suche nach dem passenden Ausdruck, der erste wirkliche Konzeptkünstler.

Gerhaher ist Schumannianer. Auch daher also der Wunsch, alle Lieder einzuspielen, und den ganz überwiegenden Teil singt er selbst. Für die Frauen-Lieder, Duette und Terzette sind neben anderen Julia Kleiter, Sibylla Rubens, Wiebke Lehmkuhl und Martin Mitterrutzner dabei. Gerade die Duette und Terzette galten lange als Nebenwerke. "Alle Lieder" macht sie zu Entdeckungen. Besonders mitreißend ist zum Beispiel das "Spanische Liederspiel" Opus 74 - da schimmern Oper und Oratorium durch, die große Form -, Schumann als Komponist von "Genoveva", "Das Paradies und die Peri" und der "Faust-Szenen". "Schumann - Alle Lieder" ist auch ein Stück Kulturgutbewahrung. Höchste Zeit, diesen Reichtum an Themen, an Poesie und Melodie zu Gehör und mit der Gegenwart ins Gespräch zu bringen.

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